Banksy geht - die Kunst bleibt: Auf einer Hauswand in Dover verewigte der Street-Art-Künstler Banksy ein Werk zum Brexit. | Foto: dpa

Wer ist Banksy?

Banksy – Der weltbekannte Unbekannte

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Banksy ist in aller Munde. Die Werke des anonymen, britischen Street-Art-Künstlers werden für Millionen versteigert und dabei gern auch mal zerstört, wie jüngst in London. Das geschredderte Bild „Girl with Balloon“ wird ab dem 5. Februar in Baden-Baden ausgestellt werden. Danach geht es in die Stuttgarter Staatsgalerie. Anlass zu fragen: Wer ist Banksy?

Dumm gelaufen, sagen die Einen. Was für ein Glück, meinen die Anderen. Klar ist: Wäre Banksy der Streich gelungen, sein soeben erst für 1,18 Millionen Euro versteigertes Bild noch im Auktionshaus Sotheby’s vollständig zu schreddern, hätten das Frieder-Burda-Museum in Baden-Baden und die Staatsgalerie in Stuttgart bald eine Attraktion weniger an der Wand. Doch der Zerstörungsmechanismus, den der britische Street-Art-Künstler im Bilderrahmen versteckt hatte, blieb bei der Hälfte des Bildes plötzlich stehen.

 

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. „The urge to destroy is also a creative urge“ – Picasso

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Zerfleddert wurde nur der untere Teil von „Mädchen mit Luftballon“, oben blieb die Leinwand heil. Statt zu einem unansehnlichen Häufchen elender Stofffetzen, wurde das Bild in wenigen Sekunden so zu einem ganz neuen Kunstwerk. Komplett mit neuem Namen, weiterhin sehr dekorativ und praktisch auszustellen. „Love is in the bin“, heißt es jetzt – die Liebe ist im Eimer. Nur, dass der nicht diskret von einer Londoner Putzfrau geleert wird. Stattdessen kommt das Ergebnis der Schredder-Panne ab 5. Februar im Burda-Museum zu Ehren. Danach wird es als Dauerleihgabe nach Stuttgart gehen.

Da war es noch ganz: Banksys „Girl with Balloon“ vor der Versteigerung. Foto: dpa

Absicht oder nicht?

Oder war das vielleicht gar keine Panne? Ein Video, das Banksy kurz nach der öffentlichkeitswirksamen Aktion auf seinem Youtube-Kanal hochlud, zeigt, wie der Mechanismus in den Proben einwandfrei läuft und das gesamte Kunstwerk durch den Schredder jagt. „Bisher hat es immer funktioniert“, so der Kommentar.
Absicht oder nicht – wer die Arbeiten des britischen Kunst-Guerilleros, Graffiti-Sprayers, Polit-Aktivisten und  Allround-Provokateurs über die vergangenen 30 Jahre seiner Karriere verfolgt hat, der weiß mit absoluter Sicherheit, dass man sich bei Banksy nie sicher sein kann. Sogar seine Identität hat der Weltstar der Street-Art-Szene, dessen Werke auf dem Kunstmarkt Spitzenpreise erzielen, bislang erfolgreich zu verschleiern gewusst. Sämtliche Versuche britischer Medien, Banksy zu enttarnen, liefen bislang ins Leere. Das letzte persönliche Interview mit Banksy – oder wenigstens einer Person, die eine braune Papiertüte über dem Kopf trägt und sich so nennt – stammt aus dem Jahr 2003. Auch die 2010 veröffentlichte filmische Biographie „Exit Through The Giftshop“ ist wenig aufschlussreich. Eine geniale Wendung am Ende des Oscar-nominierten Pseudo-Dokumentarfilms lässt die Zuschauer das Kino ohne einen Schimmer wieder verlassen.

Findling: Die angebliche Felsmalerei schmuggelte Banksy ins British Museum. Foto: dpa

Keiner kennt ihn

Ein paar wenige biografische Details hat Banksy, der mit der Öffentlichkeit mittels seiner Vermarktungsfirma Pest Control kommuniziert, zumindest nie dementiert. Dass er aus der ostenglischen Stadt Bristol stammt beispielsweise. Ende der 80er-Jahre, auf der Flucht vor der Polizei unter einem Kipplaster liegend, soll ihm als jugendlicher Sprayer die Idee zu der Graffiti-Technik gekommen sein, die ihn bis heute so unverwechselbar macht. „Ich musste mir etwas einfallen lassen, um beim Sprühen Zeit zu sparen“, erzählte er einst einem Freund und Buchautor. Die Aufschrift auf dem Benzintank des Lkw lieferte die Lösung. Mit vorgefertigten Schablonen, so genannten Stencils, sollte Banksy fortan durch seine Heimatstadt ziehen und erste, bleibende Spuren hinterlassen. Nicht nur seine Technik machte ihn unverwechselbar, auch seine Bildsprache ist einzigartig. Weg vom grellbunten, verschnörkelten Graffiti-Stil der Hip-Hop-Kultur hin zu ästhetisch ansprechenden schwarz-weißen Klein- und Großformaten von Ratten oder Schimpansen, die wie echte Tiere aussehen, sich aber wie Menschen benehmen.

Anonymität als Markenzeichen

1999 tauchen die ersten Banksys in London auf. Etwa zur gleichen Zeit, zieht sich der Künstler völlig in die Anonymität zurück. Unfassbar für die Polizei und unerreichbar für die Öffentlichkeit, die mehr von ihm sehen will, je rarer er sich macht. „Bis ich unbekannt war, hat mir nie jemand zugehört“, lautet ein berühmtes Banksy-Zitat.

