Alice
Unkaputtbar: Alice Cooper feiert seinen 70. | Foto: dpa

Der Gruselbaron ist 70

Alice Cooper – Welcome to my birthday!

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Er ist der Inbegriff des Bühnenhorrors. Am 4. Februar feiert  Alice Cooper seinen 70. Und ist erstaunlich fit.

„School’s Out“ – die LP im Damenslip

Alice. Alice? Warum nannte ein Typ sich Alice und malte sich die Augenhöhlen schwarz an, so als hätte er versucht, sich wie ein Mädel zu schminken und dabei statt in das Döschen mit dem Lidschatten aus Versehen in den Kohlenpott gegriffen? Das trieb mich damals als 13-Jährigen ganz schön um. Auch das als aufklappbare Schulbank konzipierte Album „School’s Out“ mit LP im Damenslip war ein Klopper: Frivol. Shocking. Aber: die schiere Faszination! Ein Blick in eine unbekannte Welt. Der Typ mit den langen schwarzen Grussel-Haaren und dem Gruselhabitus schien direkt aus der Geisterwelt zu uns her gespült worden zu sein.

Horror fiel bei den Kids auf fruchtbaren Boden

Angenommen haben wir das, glaube ich, weil sowieso alles rund um Alice Cooper finster und unheimlich wirkte. Es waren die Tage, als Horror bei uns Kids auf extrem fruchtbaren Boden fiel. Wahrscheinlich, weil es nur ARD und ZDF und Lassie und Fury und Flipper und heile Welt gab – und noch lange kein Internet. Damals in den Siebzigern verkauften sie am Kiosk vor der Karlsruher Hauptpost eine Zeit lang die „Horrorzeitung“. Die dem, der wollte – und ich wollte – die Nackenhaare in ungeahnte Winkel stellte.

Mit der echten Boa stach Alice Marc Bolan klar aus

Alice brachte das auch fertig. Problem war mein bescheidenes Schulenglisch in diesem Alter. Zum Glück lieferte der neue Halbgott in Schwarz die erklärende Optik gleich mit: Exekution durch das Fallbeil, Flucht vor einem riesigen Zahnarztbohrer, Tod durch den Strang. All das. Und natürlich die Schmusenummer mit einer echten Schlange. Da konnte Marc Bolan mit seiner Federboa daheimbleiben.

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Ganz schön was am Hals: Alice mit Boa. Foto: dpa

Alice Cooper hatte die Rockmusik zu neuen Ufern, in ein neues Zeitalter geführt. Und er gilt noch heute als König des Horrors, als Schauerpapst von Finstergottes Gnaden, gegenüber dem Typen wie Marilyn Manson wie lustige Abziehbildchen wirken.

Alices kleine Horrorshow ist immer noch großes Theater. Oft kopiert, nie erreicht. Die Mutter allen rockmusikalischen Budenzaubers, wenn man so will. Alice Cooper also noch groß vorstellen zu wollen, hieße Schlangen in den Zoo zu tragen oder die Guillotine nach Frankreich. Beim Erfinder des Grauens tun wir es trotzdem. Denn allein der Umstand, dass sowohl der Bühnenwüterich als auch sein bürgerliches Pendant Vincent Damon Furnier bereits jetzt viel länger gelebt haben als von vielen geglaubt oder prophezeit, rechtfertigt das, oder?

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Ansichten von Alice Cooper: Als braver Bub mit Kurzhaarschnitt, als „Präsidentschaftskandidat“ auf der single „Elected“, mit seiner band im Jahr 1971, Anfang der 80er („Flush The Fashion“). | Foto: pr

Heute, am  4. Februar , ist der Gruselbaron 70, und man könnte nun „alter Sack“ oder was Vergleichbares in seiner Muttersprache zu ihm sagen. Tut man aber nicht. Nicht, weil sich das nicht gehörte, sondern vielmehr, weil es schlichtweg nicht zuträfe. Denn der Jubilar (sagt man doch so, in dem Alter, oder?) ist alles andere als ein Horror-Opa mit Krückstock.

Alice lässt’s noch immer krachen

Für ein paar Stunden am Tag – so er denn im Studio oder auf Tour ist – teilt sich Mister Furnier sein Leben mit seinem wesentlich berühmteren Alter Ego Alice Cooper. Der wiederum lässt es immer noch krachen, dass es ein Fest ist für alle, denen sich in der Geisterbahn vor Langeweile die Zehennägel aufrollen.

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Gern gesehener Gast: Alice Cooper beim Wacken Open-air. Foto: dpa

Auch auf Monster-Festivals hat Alice die Meute im Griff

Auf gigantischen Festivals, wie etwa beim norddeutschen Metal-Gipfel in Wacken, huldigen ihm noch immer Jahr für Jahr Zehntausende von horrordurstigen und rockgeilen Jüngern. Leute, die von Spießern in den Siebzigern Gammler geschimpft wurden und heute schon mal – auch Zahnärzte oder Therapeuten sind. Ha!

Alice schöpft neue Kraft aus jedem neuen Gruseltrip

Die Alice-Vergötterung bei den Kuttenträgern und Nietenbeschlagenen ist höchstens noch mit dem Kult um Motörhead-Lemmy oder Sabbath-Ozzy zu vergleichen. Doch während Erster vor Monaten jedoch bereits den Weg ins Totenreich angetreten hat und Letzter zeitlebens oft genug haarscharf an dessen Rand entlang stolperte, scheint Alice Cooper aus jedem neuen Gruseltrip Kraft für ein anscheinend ewiges Leben zu schöpfen.

