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Politikwissenschaftler zur Frankreich-Wahl

„Frankreich ist immer für Überraschungen gut“

Der Politikwissenschaftler Stefan Seidendorf hat den Wahlkampf in Frankreich genau beobachtet und kann die Chancen der Kandidaten abschätzen. Der Ukraine-Krieg hat vieles verändert.

„Die größte Sorge der Franzosen ist die Kaufkraft“: Stefan Seidendorf. Foto: Dt-frz-Institut

Frankreich hat die Wahl. Gleich zwölf Kandidaten – acht Männer und vier Frauen – treten am Sonntag im ersten Wahlgang an, um Präsidentin oder Präsident des Nachbarlandes zu werden.

Zwei von ihnen werden zwei Wochen später in einer Stichwahl klären, wer das Amt bekommt.

Der Historiker und Politikwissenschaftler Stefan Seidendorf, stellvertretender Direktor des Deutsch-Französischen Instituts in Ludwigsburg, beleuchtet im Interview mit BNN-Redakteur Dieter Klink den Wahlkampf und sagt, wer warum welche Chancen hat.

Aktuelle Umfragen sehen den gegenwärtigen Präsidenten Emmanuel Macron knapp vorn. Foto: BNN-Infografik

Herr Seidendorf, ist die Wahl in Frankreich schon entschieden? In Krisenzeiten setzen sich oft die Amtsinhaber durch, in diesem Fall also Emmanuel Macron?
Seidendorf

Nein, die Wahl ist noch nicht entschieden. Frankreich ist immer für Überraschungen gut. Macron fällt in den Umfragen, und es ist vor allem völlig offen, wer in die Stichwahl einzieht.

Welche Überraschungen sind da möglich?
Seidendorf

Macron dürfte in die Stichwahl einziehen, das ist, glaube ich, gesetzt. Aber wer gegen ihn antreten wird, ist noch offen. Es könnte der Linkspopulist Jean-Luc Melenchon sein. Oder aber Marine Le Pen. Falls sie in den zweiten Wahlgang kommt, also eine Neuauflage der Konstellation von 2017, dürfte Macron nicht mehr so klar den Sieg davon tragen wie damals. Für Macron spricht natürlich, dass man während eines Kriegs in Europa nicht die Pferde wechselt, zumal er auf internationaler Bühne eine wichtige Rolle spielt. Aber Le Pen profitiert davon, dass sie sich in den vergangenen Jahren entdämonisiert hat. Sie hat ihr Image gewandelt, gibt sich volksnah. In Umfragen, mit wem man gerne mal ein Bier trinken würde, ist sie vorne dabei. Im Vergleich zum reaktionären Kandidaten Eric Zemmour kommt sie glaubwürdig rüber. Und dann ist die Frage, ob enttäuschte Wähler der linken Kandidaten in der zweiten Runde Macron wählen, um Le Pen zu verhindern. Umfragen zeigen, dass dazu nur wenige bereit sind. Das sind Punkte, die gegen Macron sprechen.

Welche Themen haben den Wahlkampf bestimmt, und sind es die Themen, die die Franzosen am meisten beschäftigen?
Seidendorf

Zemmour und Le Pen haben schon früh im Wahlkampf begonnen, alles auf das Thema Überfremdung zuzuspitzen. Alle Umfragen sagen aber, dass die größte Sorge der Franzosen die Kaufkraft ist, das hat der Ukraine-Krieg mit den steigenden Energiepreisen noch verschärft. Diese Themen werden erst in jüngster Zeit von den Kandidaten aufgegriffen, etwa, indem Macron eine Rentenreform anstrebt mit der Rente ab 65. Melenchon kontert mit der Rente ab 60. Hier unterscheidet sich Le Pen auch deutlich von Zemmour, indem sie staatliche Sozialleistungen verspricht zumindest für diejenigen, die sie als Franzosen definiert.

Marine Le Pen hat ihr Image verbessert, sagen Sie. Ist eine Präsidentin Le Pen vorstellbar oder weiter ein Horrorszenario?
Seidendorf

Es ist für viele weiter ein Horrorszenario, aber vorstellbarer als 2017 und 2002, als ihr Vater Jean-Marie Le Pen in die Stichwahl gegen Jacques Chirac kam. Jedenfalls hat der Anteil derer, die eine Wahl Le Pens für eine Katastrophe halten, abgenommen. Man sieht es heute undramatischer und erinnert an die Wahl Donald Trumps: Da habe es zwar auch gerumpelt, es wurde laut und holprig, aber es sei kein Zivilisationsbruch gewesen.

Die etablierten Parteien rechts und links sind im Niedergang. Welche Chancen haben Republikaner und Sozialisten überhaupt noch?
Seidendorf

Das Parteiensystem ist 2017 mit der Wahl Macrons zusammengebrochen, auf der Linken noch mehr als auf der Rechten. Es fehlen einfach glaubwürdige Alternativen für einen Wechsel an der Spitze des Staates. Kein Kandidat der gemäßigten Rechten und Linken drängt sich auf. Das macht ja gerade die früher unwählbaren Kandidaten Le Pen, Zemmour und Melenchon für viele wählbar und sorgt für politische Instabilität. Auf der Linken bildet sich bisher kein Schwerpunkt heraus, früher war die sozialistische Partei führend, sie ist es nicht mehr. Der Altlinke Melenchon ist der aussichtsreiche linke Kandidat, aber er ist für viele Franzosen des linken Spektrums nicht wählbar, weil er zu aggressiv und konfrontativ auftritt. Auf der rechten Seite haben sich viele mit Macron arrangiert, sind in sein Lager gewechselt. Bei den Republikanern tobt nun ein Richtungskampf, ob sie in der bürgerlichen Mitte bleiben oder eine Union mit den Rechtsextremen anstreben.

