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Vernichtungslager statt malerischer Gasthof

KZ Natzweiler-Struthof: Vor 80 Jahren schufen die Nazis die „Hölle des Elsass“

Einst suchten hier die Elsässer aus der Großstadt Erholung, bis die Nazis das Gelände des Gasthofs Struthof zu einer Vernichtungsmaschinerie umbauen ließen. Mehr als 52.000 Menschen mussten bis Kriegsende durch die „Hölle des Elsass“ gehen.

Lagertor und Blick über das Lager. Auf den Erdflächen standen einst Häftlingsbaracken. Foto: Anne Telöw

Am 21. und 23. Mai 1941 wurden 300 deutsche Häftlinge nach Natzweiler am Rücken des Bergs Louise gebracht. Dort, wo Straßburger bis dahin in einem hübschen und komfortablen Gasthof, dem Struthof, zu erschwinglichen Preisen sommers wie winters Erholung von der Großstadt suchten, wurden die Männer vor 80 Jahren dazu gezwungen, mit dem Bau des Konzentrationslagers Natzweiler zu beginnen. Nach Mauthausen das tödlichste der Vernichtungslager der Nazis.

52.000 Menschen aus 31 Nationen mussten in den dreieinhalb Jahren des Bestehens des Lagers durch die „Hölle des Elsass“ gehen, wie das KZ mit seinen 53 Außenstellen von Deportierten genannt wurde. Heute gibt eine Gedenkstätte Zeugnis von unvorstellbarer Grausamkeit, Martyrium und vieltausendfachem Tod.

Dass die Nazischergen dieses KZ in malerischer Landschaft auf der einstigen Rodelpiste anlegen ließen, war kein Zufall. 1940 hatte der Geologe und SS-Standartenführer Karl Blumberg das Vorkommen von rotem Granit im Bruche-Tal entdeckt. Der Stein, der dort abgebaut werden konnte, sollte dazu beitragen, Hitlers und seines Architekten Albert Speers Utopien vom Umbau Berlins zur Welthauptstadt Germania zu verwirklichen.

Arbeit im Steinbruch war den Nazis nicht Martyrium genug

Die harte Arbeit im Steinbruch jedoch war aus Sicht der SS für die schlecht ernährten Gefangenen („selbst die Hunde im Lager erhielten bessere Nahrung“, erinnern sich Überlebende) nicht Martyrium genug. Sie ließen für das Lager Terrassen in dem Steilhang mit 20-prozentiger Steigung anlegen und diese durch eine Treppe mit schlecht behauenen und hohen Stufen verbinden.

Hätten junge und gesunde Menschen die Treppe mit leichter Anstrengung erklimmen können, bedeuteten sie für die ausgemergelten Häftlinge eine zusätzliche Qual. Wer nicht schnell genug vorwärts kam, musste mit Schlägen der Wachen rechnen. Noch heute gehen Besucher in der Gedenkstätte den Weg der Gefangenen von der oberen zu den unteren Terrassen.

Der parallellaufende Graben war eine tödliche Falle: Wer dort hineingeriet, wurde sofort vom Wachturm aus erschossen. Immer wieder stießen Wachen Gefangene absichtlich in den Graben.

Die Deportierten mussten den sogenannten 70 Meter langen Kartoffelkeller in den Berg hauen, dessen Zweck sich bis heute nicht wirklich erschließt. Am dem Nordwind zugewandten Hang standen die Häftlinge oft stundenlang in eisiger Kälte zum Appell. Bis zu sieben Mal am Tag wurden sie gezählt, erinnern sich Zeitzeugen.

Das Ziel war die Entmentschlichung der Gefangenen

Der Tisch, auf denen die Ärzte die Menschenversuche unternahmen. Foto: Anne Telöw

Ziel der Torturen war die absolute Entmenschlichung der Gefangenen, vielleicht sogar mehr noch als in anderen Konzentrationslagern. Wer durch das Tor gehen musste, verlor seinen Namen, seine Identität, wurde reduziert auf eine Nummer. 2.480 nach dem Nacht-und-Nebel-Erlass klassifizierte Feinde des Dritten Reichs wurden mit dem Ziel ins KZ-Natzweiler gebracht, sie dort spurlos verschwinden zu lassen.

Im August 1943 wurden 86 Frauen und Männer aus dem Lager Birkenau verlegt – an ihnen nahmen die Professoren Hirt, Bickenbach und Haagen von der Reichsuniversität Straßburg ihre fragwürdigen medizinischen Experimente vor. Der Tisch, auf die man die Opfer legte, ist bis heute erhalten.

Im April 1943 wurde, perfider Weise im ehemaligen Ball- und Bankettsaal des Gasthofes Struthof, eine Gaskammer eingerichtet. Im August ließ Professor Hirt 86 Juden zu Versuchszwecken vergasen. Im Herbst war mit der Fertigstellung und Inbetriebnahme des Krematoriumsgebäudes der Bau des Lagers abgeschlossen.

Im September 1944 wurden 106 Mitglieder des gewaltlos agierenden Widerstandsnetzwerks Alliance und 35 Angehörige der Groupe Mobile Alsace-Vosges hingerichtet, bevor die Lagerinsassen nach Dachau und Allach verlegt wurden. Am 25. November entdeckten amerikanische Soldaten das leere KZ.

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