Schöne, bissige Bilder

Mit kleineren, improvisierten Ausstellungen in stillgelegten Straßentunnels oder verlassenen Lagerhäusern versetzt Banksy die Londoner Kunstszene zu Anfang der 2000er-Jahre in Aufruhr. Bilder von der Queen als Schimpanse oder ein lebendes Rind mit Warhol-Köpfen im Pop-Art-Stil bemalt, werden heiß diskutiert. Im selben Jahr besucht ein bärtiger Mann mit dunklem Mantel, Schlapphut und einer braunen Papiertüte in der Hand die Londoner Tate Gallery. Im Raum 7 im zweiten Stock des Museums hängt nach dem Besuch des ominösen Unbekannten plötzlich ein Bild mehr an der Wand. Über die romantische englische Landschaft im opulenten Rahmen ist ein blau-weißes Absperrband der Polizei gepinselt. „Crimewatch UK has ruined the countryside for all of us“, steht darauf zu lesen. Eine zynische Anspielung auf das in Großbritannien weit verbreitete Videoüberwachungssystem, das das Alltagsleben der Briten schleichend verändert hat.
Die Tate bleibt nicht das einzige Opfer. In den folgenden 17 Monaten werden weitere hochgesicherte Kunstmuseen zur Zielscheibe Banksys. In den Pariser Louvre schmuggelt er ein Bild der Mona Lisa mit einem Smiley als Gesicht, ins New Yorker Metropolitan Museum of Art hängt er heimlich das Porträt einer Dame mit Gasmaske. Bis der Schwindel entdeckt wird, ist Banksy längst über alle Berge.
Weltruhm erlangt Banksy im Jahr 2005, als er nach Israel reist und in Nacht-und-Nebel-Aktionen die Mauer zur Westbank bemalt. Der blumenstraußwerfende Demonstrant, ein israelischer Soldat, der von einem Esel Papiere verlangt, oder eine Friedenstaube mit Schussweste reflektieren Banksy-typisch die politische Lage in schönen Bildern voll beißender Ironie.

„Donkey Documents“ -_ „Eselspapiere“ hat Banksy sein Wandgemälde genannt, das er 2006 auf der Mauer zum Westjordanland in Israel angebracht hat. Das Mauerstück wurde ausgebrochen und in London versteigert. Foto: dpa | Foto: dpa

Meister des Humors

„Banksy ist ein Meister des Humors“, schlussfolgerte der einstige FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in einem Artikel aus dem Jahr 2007. Banksy war gerade im Clinch mit Tierschutzorganisationen, weil er für eine Ausstellung in Los Angeles einen lebenden Elefanten bemalt hatte. Das riesige Tier war im Muster einer prunkvollen Tapete getarnt, mit der der gesamte Raum ausgekleidet war. „An elephant is in the room“, lautet eine englische Redewendung und meint ein Tabu, das unübersehbar im Raum steht, über das aber keiner spricht. Der Elefant im großbürgerlichen Wohnzimmer sollte für die Millionen von Kindern stehen, die jährlich an den Folgen von Hunger und Armut sterben.

Unfassbar wie seine Kunst

Banksy und seine Kunst bleiben unfassbar. Er kommt bei Nacht – sie bleibt. So wie das monumentale Gemälde, das seit Mai 2017 eine Hauswand in Dover veredelt. Darauf zu sehen ist ein Handwerker auf einer Leiter, der einen Stern aus der EU-Flagge entfernt. Unabhängig von der Größe seiner Werke bleiben Banksys Botschaften fast immer subtil. Drohende Plattitüden umschifft er geschickt durch seine clever-subversive Vorgehensweise. Krieg, Faschismus und die Kritik an der Konsumgesellschaft sind seine Lieblingsthemen. Dem Britischen Museum jubelte Banksy heimlich eine fingierte Felsmalerei unter. Sie zeigt einen von Speeren getroffenen Bison, darunter einen Einkaufswagen und einen Höhlenmenschen. Es dauerte, bis die Museumsleitung die Fälschung entfernte.

Hass-Liebe zum Kunstmarkt

Seinen Brass auf den aufgeblähten, millionenschweren und seiner Meinung nach elitären Kunstbetrieb pflegt Banksy genüsslich. Bei einem Kunstflohmarkt im New Yorker Central Park stellte ein alter Herr einen klapprigen Tapetentisch und verscherbelte Leinwände berühmter Banksys. Kaum einer wollte die wie Billigkopien aussehenden Bildchen haben. Schließlich erstand ein kanadischer Tourist vier Stück. Als sich später herausstellte, dass Banksy persönlich den Stand hatte aufstellen lassen, war der Kanadier ein gemachter Mann.

Hier ist das Video zur Aktion:

Wer spielt mit wem?

Die Street Art hat Banksy viel zu verdanken. Nicht nur, dass er sie aus stillgelegten Gleisanlagen herausgeholt und ins Museum gebracht hat. 2010 wurde der Künstler vom „Times Magazine“ in die Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt aufgenommen. Ob sie es will oder nicht – die etablierte Kunstwelt kommt an Banksy nicht vorbei. Sie verachtet und verehrt ihn gleichermaßen. Die Hass-Liebe beruht durchaus auf Gegenseitigkeit. Die Frage ist nur, wer mit wem spielt. Banksy, der das Millionengeschäft mit der Kunst immer wieder kritisiert, hat den Wert seines „Mädchen mit Ballon“ durch die Zerteilung locker verdoppelt. Wie das zusammenpasst, werden wir Kunst-Amateure wohl nie erfahren und auch nicht, ob am Ende nicht doch alles nur ein blöder Unfall war.

Ausgestellt
Der geschredderte Banksy wird vom 5. Februar bis 3. März im Museum Frieder Burda in Baden-Baden vermutlich kostenlos zu sehen sein. Danach geht das Bild als Dauerleihgabe an die Staatsgalerie Stuttgart.