Der ganze politische Diskurs in Frankreich hat sich nach rechts verschoben. Ein Problem?
Seidendorf

Ja. Die Familie Le Pen spricht seit den 70er Jahren über die Themen Überfremdung, Einwanderung, Islam, das färbt auf den Diskurs aller Politiker ab. Auch Macron bedient, obwohl er in der Mitte steht, rechte Wählerschichten. Er weiß, dass ihm auf der linken Seite keiner mehr gefährlich werden kann, auf der rechten Seite ist aber viel Bewegung und viel Konkurrenz, so dass er den Wählern der Rechten ebenfalls thematische Angebote machen muss.

Von Deutschland aus gesehen scheinen die Franzosen anfällig für die extreme Rechte zu sein. Warum ist das so?
Seidendorf

Vor allem in der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen gibt es einen starken Hang, den Großen in Paris zu zeigen, was man von ihnen hält. Und jetzt, da seriöse Kandidaten auf der gemäßigten Rechten und Linken fehlen, ist die Versuchung sogar noch größer, radikal zu wählen. Schon Jacques Chirac hat bei seiner Wahl 1995 versprochen, das gespaltene Frankreich zusammenzuführen. Das ist ihm nicht gelungen und bis heute ein Thema. Der Gegensatz arm-reich, Stadt-Land, gebildet-ungebildet ist in Frankreich stark ausgeprägt und führt zu extremem Wahlverhalten. Auch Macron hat mit dieser Spaltung zu kämpfen, denken Sie nur an die Gelbwestenbewegung. Franzosen sind schnell bereit, ihren Protest auf die Straße und auch in die Wahlurne zu tragen.

Macron stellt seine Bilanz in den Vordergrund seines Wahlkampfs. Hat er es verdient, wiedergewählt zu werden?
Seidendorf

Er hat schon einiges angestoßen. Auf der EU-Ebene hat er die Blockade der Deutschen überwunden, hat französische Prioritäten durchgesetzt, wie etwa den Wiederaufbaufonds nach Corona. Er hat die Arbeitslosigkeit gesenkt, der französischen Unterschicht geht es heute besser als 2017. Die Frage ist nur, ob die Menschen das auch Macron zuschreiben. Im Vergleich zu seinen Vorgängern Sarkozy und Hollande hat Macron hohe Popularitätswerte. Aber es gibt auch sehr viele, die ihn nicht nur nicht mögen, sondern regelrecht hassen.

Der Stern des Rechtsextremen Eric Zemmour ging anfangs kometenhaft auf. Nun aber sinkt er bereits vor der Wahl.
Seidendorf

Ja. Er setzte von Anfang an allein auf ein Thema, nämlich die Zuwanderung, zu einem Zeitpunkt, als die anderen noch gar keinen Wahlkampf betrieben haben. Damit war er sehr präsent. Aber es zeigt sich nun, dass er außer dem Ausländerthema kein Programm hat. Er hat sich auch nicht klar genug von Putin distanziert. In Frankreich gibt es wie in Deutschland eine große Solidarität mit den Flüchtlingen aus der Ukraine. Zemmour aber reitet weiter auf dem Ausländerthema herum. Er hätte im Wahlkampf nachsteuern müssen, tat es aber nicht. Die Folge ist, dass viele ihn zurecht nicht mehr für wählbar halten. Er ist ein Polemiker und haut schnell radikale Sprüche raus, das finden manche amüsant. Das hat aber keine Substanz. Je länger der Wahlkampf dauert, desto klarer wird dies.

Die Grünen mit ihrem Kandidaten Yannick Jadot spielen anders als in Deutschland ebenfalls keine Rolle.
Seidendorf

Die Grünen in Frankreich haben sich gewandelt, sind seriöser geworden, sind jetzt bereit, Regierungsverantwortung zu übernehmen. Zumal ökologische Themen vielen Franzosen unter den Nägeln brennen. In Großstädten wie Grenoble, Straßburg und Bordeaux stellen Grüne den Oberbürgermeister. Man dachte nun, die Präsidentschaftswahl sei der nächste Schritt. Doch die Zersplitterung auf der Linken ist einfach zu stark. Außerdem spielt der Ukraine-Krieg hier auch eine Rolle. Viele Franzosen setzen nun auf den Staat und die Atomenergie. Selbst viele Grüne in Frankreich fordern nicht mehr den sofortigen Ausstieg. Da dringt Jadot mit seinen Themen einfach nicht mehr durch.

Zum Schluss: Wer gewinnt die Wahl?
Seidendorf

Macron. Ich sehe weiter sehr große Chancen für ihn. Er muss seinen Vorsprung nun nur ins Ziel tragen.

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