Still Standing: Elton John feiert heute seinen 70. Geburtstag. | Foto: CMS

Elton John wird heute 70

Glitzertier am Klavier

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Elton-John-Fan zu sein ist in den 80er-Jahren nicht gerade ein Vergnügen. Jedenfalls nicht für jemanden, der erst 15 ist und schon gar nicht für ein Mädchen. Die Freundinnen sind entsetzt: „Wa-as, auf den stehst Du? Der sieht doch gar nicht süß aus und macht nur so Schnulzenmusik.“ Zugegeben – Argument Nummer 1 ist schwer zu widerlegen und das unsicher genuschelte „Was hat denn das mit der Musik zu tun?“ geht in den breiigen Klängen von Stehblues-Klassikern wie „Blue Eyes“ oder „Nikita“ unter. Aber das Unterfangen, den Schulfreundinnen Elton-John-Kassetten „mit seinen alten Hits“ aufzunehmen, ist ohnehin sinnlos. Was gute und richtige Musik ist, bestimmen die Coolen in der Clique. Qualität spielt da eine untergeordnete Rolle und Toleranz ist eh ein Fremdwort.

Ganz in weiß: Elton John 1974 in Bomberjacke mit Federbesatz von Bobby Kenzie. | Foto: Terry ONeill

Fan in den 80ern ist kein Spaß

Duran Duran, Depeche Mode – so was wird durch die (Sony)-Walkmänner der Angesagten genudelt und deren Musikvideos sind in den Zehnerpausen der Mitt-80er-Jahre Gesprächsthema. Keiner schreibt „Elton John“ in die Rubrik „Lieblingssänger“ eines Freundebuchs. Irgendwo zwischen „Crocodile Rock“ und „Nikita“ ist der schräge Engländer ein bisschen peinlich geworden.

Von schräg nach peinlich

Genau wie seine Videos. Da lässt er sich im Alt-Herren-Cabrio an der Berliner Mauer auf und ab kutschieren und schmachtet mit einem selten dämlichen Strohhut auf der empfindlicher werdenden Kopfhaut eine Grenzsoldatin namens Nikita an. Voll Panne, das. Erstens, weil spätestens seit Chruschtschow jeder Teenager auch diesseits des Eisernen Vorhangs weiß, dass Nikita in Wirklichkeit ein Männername ist, und zweitens, weil der kleine und höchstwahrscheinlich schwule Mann mit der Nickelbrille immer häufiger wirkt wie einer, der um jeden Preis er selbst sein will, sich aber irgendwie davor fürchtet.
Die Schnulze mit dem scheppernden Trompetensolo findet außerhalb der Altersklasse um die 15 trotzdem ihr Publikum. In Deutschland trifft die Pop-Ballade von der unmöglichen Ost-West-Liebe den Nerv der Kinder des Kalten Kriegs. Vier Wochen lang hält sie sich auf Platz eins der Charts. Aber das beeindruckt die Peergroup der U20 wenig. In den Hitparaden sind 1985 ja auch Bands wie „Modern Talking“ oder „Klaus und Klaus“ unterwegs. Erfolgreich aber total uncool.

Alter Hase: Als Produzent hilft Elton John vielen jungen Talenten. Foto:CMS

Steil nach oben

Dabei war Elton John mal ein echt abgefahrener Typ. Damals, in den 70ern, als der 20-Jährige zusammen mit seinem Songschreiber Bernie Taupin von der Bühne eines Vorort-Pubs auf die Bretter der großen Musikwelt stolpert. Mit der schüchternen Liebeserklärung „Your Song“, locker-flockig dahingeklimpert wie eine Klavieretude, gelingt ihnen 1970 der erste große Erfolg in England und den USA. Aber das kongeniale Duo kann mehr und es lässt sich überhaupt nicht festnageln. Einen Hit nach dem anderen knallen Taupin und John in den folgenden fünf Jahren heraus. Krawallkracher wie „Saturday Night’s Alright (for Fighting) sind dabei, purer Rock’n’Roll in „Crocodile Rock“ und Stücke von fast bowie-esker Strahlkraft wie „Rocket Man“. „Candle in the Wind“, „Don’t Let the Sun Go Down on Me“, „Goodbye Yellow Brick Road“ – ein „Best-of-Elton-John“-Abend wird schon im ersten Drittel eine ziemlich lange Angelegenheit.

Höher, bunter, schriller

Kurz dagegen ist sein Weg zum Erfolg. Von der Geburt am 25. März 1947 im Londoner Vorort Pinner schießt Reginald Kenneth Dwight, alias Elton John, im bunten Tohuwabohu der Nach-68-Revolutionsjahre steil nach oben. Dem unscheinbar aussehenden aber unfassbar talentierten Briten, der schon mit elf Jahren die Klavierklasse der altehrwürdigen Royal Academy of Music in London besucht, gelingt es, aus der schrillen Masse herauszustechen. Der Trick: Die Sohlen seiner Plateauboots sind grundsätzlich ein Stückchen höher als die der anderen, seine Sonnenbrillen größer, die Federboas bunter und seine Auftritte schriller.
Die Rechnung geht auf, aber der Preis ist hoch: Wie Elton John später in vielen Interviews einräumen wird, helfen ihm über seine angeborene Schüchternheit und die vom dominanten Vater anerzogene Unsicherheit nur Drogen hinweg. Viele Drogen.

