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Die Firma Lalique: bei den Bildhauern des Lichts

Wunderbare Kunstwerke aus Kristallglas: Die kostbaren Kreationen der Traditionsfirma Lalique entstehen seit 100 Jahren im Vogesendorf Wingen-sur-Moder.

Der Geist des Windes: Diese Kühlerfigur entwarf René Lalique in den 1920er Jahren. Weil Kühlerfiguren aus Glas in den 1930er Jahren aus Sicherheitsgründen verboten wurden, wird die „Victoire“ heute als Briefbeschwerer oder Buchstütze genutzt. Foto: Mok/dpa

Verlieben darf man sich. Da steht sie diese Vase aus feinstem Kristall, so leuchtend hell wie der Abendstern am Firmament. 1927, als der berühmte Art-Deco-Designer René Lalique das Motiv ersann, muss das gute Stück eine einzige Provokation gewesen sein, ein Affront für prüde Gesellschaftskreise: Frauenkörper, noch dazu allesamt unbekleidet, räkeln sich aufreizend, scheinen unbeschwert über den Kristall zu tanzen.

Das Spiel mit dem Licht ist einfach umwerfend, der Preis für diese Hommage an die Weiblichkeit ebenfalls. Wer sich ein solches Prachtstück von Lalique in die Wohnung stellen möchte, eines Mannes mit feinem Geschmack und geschultem Auge, muss ein paar Tausend Euro auf den Tisch blättern. Doch dafür kann er sich jeden Tag an der „Bacchantes“-Vase, diesem Klassiker für die Ewigkeit, erfreuen.

Ein Klassiker für die Ewigkeit: die „Bacchantes“-Vase mit den nackten Frauenkörpern Foto: wit

René Lalique: Der Name hat Suchtfaktor bei Sammlern und Auktionshäusern. Wenn die erotisch angehauchten Schmuckkreationen des kreativen Genies unter den Hammer kommen, wenn für zauberhaft verspielte Parfümflakons, aparte Kühlerfiguren wie die vom Winde verwehte „Victoire“ oder die springenden Fische neue Besitzer gesucht werden, klettern Preise in schwindelerregende Höhen. Ein Flakon aus dem Jahr 1905, als die halbe Welt dem Juwelier, Künstler und Kunsthandwerker zu Füßen lag, war einem Sammler stolze 216.000 Euro wert. So gesehen ist der kantige, amberfarbene Dekanter, gefüllt mit einem 72 Jahre alten Whisky, für 60.000 US-Dollar schon fast ein Schnäppchen.

Zwischen 250.000 und 300.000 Stücke werden jedes Jahr hergestellt.
Frédéric Bour, Mitarbeiter von Lalique

Das Licht der Welt erblicken all diese Wunderwerke aus Kristall in einem verschlafenen Nest in den Vogesen, wo die Glasherstellung schon immer eine wichtige Erwerbsquelle war. Für Lalique-Fans ist Wingen-sur-Moder mit seinen knapp 1.600 Einwohnern so etwas wie der Heilige Gral, findet sich hier doch das Museum für die Design-Ikone und das ehemalige Wohnhaus des 1945 verstorbenen Firmengründers, das in ein mit Originalmöbeln ausgestattetes Luxushotel mit Zwei-Sterne-Restaurant umgewandelt wurde – mit modernem Anbau, entworfen von dem Architektur-Ass Mario Botta. In der nahegelegenen Manufaktur werden seit 100 Jahren die edlen Stücke der Nobelmarke produziert. „Zwischen 250.000 und 300.000 Stücke werden jedes Jahr hergestellt“, erzählt Frédéric Bour, zuständig für die Kristall-Entwicklung in der Manufaktur.

Die Schmuckwelt erneuert

Als René Lalique den Mittelpunkt seines Schaffens von Paris in die waldreiche Gegend im nördlichen Elsass verlegt, ist der Junge aus Ay in der Champagne bereits ein gemachter Mann, den die Dichterin Colette als „Rodin der Transparenz“ feiert. Der Sohn eines Handelsvertreters entwickelt schon in jungen Jahren ein Gespür für Formen und Materialien, saugt die Natur seiner Heimat wie ein Schwamm auf: Libellen, Heuschrecken, Weinreben und Wiesenblumen werden später Eingang in sein künstlerisches Werk finden.

