Punk
White punks, no hope. | Foto: dpa

40 Jahre Punk

Anarchie a. D. oder Anarchie ade?

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Verbrennen von Kulturgut kommt ganz schlecht. Nein: geht gar nicht! Wir Deutschen wissen das. Drittes Reich. Bücherverbrennungen. Blindwütiges Vernichten. Ausrotten. Selbst, wenn es aus Protest geschieht. Weil zum Beispiel Punk nach 40 Jahren sogar am Hofe der Queen angekommen ist, die einst von Punks wüst beschimpft wurde. Im November 2016 jedenfalls ließ der Modeunternehmer Joseph Corré, Fleisch und Blut des legendären Punk-Zaren Malcolm McLaren, quasi eine ganze Ära in Rauch aufgehen. „Londons Burning“ wäre ein passender Arbeitstitel gewesen für das groß inszenierte Spektakel im einstigen Epizentrum des Punk, angelehnt an den gleichnamigen Clash-Song von 1977.

Schlimm war dabei nicht einmal so sehr, dass bei dem PR-Burner unwiederbringliche Memorabilien im Wert von mehreren Millionen britischen Pfund in Flammen aufgingen, sondern damit auch einer Generation die Vergangenheit genommen wurde, die ironischerweise – wenigstens gab sie das vor – nie eine Zukunft hatte. War das nun ein finales Rauchzeichen zum endgültigen Verrat an der Sache, ein flackerndes Requiem auf etwas schon lange Totkommerzialisiertes oder einfach nur der plötzlich entbrannte Befreiungsschlag eines in den Punk hinein Geborenen, der gezwungen wurde, damit zu leben, und endlich was Eigenes wollte? Man weiß es nicht.

Der Punk geht ab

Was man weiß ist, dass vor genau 40 Jahren das erste britische Punk-Album aus heiterem Himmel auf die Plattenteller krachte, und für jeden Biedermann westlicher Denkart den (vermeintlichen) Untergang des Abendlandes einläutete. Das damals in Windeseile zusammengeschusterte Vinylteil von The Damned zeigte vier kaputte Typen nach einer Tortenschlacht (in Wirklichkeit waren ihre Fressen mit Rasierschaum und nicht mit Sahne verschmiert). Die hingerotzte Musik entbehrte zwar nicht einer gewissen Melodik, doch die halsbrecherisch runtergeschrubbten Akkorde widersprachen eindeutig allem, was damals sonst so unter dem Etikett Rock und Pop über den Äther oder die Ladentheke ging.

Mit der Single „Anarchy In The U.K.“ hatten die Sex Pistols das Feuer bereits eröffnet, und unheilvoll zog der Pulverdampf von den Britischen Inseln auf den europäischen Kontinent herüber. Hätte es „sellemols“ schon den Brexit gegeben, der wäre wahrscheinlich eher sang- und klanglos von statten gegangen angesichts dieser augen- und ohrenscheinlich an Verderbtheit kaum zu toppenden Revolution. Massenhaft und als hätte man sie auf einmal aus einem streng geheimen Pferch gelassen, tauchten gefährlich aussehende und noch gefährlicher dreinblickende Typen auf der Szene auf, die sich in Windeseile zusammengerottet und Namen wie eben The Sex Pistols,

The Damned oder The Vibrators angenommen hatten. Nichts im Gepäck als Gitarren, Schlagzeug und eine gehörige Wut im Bauch, die sich in markigen Sprüchen, allerhand Provokationen und Politparolen entlud und optisch mit Sicherheitsnadeln im Dutzend, struppigen, gefärbten Harren und zerrissenen Klamotten unterstrichen wurde. Klamotten, die selbst die Caritas naserümpfend abgewiesen hätte. Das britische Establishment war jedenfalls nicht nur „not amused“, sondern von diesem Punk-Blitzkrieg in seinen Grundfesten massiv erschüttert.

Sicher, schon ein paar Jahre zuvor hatten Pioniere wie die Detroiter MC 5 („Kick Out The Jams“), die New York Dolls („Trash“) und vor allem der heute als Punk-Papa geschätzte Iggy Pop mit seinen Stooges unter Anwendung von „Raw Power“ (Albumtitel) die Szene aufgemischt.

