Wie früher: Die Playstation Classic versetzt Spieler zurück in die 90er Jahre. | Foto: Günther/tmn

Retro mit Hindernissen

Ausprobiert: Playstation Classic

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Sie kennen das: Erst putzt man sich stundenlang heraus, kommt deswegen zu spät zur Party, und mindestens drei andere Gäste haben das bessere Outfit. Dieser etwas schiefe Vergleich beschreibt Sonys Dilemma mit seiner geschrumpften Neuauflage der ersten Playstation von 1995.  Playstation Classic kommt spät und erlaubt sich dabei einige Schnitzer.

Sieht aus wie das Original, ist aber viel kleiner: Die Playstation kommt nach 23 Jahren zurück als Playstation Classic. Foto: Günther

Nur mitgelieferte Titel spielbar

Von außen gleicht die Playstation Classic dem grauen Vorbild aus den 90er Jahren. Sie ist allerdings nur knapp halb so groß. Das CD-Laufwerk ist nur angedeutet, nimmt aber keine CDs auf. Alle 20 vorinstallierten Spiele liegen auf dem Speicher der Konsole, die Installation weiterer Titel ist nicht möglich. Bildschirme werden via HDMI angeschlossen, Strom kommt über ein Micro-USB-Kabel, ein Adapterstecker liegt nicht bei.
Das fehlende Netzteil sorgt aber dafür, dass der Genuss von „Rayman“, „GTA“ und „Resident Evil“ sich zunächst verzögert. Die USB-Anschlüsse des Fernsehers und auch des Computermonitors liefern nämlich nicht genügend Strom für die kleine Konsole – ein Smartphone-Ladestecker muss her. Dann kann der Spaß beginnen.

Vorgetäuscht: Das vermeintliche CD-Laufwerk ist nur Deko, und auch sonst gibt es keine Möglichkeit, Spiele zu installieren.   Foto: Günther

Gruselig wie in den 90ern

Der erste Eindruck: Wow, mehr 90er geht eigentlich gerade nicht. Die Grafik, der Sound, der dezente Grusel von „Resident Evil“ ist stellenweise auch heute noch richtig spürbar. Auch „Final Fantasy VII“ hat über die Jahre wenig von seinem Reiz verloren, „Rayman“ ist nach wie vor ein zwar pixeliges, dafür aber quietschbuntes Hüpf- und Springvergnügen. Ein Pluspunkt der Mini-Playstation: Der verwendete Emulator erlaubt das Anlegen von Speicherständen. Nach einiger Zeit tröstet aber selbst der Nostalgiefaktor nicht mehr darüber hinweg, dass die alten Spiele auf der neuen Hardware teils im Schneckentempo laufen.

Früher war alles flüssiger

Die Spielfigur und die Autos in „GTA“ schleichen ziemlich schwer steuerbar über den Bildschirm. Auch das in der Erinnerung superschnelle „R4 Ridge Racer Type 4“ vermittelt einen eher behäbigen Eindruck, und der Prügler „Battle Arena Toshinden“ läuft im Test leider so unflüssig, dass Sieg und Niederlage eher Glückssache als Können sind. Die echte Playstation war trotz 90er-Jahre-Hardware einfach flotter. Sony hat hier offenbar zu einem ziemlich langsamen Emulator gegriffen. Hinzu kommt, dass viele der Titel auf einem modernen HD-Bildschirm einfach nicht mehr gut aussehen – viel Abstand hilft etwas.

Da knallt die Peitsche in „Battle Arena Toshinden“: Leider ist die Steuerung hakelig und unpräzise, so dass eher Glück als Können über den Sieg entscheidet. Foto: Günther

Nur einfache Controller für Playstation Classic

Auch die Controller sind ein – wenn auch kleines – Problem. Zwar sind sie tadellos gefertigt und qualitativ hochwertig. Es handelt sich aber um einen Nachbau der ersten Playstation-Controller. Es fehlen also die Analogsticks für Feinsteuerung in 3D-Spielen, Vibrationsfeedback auf Spielszenen beherrschen sie auch nicht. Schade. Mit zwei Dual-Shock-Controllern wäre mehr Spaß in der Packung, und auch der linke Daumen wäre weniger vom Steuerkreuz geschunden.

Fazit

So bleibt die Playstation Classic ein Fenster in die Vergangenheit, das eigentlich nur Menschen Spaß machen kann, die damals keine Playstation hatten. Die alten Spiele auf Nintendos Retro-Konsolen NES und Super NES Classic mini sind einfach besser über die Jahre gekommen. Immerhin: Die Optik des Konsolen-Nachbaus ist richtig gut gelungen. Auch einige der installierten Spiele sorgen dafür, dass die Playstation Classic am Ende doch für die eine oder andere gute Spielstunde taugt.

Allen Schwächen zum Trotz: Die Playstation Classic kann auch Spaß machen – zum Beispiel beim Jump’n’Run Spiel „Rayman“, das ein knallbuntes Vergnügen ist. Foto: Günther

Trotzdem ist die Konsole für rund 100 Euro ein Beispiel, was man alles besser machen könnte: nämlich, einen schnelleren Emulator zu installieren, bessere Controller mitzuliefern und dazu eine Möglichkeit zur Installation weiterer Software. Schließlich warten noch etliche Playstation-Klassiker auf ihre Wiederbelebung. Man kann nur hoffen, dass weitere Neuauflagen von alten Konsolen das besser machen. Segas Dreamcast, Nintendo 64 oder die Playstation 2 könnten als nächste Klassiker wieder auferstehen. Hoffentlich mit etwas mehr Liebe zum Detail.   Till Simon Nagel