Koloss von Prora an der Prorer Wiek auf der deutschen Insel Rügen
Baumboom an der Prorer Wiek: Nach langem Dornröschenschlaf wird der Koloss von Prora, die kilometerlange Hinterlassenschaft der Nazis, saniert. | Foto: BeckArt-stock.adobe.com

Baumboom an der Prorer Wiek

Prora: Neues Leben im Nazi-Koloss

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Es herrscht Goldgräberstimmung in Prora auf Rügen, Deutschlands größter Insel. Betonsäcke stapeln sich vor dem Bauzaun. Ein paar Meter weiter warten ein paar Dutzend nagelneuer Fenster auf den Einbau. Auf dem Gerüst turnen Bauarbeiter herum. Kleinlaster liefern Nachschub an. Riesige Schilder werben für exklusive Eigentums-Ferienwohnungen – in allerbester Strandlage, inklusive steuersparender Denkmal-Abschreibung.

Prora wandelt sich

Am Südende des kilometerlangen Betonriegels, wo in der Ferne die rot-weißen Türme des Kurhauses Binz grüßen, ist der Bauboom in vollem Gang, hat die Zukunft bereits begonnen. Sonnenanbeter aalen sich auf den Liegen ihrer Ferienwohnung; Kinder planschen in den angenehm temperierten 25-Meter-Pools, Süßschnäbel löffeln Eis im „Café Strandläufer“. Nur im „Salesroom“ von Prora, einem simplen Baucontainer, wo sich die Besitzer teurer Autos über Immobilienkauf im „Koloss von Prora“ informieren können, herrscht heute Ruhe.

Projektentwickler Ernst-Ullrich Busch vor einem der bereits sanierten Blöcke vom "Koloss von Prora", wo Eigentumswohnungen und Ferienimmobilien entstanden sind.
Projektentwickler Ernst-Ullrich Busch vor einem der bereits sanierten Blöcke, wo Eigentumswohnungen und Ferienimmobilien entstanden sind. | Foto: Prora-solitaire

Zum Luftkurort ernannt

Ernst-Ulrich Busch, gebürtiger Berliner und einer der Initiatoren des Baubooms an der Prorer Wiek, dem wohl schönsten Strand auf Rügen, ist zufrieden. Gerade eben wurde Prora, diese alle Dimensionen sprengende NS-Hinterlassenschaft, zum staatlich anerkannten Erholungsort ernannt. Mittelfristig strebt der Ortsteil von Binz  den Titel „Seebad“ an. „Die gute Luft ist kein Problem, aber in die Infrastruktur muss noch einiges investiert werden“, bekennt der 54-jährige Projektentwickler.

Hotel Prora Solitaire an der Prorer Wiek auf Rügen
Moderner Look in strahlendem Weiß: Bis zu 7000 Euro pro Quadratmeter haben Investoren für ihren Traum von direkter Strandlage ausgegeben. | Foto: wit

Für ihn ist die Sanierung des kilometerlangen Komplexes die Lebensaufgabe schlechthin . Als einer der ersten erkannte er die Vorzüge von Prora mit seiner funktionalen Architektur. Nach der Wende war der „Koloss von Prora“ unvermittelt in den Schoß der Bundesvermögensverwaltung gefallen.  Busch kaufte Block I und II für wenig Geld, wagte sich an die Entkernung der schlanken Gebäude und handelte gläserne Balkone zur Seeseite heraus.

Traum von bester Strandlage

Heute residieren Gutbetuchte, Mieter, aber auch Rügenurlauber in den schicken Appartements mit modernem Design, von denen etliche mehr gekostet haben als Block I und II zusammen. 3 000 bis 7 000 Euro pro Quadratmeter haben kapitalkräftige Anleger für ihren Traum von bester Strandlage auf den Tisch gelegt. Versüßt wurde die Investition durch eine hohe Denkmalschutzabschreibung. Ernst-Ulrich Busch stellt  im funkelnden Foyer des Aparthotels „Prora Solitaire“ lieber einen anderen Gesichtspunkt heraus:

Für mich ist die Transformation Proras das größte architektonische Entnazifizierungsprogramm Deutschlands. Hier kann jeder nach seiner Façon leben; hier gibt es keine Uniformität im Denken – das Gegenteil dessen, was die Nazis mit diesem Monumentalprojekt bezweckten