Aber, wenn man so will, eben nur „punk-tuell“. Ein Massenphänomen war das noch lange nicht. Wenn schon, kann von ersten Eruptionen die Rede sein. Den eigentlichen Stein des Anstoßes ins Rollen brachte Mitte der Siebziger fraglos der hernach oft als Scharlatan gescholtene Malcolm McLaren mit seiner rüden Designer-Kapelle The Sex Pistols, denen Mode-Exzentrikerin Vivienne Westwood den berühmt gewordenen Abriss-Look auf die ausgemergelten und mit Rasierklingen geritzten Leiber schneiderte.
Und die Assis um Oberrüpel Johnny Rotten verkörperten Punk in jedem Augenblick. Natürlich waren sie der Alptraum aller Erwachsenen und für knapp zwei Jahre das ganz große Ding in den Medien. Sie lieferten die fetten Schlagzeilen der Post-Schlaghosen-Ära, stellten die Doktrin von Sex & Drugs & Rock ‘n’ Roll wieder in den Mittelpunkt, nachdem eine Armada von Bombast-Heinern mit Wallemähnen, Rauschebärten und Gebirgen von Equipment die Ohren der Musikfans samt ihren Hirnen zugekleistert hatte. Yes, Genesis. Komm, geh fort!

Besonders heftig ging es einmal in der britischen TV-Sendung „Today“ vor laufender Kamera zu, als es zu einem heftigen verbalen Sperrfeuer zwischen „Pistolero“ Glen Matlock und Moderator Bill Grundy kam. Mit weitreichenden Konsequenzen: Die Presse ergoss sich in empörten Headlines, eine ursprünglich auf 19 Gigs angesetzte Tournee wurde radikal auf drei Dates zusammengestrichen, die an sone Sachen überhaupt nicht gewöhnte alte Platten-Company EMI feuerte die Pistols stante pede – und Matlock suchte das Weite.

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Cleverle oder Scharlatan? Sex-Pistols-Manager Malcolm McLaren (1946-2010). Foto: dpa

Ein gewisser Richard Branson, der es seit dem Signing von Mike Oldfield und dessen Millionenseller „Tubular Bells“ Anfang der Siebziger zu einiger Größe und Berühmtheit gebracht hatte, rieb sich ob solcher Publicity freilich die Hände, hatte er die frechen Ballermänner da doch bereits seinem Künstler-Portfolio einverleibt. Die vom Handel boykottierte wüste musikalische Majestätsbeleidigung „God Save The Queen“ (…and her fascist regime…) lieferte mit der darin enthaltenen Parole „no future!“ das Motto für eine ganze Generation übrigens gleich mit. Der medien- und skandalgeile McLaren hatte – by the way – zur Promotion der Single eine „standesgemäße“ Aktion anberaumt: Auf einer gecharterten Barkasse feierten die Pistols 1977 das silberne Thronjubiläum von Königs ihrer Lissy auf ihre Art: Fans und Journalisten im Schlepptau, schipperte man auf der Themse am Parlament vorbei, hisste Werbebanner und lärmte auf einer improvisierten Bühne, was die Steck- und Bierdosen hergaben. Das Ende vom despektierlichen Punklied: Der Kahn wurde von zwei Polizeibooten in die Zange genommen und gestürmt, bei elf Personen klickten die Handschellen. In Sachen Rädelsführer, also der Sex Pistols, war für die Bobbies der Schuss allerdings nach hinten losgegangen: Rotten, Vicious & Co waren rechtzeitig über eine Seitentreppe enteilt.

No future? No fun? Nö. Jimmy Carters Mitte der Siebziger gleichermaßen prosperierendes wie unter Vietnam-Nachkriegsschmerzen leidendes Amerika hatte Punk mit Spaßfaktor à la Ramones („Sheena Is A Punkrocker“), Bubblegum-Punk Marke Blondie („Denis“), bitterbös Politisches im Stile von Jello Biafras Dead Kennedys („Holiday In Cambodia“, „California Uber Alles“) und Pfeilschnelles nach Art der Dickies („Eve Of Destruction“) ausgespien. Im Iron-Lady-Land der ollen Thatcher spielte sozialkritischer Auf-die-Fresse-Punk (Angelic Upstarts, The Exploited) gegen politisch ambitionierten Dub-Punk (The Clash) an, Sexistisch-vulgäres (The Stranglers) gedieh neben zorniger Anarchie (Crass). Da klickte es mit der üblichen Verzögerung auch im vom RAF-Terror erschütterten old Germany, wo die neuen Idole bei der Jugend ebenfalls offene Türen einrannten.