Die Kanten dieser Vase werden mit Hitze geglättet. Foto: wit

Er beginnt eine Juwelierlehre und lässt sich am angesehenen Sydenham College in London unterrichten, wo er seinen charakteristischen Zeichenstil entwickelt. Von jugendlicher Verve und künstlerischem Ideenreichtum beseelt will er nie Gesehenes schaffen, die Schmuckwelt von Grund auf erneuern. Die besten Adressen der Stadt – von Henri Vever bis Cartier wissen die fantasievollen Modelle des Mannes aus der Champagne zu schätzen, der 1888 seine eigene Firma gründet. Das Ausnahmetalent kombiniert Gold und Edelsteine mit einfachen Schmucksteinen, setzt Akzente mit Emaille, arbeitet mit Glas, Kristall, Leder, Horn und Perlmutt.

Sarah Bernhardt zählt zu seinen Kundinnen

Noch mehr macht der Aufsteiger wegen seiner Motive Schlagzeilen: Pfauen, Schwäne und chinesische Drachen finden sich auf filigranen Broschen und Ohrhängern, neben bronzenen Libellen-Frauen, die an die Femmes Fatales eines Gustave Flaubert erinnern. Laliques Kosmos ist unendlich. Seine grazilen Kreationen entzücken Europas Adel und das Großbürgertum, schmücken Großfürstinnen und Schauspielerinnen. Sarah Bernhardt, die als die größte Tragödin ihrer Zeit gilt, trägt seine Juwelen, deren sinnliche und fließende Formen noch immer verzaubern.

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg vollzieht der gefeierte Bijoutier einen Kurswechsel: Aus dem Meisterjuwelier des Jugendstils wird der Prinzipal des Art Déco-Glases. Lalique tauscht zarte Verspieltheit gegen neoklassizistische Geometrie. Er kauft eine Glashütte unweit von Paris und baut eine weitere Manufaktur in den Vogesen auf, wo er Vasen, Karaffen und Gläser in Serie herstellen kann. Seine Firma fertigt Altäre und Kirchenfenster, Kühlerfiguren, Brunnen und Lüster für Ozeanriesen und Luxuszüge. Selbst das Portal eines Prinzenpalastes in Tokio kommt aus den Vogesen.

Steigen Sie in die höchsten Höhen des Luxus auf und besitzen Sie eines der berühmten handgeformten Meisterwerke von Lalique.
Die Zeitschrift Harper’s Bazaar über Lalique

Lalique ist der erste, der einem schnöden Gegenstand wie einem Parfümflakon Bedeutung beimisst: „Steigen Sie in die höchsten Höhen des Luxus auf und besitzen Sie eines der berühmten handgeformten Meisterwerke von Lalique: den Intaglio-Flakon mit dem Parfüm Styx für fünfundsiebzig Dollar“, jubelt der Schreiber vom Harper’s Bazaar angesichts der Luxusverpackung für die Duftkomposition. Den Flakon für den blumig-würzigen Duft „Ambre antique“ mit den vier antik gewandeten Frauengestalten in Braunrot gibt es gelegentlich noch bei Auktionen zu erstehen.

Der Stoff, aus dem die Träume sind: das geschmolzene Kristallglas Foto: wit

Bei aller Wertschätzung für den Firmengründer: Erst sein Sohn und Nachfolger Marc stellt die Produktion in Wingen-sur-Moder von gewöhnlichem Glas auf Bleikristallglas um. „Das Bleioxid verleiht unseren Produkten diesen strahlenden Glanz, diese durchscheinende Helligkeit“, betont der 48-jährige Frédéric Bour, während er vorsichtig die Skulptur mit den beiden Fischen aufrichtet. Jede einzelne Schuppe ist zu erkennen, jedes Detail der Flossen – als habe der Gestalter den silbrigen Glanz der Fische eingefroren. Ein paar Meter weiter bekommt eine nackte Schöne den letzten (Fein-)Schliff, die schlanken Beine angewinkelt, den Kopf kokett in den Nacken geworfen. „Unser Ziel ist es, mit Licht zu spielen, und das erreichen wir durch die Kombination aus satiniertem und glänzendem Kristallglas“, so der Elsässer.