Mega-Hotel für 20 000

Ein solches Ghetto auf Rügen, für die „Badewanne der Berliner“, konnten sich nur die Nazis ausdenken. Als endlos scheinendes graues Band schmiegt sich das einstige Prestigeprojekt des NS-Regimes nördlich von Binz in einem leichten Bogen an die Ostküste der Insel. Angesichts der Gigantomanie der sechsstöckigen Gebäudefront von Prora, die sich von der Seeseite aus hinter einem Waldgürtel verbirgt, fühlt sich der Mensch auch heute noch winzig klein. Das „längste Gebäude der Welt“ schwebte den braunen Herren vor, ein Mega-Hotel für 20 000 linientreue Volksgenossen, ein Arier-Paradies mit insgesamt acht Blöcken von jeweils 500 Meter Länge. Als im Mai 1936 der Grundstein für das „Kraft durch Freude“-Projekt gelegt wurde, jonglierten die Verantwortlichen mit Kosten von 40 Millionen Reichsmark – schließlich waren neben Prora vier weitere KdF-Bäder geplant.

Kärglich ausgestattete Zellen

Doch die Kosten liefen aus dem Ruder: In einem lange unter Verschluss gehaltenen Dokument der KdF-Baudirektion aus dem Jahr 1938 ist von erwarteten Gesamtkosten von 237,5 Millionen Reichsmark die Rede, was einem heutigen Wert von gut 800 Millionen Euro entsprechen würde. Penibel listeten die KdF-Planer auf, welche Ausgaben für das „Seebad der 20 000“ zu tätigen wären. Der Rohbau der acht Blocks schlug mit 95 Millionen Reichsmark zu Buche, die kärgliche Ausstattung der winzigen Zellen, wo gerade mal zwei Betten Platz fanden, mit zehn Millionen Reichsmark.

14 Millionen standen für Schwimm- und Gymnastikhallen bereit, weitere Millionen für Strandpromenaden, Wasserspiele, Kolonnaden und Läden. Sogar eher unbedeutende Details wurden in Mark und Pfennig aufgelistet – wie etwa 150 000 Preiselbeerpflanzen, das Stück zu fünf Pfennig. Weil die Planer jedoch den Vorwurf der Verschwendung fürchteten, musste die ursprünglich konzipierte Festhalle für 20 000 Personen einer weitaus günstigeren Variante weichen.

Geplante Unterkunft im KdF-Seebad Prora, geplant während des Dritten Reiches.
So sollten die Unterkünfte im „Kraft-durch-Freude“-Seebad Prora aussehen. 20 000 Volksgenossen sollten hier Urlaub machen können. | Foto: wit

Prora wurde nie fertig

Zwei Reichsmark sollte der Aufenthalt in „Hitlers Bettenburg“ pro Tag kosten, Unterkunft, Verpflegung, Strandkorb und KdF-Badetuch inbegriffen. Doch im Gegensatz zur landläufigen Meinung wurde beim einwöchigen Ostseeurlaub im Koloss von Prora niemand auf Linientreue getrimmt. Bis zum Kriegsausbruch 1939 stand nicht viel mehr als der Rohbau des kilometerlangen Komplexes, für den 13 000 Bäumen weichen mussten. Der Bau des Mega-Feriendomizils, das die nationalsozialistische Volksgemeinschaft stärken sollte, wurde gestoppt: Andere Vorhaben wie die Entwicklung von V-2-Waffen in der NS-Heeresversuchsanstalt auf Usedom hatten nun Priorität.

Ferienwohnung im "Koloss von Prora" an der Prorer Wiek auf Rügen.
Die Ostsee vor der Haustüre: Ferienwohnungen mit 3000 Gästebetten sind im „Koloss von Prora“ geplant. | Foto: Prora Solitaire

Prora als Geschichtsruine

1945 machte die Rote Armee kurzen Prozess mit dem NS-Größenwahn und sprengte Teile des Nordflügels. Die Reste von Block 6 und 7 stehen noch immer – erinnern an vom Dschungel überwucherte Ruinen einer untergegangenen Epoche, deren Existenz die Menschheit vergessen hat. Die massiven Wände sind eingebrochen, über die Trümmer macht sich die Natur her. Auf den eingestürzten Dächern wurzeln junge Kiefern, und nur einen Steinwurf entfernt ragen die Türme des Fährhafens Mukran in den stahlblauen Himmel über der Insel der Romantiker. Eine Liechtensteiner Firma hat das Stahlbetongerippe für einen hohen sechsstelligen Betrag vor einem guten Jahrzehnt gekauft. Geschehen ist seitdem nichts, außer der erforderlichen Umzäunung. Es ist, als warte Prora, die größte Geschichtsruine der Bundesrepublik, nur darauf, um mit den Dünen, dem Strandhafer und den Büschen zu verschmelzen.