Gefürchtetes Temperament

Alkohol, Tabletten und vor allem Kokain – das alles stopft Elton John jahrzehntelang und in handelsmäßig unüblichen Mengen in sich hinein. Nicht nur, um dem Erwartungsdruck des Erfolges standzuhalten, auch um den ersten Karriere-Knick zu überstehen. Ausgerechnet die Punk-Bewegung der späten 70er reißt das Glitzertier am Klavier zum ersten Mal von der Höhe seiner Plateauboots zurück auf den Boden der unglamourösen wahren Welt. Statt wie die pöbelnden Punks den Mittelfinger ins Antlitz des Establishments zu recken, behält John seine Hände brav auf den Tasten. Dabei kann der Mann mit den Häkelmützchen mindestens genauso mies drauf sein, wie die mit Sicherheitsnadeln perforierten Iro-Jungs. Seine Wutausbrüche sind in der Branche gefürchtet.

Das Glitzertier in Aktion: In den wilden 70ern musste alles noch ein bisschen bunter sein. Foto: EJArchive

Schwul oder nicht?

Ganz still wird es um Elton John deshalb nie und wenn er nicht gerade schlechte Kritiken für seine Alben erntet, ist sein Privatleben das Lieblingsthema der britischen Presse. Von ausschweifenden Sex- und Drogenorgien in ehrwürdigen englischen Herrenhäusern ist da die Rede. Immer offener und anklagender wird seine Vorliebe fürs eigene Geschlecht thematisiert. 1983 holt John zum Gegenschlag aus. Das trotzige „I’m still Standing“ aus dem Album „Two Low For Zero“ markiert eine neue Ära. Um den Gerüchten um seine Homosexualität ein für alle Mal ein Ende zu setzen, heiratet er 1984 die Deutsche Tontechnikerin Renate Blauel. Die Verkaufszahlen der Platten stimmen wieder, die Paparazzi geben endlich Ruhe. Alles gut auf der Insel – könnte man meinen.

Absturz ins Bodenlose

Doch im Leben des Anfang 30-Jährigen ist nichts im Lot. „Es grenzt an ein Wunder, dass ich die 80er überlebt habe“, gibt Elton John später in zahlreichen Interviews zu Protokoll. Viele seiner schwulen Freunde haben weniger Glück. Die Trauer über deren Verlust begräbt Elton John unter teurem, weißen Staub. 1989 ist das Ende der Fahnenstange erreicht. Nach einem Selbstmordversuch, der Scheidung von seiner Frau, einer schweren Herz-OP und einer dicken Essstörung, begibt sich der inzwischen 40-Jährige kurz vor Ladenschluss in eine Entzugsklinik. Zwei Jahre lang meidet er die Öffentlichkeit und meldet sich erst 1991 mit einem Überraschungsauftritt bei einem Konzert seines Freundes George Michael zurück. Ihr Duett von „Don’t Let the Sun Down on Me“, schafft es nach der Erstveröffentlichung im Jahr 1974 zum zweiten Mal in die Top Ten, diesmal auf Platz 1. Upcycling lohnt sich. Die Nachvergoldung eines eigenen, alten Hits gelingt 1997 ein zweites Mal. Das für die Trauerfeier seiner Freundin Lady Di umgetextete und 1974 erstmals erschienene „Candle in the Wind“ bricht sämtliche Verkaufsrekorde.

Goodbye Englands Rose: Bei der Trauerfeier für Lady Di 1997. Foto: BBC

Oscar und Ritterschlag

Es läuft für den exzentrischen Briten, der sich inzwischen offen zu seiner Homosexualität bekennt. Die Kombo Taupin/John ist weiterhin unschlagbar, John selbst hat außerdem die Musik für drei Musicals komponiert (ein viertes: „Der Teufel trägt Prada“ ist angeblich gerade in der Mache), für die Film-Musik vom „König der Löwen“ erhielt Elton John einen Oscar, die Queen persönlich erhob den ehemaligen Pub-Pianisten in den Ritterstand und mit dem kanadischen Filmemacher David Furnish hat der eigenhaartransplantierte Sänger den Mann seines Lebens geehelicht und mit Hilfe einer Leihmutter gleich noch zwei Kinder gezeugt. Drei Jahre lang war die Elton-John-Show in Las Vegas Abend für Abend ausgebucht und auch als Produzent verhilft der Seniorhase im Musikgeschäft hoffnungsvollen Talenten wie Ed Sheeran oder längst vergessenen Musikveteranen wie Leon Russell zu Ruhm und Ehre.

 

Spätes Glück: Elton John (l) und sein Partner David Furnish. Foto: Daniel Deme/dpa

Spendierhosen statt Schlaghosen

Die Spendierhosen trägt er lieber als die Schlaghosen von einst. Seit ihrer Gründung 1992 hat die Elton-John-Aids-Stiftung über 200 Millionen US-Dollar an Spenden aufgetrieben. Legendär sind deren Wohltätigkeitsbälle. Für ein Plätzchen am Katzentisch würden Top-Promis und solche, die es werden wollen, ihre Seele verkaufen. Vielleicht würde das sogar der treue Teenage-Fan von damals tun. Aber – nur für den Fall – und damit Eines klar ist: Die Musik-Faschisten aus dem Schulbus damals brauchen gar nicht erst zu fragen, ob sie mitdürfen.