Handwerk und Herzblut

Wer durch die alten und neuen Hallen im Quartier Lalique in Wingen-sur-Moder schlendert, erkennt sofort: Der Name Lalique steht für Handwerk und Herzblut, für traditionelles Kunsthandwerk und höchste Perfektion. 250 Mitarbeiter fertigen, verpacken und versenden übers Jahr Hunderttausende handgefertigte Unikate – Gläser, Vasen, Schalen, aber auch Einrichtungsgegenstände wie pompöse Tische. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt – vorausgesetzt der Auftraggeber verfügt über den passenden Geldbeutel. Mikimoto, Japans führender Juwelier, ließ sich von der Elsässer Manufaktur einen ganzen Raum gestalten – mit Kristallobjekten, die vierblättrigen Kleeblättern nachempfunden sind. Herzstück des Auftrages, über dessen Höhe Frédéric Bour natürlich schweigt: ein künstlicher Himmel mit Hunderten dieser Glückssymbole.

Bis Objekte wie die berühmte „Bacchantes“-Vase, Tierfiguren oder die „Victoire“ fertig sind – die einstige Kühlerfigur mit dem stilisierten Haar tut heute als Briefbeschwerer oder Buchstütze treue Dienste -, vergehen Hunderte von Arbeitsstunden. In einer der Werkstätten streicht der Potier mit stoischer Ruhe die Oberfläche der Lehmöfen glatt, die für den Brand der Kristallobjekte gebraucht werden.

Halten nur wenige Monate: die Brennöfen in der Manufaktur in Wingen-sur-Moder Foto: wit

Das Monstrum hält nur wenige Monate: Dann ist die Innenseite so bröselig, dass ein neuer her muss. Hinter der nächsten Tür verbergen sich 6.000 Stahlformen, in die das flüssige Glas mit seinen 24 Prozent Bleioxid gepresst wird. Noch vor einem Jahrzehnt wurden die Formen eingekauft. Heute werden sie von einer eigenen Abteilung hergestellt. Jährlich kommen 40 neue Modelle dazu, denn die hauseigenen Designer erweitern das Repertoire der Produkte ständig.

Das heiße Herz der Produktion

Die Fertigungshalle ist das heiße Herz der Produktion. Rund 1.400 Grad beträgt die Temperatur in den Schmelzöfen, wo sich Sand, Bleioxid und andere chemische Elemente in eine zähfließende Masse verwandeln – das genaue Mischverhältnis ist wie so vieles andere bei Lalique Betriebsgeheimnis.

Jeder Handgriff sitzt, wenn die rotgoldenen Tropfen an der Glasmacherpfeife einer ersten Kontrolle unterzogen werden. Unzählige weitere werden folgen, denn die Firmenstrategie duldet nicht den kleinsten Fehler. „B-Ware gibt es bei uns nicht“, betont Frédéric Bour, während seine Kollegen präzise wie ein Schweizer Uhrwerk das flüssige Glas in die Gussformen pressen– was genauso viel Fingerspitzengefühl erfordert wie das Glasblasen. Einschlüsse oder Bläschen sind ein nicht zu tolerierender Makel. Der Ausschuss beträgt bis zu 50 Prozent. Immerhin kann ein Teil der Fehlgüsse wieder eingeschmolzen werden.

Durch den Schliff bekommen die Kreationen von Lalique ihr brillantes Aussehen. Foto: wit

Es ist der Schliff, der die Kunstwerke aus Wingen-sur-Moder so einzigartig macht, der den dortigen Glasmachern den Ehrennamen „Sculpteur de lumière“, Lichtbildhauer, eingebracht hat. Die Magier an den Schleifgeräten glätten die Kanten, spielen mit glänzenden und satinierten Flächen, hauchen Tier- und Menschenfiguren Leben ein. Frauen mit ruhiger Hand und feinem Pinsel veredeln die Oberflächen mit Emaille. Bis zu 40 Stunden brauchen die Künstler für das Haar, das Gesicht und den Körper der römischen Göttin Flora, deren Rücken über und über mit naturgetreuen Kirschblüten übersät ist.

Für Normalsterbliche ist dieses Sammlerstück unbezahlbar, zumal die Auflage auf 99 Exemplare limitiert ist. Doch verlieben kann man sich auch in Winzlinge. Der niedliche Fisch, den René Lalique im Jahr 1913 entworfen hat, gibt es in allen möglichen Farben und schmückt jede Kaffeetafel. Das Beste: Das Kleinod kostet nicht mehr als ein paar gute Schuhe.

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