Die Initialzündung erfasste den Westen der damals noch geteilten Republik wohl mit einem Auftritt der Sex Pistols im „Ratinger Hof“ zu Düsseldorf. Allenthalben sprossen Bands nach englischem und amerikanischem Vorbild aus dem Boden, deren Musiker oft nur mit Ach und vor allem Krach eine Gitarre bedienen oder Schlagzeugstöcke halten konnten. Viele kamen bei aller Euphorie allerdings auch nicht über den Status unbekannter viertklassiger Kellerbands hinaus, andere belebten den Untergrund mit neuen Ideen, ein paar Wenige prägten die deutsche Musiklandschaft jedoch mindestens so nachhaltig wie das in früheren Jahren und in anderen Genres zum Beispiel Can und Kraftwerk taten.

Zu diesen Leuchtfeuern des Punk zählen die fünf Jägermeister von den Toten Hosen, die Fehlfarben („Monarchie und Alltag“) und Abwärts („Amok Koma“), die Einstürzenden Neubauten mit ihrer Galionsfigur Blixa Bargeld ebenso wie der liebe „Onkel“ Jürgen Zeltinger (er modelte Ramones’ „Sheena“ in die Kölschhymne „Müngersdorfer Stadion“ um) sowie die schrill tirillierende Amazone Nina Hagen.

Punk ganz NoRMAhl

Der Schwabe Lars Besa war einer von jenen Jungen, die es damals geil fanden, mit einfachsten Mitteln plötzlich selber Musik machen und sich den Frust von der jungen Seele brüllen zu können. Wie wenig normal die in Windeseile von dem Winnender gegründete Band damals war, manifestierte sich bereits in ihrem Namen: NoRMAhl. Genau in dieser Schreibweise.

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Part-time Punk: Lars Besa. Foto: www.beobachternews.de

Daran hat sich bis heute nichts geändert, was NoRMAhl auch zur dienstältesten Punkband Deutschlands macht, noch vor den Toten Hosen (weil die Ende der Siebziger noch ZK hießen). Klar, wird in einem bürgerlichen Beruf das Geld zum Leben verdient, und auf der Bühne darf’s heute auch mal ein (mit einem Augenzwinkern getragener) Nadelstreifenanzug sein. Aber die Gigs, die sich Lars Besa und seine NoRMAhlos hin und wieder gönnen, haben einen hohen Spaßfaktor für den schwäbischen Johnny Rotten, der dann keine Müdigkeit vorschützt. Merke: auch alte Besa kehret gut.

Punk als musikalischer Nährboden

Klar war jedenfalls, dass Punk der ideale Nährboden für spätere Generationen von Musikern war, aus dem Post-Punk (Joy Division, The Cure, Sisters Of Mercy) und New Wave (Adam & The Ants, Dead Or Alive), Grunge (Nirvana) oder Industrial (Ministry) spross. Neben immer neuen Bands, die Punk sowohl mit Fun als auch politischer Message entwickelten und damit Millionen scheffelten (Green Day, The Offspring), haben von den Helden der ersten Stunde nur wenige überlebt. Diese halten sich, meist eher um der Rente Willen, aber immerhin auch mit neuen jungen Jüngern im Gefolge, einigermaßen wacker. Siehe UK Subs Stiff Little Fingers oder The Stranglers.

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This is not a love song: Johnny Rotten. Foto: dpa

Einer, der mal kurz davor stand, seinen eigenen Mythos platt zu machen, indem er in den Neunzigern seine einstige Helden-Combo verzweifelt an den Reunion-Tropf hängte, ist der alte Johnny Rotten alias John Lydon. Der hat dann aber gerade noch mal die Kurve gekriegt und mit P.I.L. („This Is Not A Love Song“) eine künstlerische, musikalisch ambitionierte Plattform geschaffen, die auch im neuen Jahrtausend Respekt abverlangt.
Vom Hauptanliegen der Punks, nämlich Anarchie als Lebensstil zu etablieren, ist frelich längst nichts mehr übrig. Wobei sich prominente Punkmusiker bereits seit den Achtzigern erbittert in den „Iros“ liegen, ob Punk und damit die Anarchie nun schon tot sei oder nicht: „Punk Is Dead“ waren sich Crass sicher, „Punks Not Dead“ konterten The Exploited. Vielleicht können wir uns auf „Anarchie a. D.“ einigen. Was sich letztlich anhört wie Anarchie ade.