Querriegel des "Kolosses von Prora" auf Rügen.
Die Diskothek hat geschlossen, der Block ist verkauft: Auch hier sollen Eigentums-, Miet- und Ferienwohnungen enstehen. | Foto: wit

Kontaminierter Platz

Dem Rest vom Prora war ein etwas gnädigeres Schicksal beschieden. Nach dem Krieg zog zunächst die Volkspolizei, später die NVA in die baugleichen Blöcke ein. Sie wurden sofort militärischer Sperrbezirk. Eine Offiziershochschule, ein Erholungsheim für Angehörige der Armee, Trainingsgelände für Fallschirmspringer, die den Häuserkampf übten – von der Nutzung der Blocks mit jeweils 25 000 Quadratmeter Fläche bekam die Bevölkerung nicht viel mit. Nach der Wende war plötzlich der Bund Besitzer der „monumentalsten Kasernenanlage der DDR“ – und alles andere als glücklich. Die Bundeswehr gab den Standort schon bald auf. Versuche, den gesamten Komplex für 95 Millionen Mark zu verkaufen, scheiterten kläglich. 1994 wurde das alte Gemäuer zwar unter Denkmalschutz gestellt, doch an dem historisch kontaminierten Ort wollte sich keiner die Finger verbrennen.

Heimstatt für Künstler

Nur eine Gruppe fand Gefallen an der Geisterstadt: Maler und Keramiker, die in Block III vom „Koloss von Prora“ ihre Werkstätten und Ateliers einrichteten – gleich neben dem Dokumentationszentrum und der Diskothek M3, wo die Stars der deutschen Techno-Szene auftraten. Vom einst größten Club der Insel Rügen künden nur noch Schilder, den Künstlern wurde gekündigt und das Dokumentationszentrum hofft auf neue Räume in Block V, der noch dem Landkreis Vorpommern-Rügen gehört. Denn die „wilden Zeiten“ – so Projektentwickler Ernst-Ulrich Busch – sind vorbei. Ein komplettes Ferien- und Freizeitzentrum für rund 100 Millionen Euro soll in den nächsten Jahren in Block III mit seinem stilbildenden Querriegel entstehen. Kaufanreiz auch hier: eine satte Denkmal-Abschreibung.

Ferienwohnungen im Hotel "Prora Solitaire" am schönsten Strand der Insel Rügen.
Ganz schön chic: die Ferienwohnungen im „Prora Solitaire“ am schönsten Strand der Insel Rügen. | Foto: wit

Noch bleibt viel zu tun

So chic die Wohnungen im „Prora Solitaire“ sind, so atemberaubend der Blick von der Dachterrasse der „Sky Suite“ über die blaue Ostsee: Zwischen Strand- und Poststraße gibt es noch jede Menge zu tun. Alt und Neu, Braun und Weiß wechseln sich hier ab. Ein sanierter Gebäudeteil grenzt unmittelbar an einen historisch belassenen, an dem der Putz bröckelt. Strahlende Fassaden fallen ins Auge; ein paar Meter weiter bleibt der Blick an zerbrochenen Fenstern und bröckelnden Mauern hängen. Die Straßenlaternen sind zwar nagelneu, doch an der Uferpromenade vergammeln die Treppen zum Strand. Der Binzer Bürgermeister Karsten Schneider ist trotzdem froh, dass sich in Prora endlich etwas tut. Herbergs- und Hotelbesitzer im benachbarten Binz waren zunächst wenig glücklich über weitere 3 000 Gästebetten. Die wollen schließlich rund um das Jahr gefüllt werden. Doch mittlerweile überwiege die Freude, dass der ungeliebte Vorort herausgeputzt wird.