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Blutsbrüder: Johnny Depp und Alice machten gemeinsame Sache bei den reformierten Hollywood Vampires. Foto: epa

Was insofern interessant ist, als der Mann aus Motor City Detroit auch der Allstar-Band Hollywood Vampires angehört, die seit den 60er-Jahren immer wieder in der Szene herumgeistert (zuletzt auch mit Schauspieler und Musiker Johnny Depp als Bandmitglied!). Draculas sind bekanntlich schwer totzukriegen.

Zeitlos und faszinierend

Gewiss: Furcht einflößend wie vor zwei Generationen wirken die Cooper-Spektakel im dritten Jahrtausend nicht mehr. Höchstens kleinen Kindern könnte man heutzutage damit vielleicht noch wirklich Angst einjagen. Aber selbst die Kurzen sind ja ganz andere Kaliber aus dem TV oder von der Play Station gewohnt. Doch darum geht es ja auch gar nicht. Eine Alice-Cooper-Show ist die perfekte Symbiose aus leidenschaftlicher Rockmusik und monströsen Impressionen aus dem finsteren Teil der Seele. Zeitlos und faszinierend. Basta.

Dem Grusel-King verdanken Freunde des gepflegten Gemetzels jedenfalls unendlich viel. Vor allem ebenso grandiose wie unverwüstliche Songs, etwa die Pennälerhymne „School’s Out“ oder die augenzwinkernde Wahlkampfnummer „Elected!“ (die ins Trump-Amerika genauso gut passt wie in die damalige Nixon-Ära) oder den schelmischen Ohrwurm „No More Mr. Nice Guy“. Nicht zu vergessen Metal-Hits wie „Poison“ und „Teenage Frankenstein“, aber auch Gänsehautballaden wie „Only Women Bleed“.

Ein Ami wie Millionen andere auch

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Welcome To My Nightmare: Coverausschnitt aus dem berühmten Album von 1975.

Eine ganz besondere Visitenkarte hinterließ Alice Cooper übrigens mit seinem selbsttherapeutischen ersten Solo- und Konzeptalbum „Welcome To My Nightmare“ 1975, dessen Stellenwert sich an einer bemerkenswerten Neuauflage im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrtausends festmachen lässt.
Im Privaten hängt Alice, die Figur aus 1001 Albtraumnacht, freilich im Klamottenschrank ab, wohin sie ihr Herr und Gebieter nach Gebrauch konsequent verbannt. Konsequent, weil Vincent Furnier im Alltag ein Amerikaner wie Millionen andere auch ist: ein freundlicher älterer Herr, ein treu sorgender Ehemann, liebender Vater, eifriger Kirchgänger und passionierter Golfer. Das alles in Personalunion. Kurzum: ein zufriedener Mann im Herbst seines Lebens.
Wenn Vincent zu Alice wird und den Ohrensessel gegen den elektrischen Stuhl eintauscht, dann darf er das. Ganz ohne Fremdschämen.

Die Sauferei hat Alice gegen das Golfen getauscht

Peinlich wäre vielmehr, gäbe er sich die Kante wie einst, als eine Palette Budweiser-Dosen gerade mal den Frühstücksdurst löschte, die Sorte abgehalfterter Ex-Star, über den sich man sich hinterrücks lustig macht.

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Rock-Schockolatier: Alice Cooper hat Musikgeschichte geschrieben Foto: dpa

Stattdessen hat der Predigersohn und gläubige Christ, offenbar einer göttlichen Eingebung folgend, die Sauferei gegen das Golfspielen eingetauscht. Und was man so hört und liest, ist er am Green längst genauso gewieft wie in seinem Metier als musikalischer Doktor Frankenstein vor rotgetränkter Blutkulisse. Es heißt, er spiele fast immer Par und habe ein Handicap von 2. Alle Achtung. Da ziehen sogar Golfprofis anerkennend das Käppi!

Der Horrorpapst ist Familienmensch

Vincent Furnier, der im anderen Leben Horrorpapst ist und – zumindest früher – Leute erschreckte, bezeichnet sich als Familienmensch. Zusammen mit seiner Frau Sheryl, mit der er seit 35 Jahren Butze und Bett teilt, hat er drei Kinder.

Der merkwürdigste Charakter des Planeten

Und wenn er sagt, er besitze den merkwürdigsten Charakter dieses Planeten, dann hat er wohl recht: hier der Familienheld, für den Kraftausdrücke tabu sind, dort der Bühnenwüterich, der Fans mit Kunstblut und Knochendekos, mit Särgen und Fallbeilen glücklich macht.

Kein Problem mit dem Älterwerden

70 Jahre, das ist ein respektables Alter für einen, der die Welt aus allen Perspektiven gesehen hat. Eigentlich sind es ja zwei Welten. Und zwei Leben. Zählt man das als Hollywood Vampire dazu, sogar drei! Was wirklich außergewöhnlich ist. Ein Problem mit dem Älterwerden scheint der Rocker wohl eher nicht zu haben. Als man ihn einmal darauf ansprach, wie lange er noch den guten alten Alice zu geben gedenke, sagte er: „Ich halte mich an Mick Jagger. Der ist fünf Jahre älter als ich. Wenn der in Ruhestand geht, habe ich immer noch fünf Jahre vor mir.“

Happy birthday, Alice!

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Verneigung vor dem Horrormann: Epitaphs Single „We Love You Alice“.

Da sich der Stones- Boss diesbezüglich noch nicht geäußert hat und auch vom Ableben nicht bedroht scheint: Happy Birthday, Vincent! Es lebe Alice! Oder, um mit einem dem größten Grusler aller Zeiten gewidmeten Song der deutschen Band Epitaph von 1973 zu sprechen: We Love You Alice!

www.alicecooper.com