Glücksdrache Fuchur zu sehen in der Filmstadt Bavaria bei München.
Ein Drache als Glücksbringer: „Die unendliche Geschichte“ war einer der erfolgreichen Filme in der hundertjährigen Geschichte der Bavaria. | Foto: Bavaria

Bavaria Film wird 100

Hollywood im Isartal

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Die Bavaria Film , 30 Kilometer von der München Innenstadt entfernt,  ist eines der führenden Produktions- und Dienstleistungsunternehmen der deutschen Film- und Fernsehbranche. Vor 100 Jahren nahm die Erfolgsgeschichte des „Hollywoods im Isartal“ ihren Anfang. Superstar vor und hinter der Kamera gaben sich in Geiselgasteig die Klinke in die Hand. Und auch heute sind die Münchner gut im Geschäft.

Ein Glücksdrache als Maskottchen

Wie ein feuerspeiendes Ungetüm sieht das Vieh nun wirklich nicht aus. Eher wie ein etwas groß geratener Cockerspaniel mit schneeweißem Fell und treuen Hundeaugen. Aber vielleicht ist gerade dies das Erfolgsgeheimnis des langohrigen Knuddelmonsters: Abertausende Kinder haben sich auf den Rücken des Glücksdrachen Fuchur aus der Michael-Ende-Verfilmung geschwungen, was den etwas zerzausten Zustand der Filmrequisite erklären könnte.

Geliebt von Klein und Groß

Doch nicht nur Dreikäsehochs lieben das Geschöpf der Lüfte: Als Hollywoodstar Joseph-Gordon Levitt Szenen das Whistleblower-Dramas „Snowden“ in München drehte, führte ihn sein Weg zu dem Glücksdrachen, der unzweifelhaft einer der Publikumslieblinge der Bavaria-Filmstadt im Grünwalder Ortsteil Geiselgasteig ist. Seit 100 Jahren entstehen dort große Kino-Produktionen, aber auch Erfolgsformate für den heimischen Bildschirm, wie beispielsweise der „Tatort“.

Kulisse der Air Force One in der Bavaria Filmstadt bei München.
Für den Kinofilm „Big Game“ mit Samuel L. Jackson wurde eine Kulisse der Air Force One nachgebaut | Foto: Bavaria

Filmschwergewicht in Deutschland

Los Angeles hat Hollywood, Berlin sein Babelsberg und München eben seine Bavaria-Filmstadt in Grünwald, dem noblen Villenort knapp 30 Kilometer vom Münchner Stachus entfernt. Im „Hollywood im Isartal“ stolpert man an allen Ecken und Enden über Filmhistorie. Hier stößt man allerorten auf Lieblingsserien und TV-Knüller. In 100 Jahren hat es alle großen Umbrüche der Branche gemeistert.

Zwischen Qualität und Popularität

Die Bavaria gehört zu den vier größten Produktionsunternehmen Deutschlands und kennt den Spagat zwischen Qualität und Popularität. Auf dem 30 Hektar großen Gelände im Süden Münchens drehte Rosa von Praunheim das kämpferisch-pathetische Manifest der Schwulenbewegung „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“. Hier gehen aber auch die „Rosenheim-Cops“ zwischen Weißwurstfrühstück und Biergarten-Besuch auf Verbrecherjagd. Denn wo Bavaria draufsteht, ist logischerweise auch eine gehörige Portion Bayern drin.

Filmworkshop in der Bavaria-Filmstadt bei München.
Ein spannendes Erlebnis: der Filmworkshop in der Bavaria Filmstadt. | Foto: Bavaria

Wie alles begann bei der Bavaria

Es war der Filmpionier Peter Ostermayr, der im Jahr 1919 den Grundstein für die Produktionsgesellschaft namens Emelka legte. Der Fotografen-Sohn entpuppte sich als des Freistaats bester Ferienwerber; er drehte älplerische Epen mit verwegenen Wilderern, sittsamen Sennerinnen und allfälligem Alpenglühen. Das erste Studio, das er bauen ließ, war wie damals üblich ein Glaspalast, weil Scheinwerfer nicht stark genug waren, um das Tageslicht zu ersetzen.

Hitchcock bekam seine Chance

Doch abgesehen von stummen Heimatfilmen nach populären Ganghofer-Romanen: Die Bavaria lockte auch Filmbesessene an die Isar, denen sehr viel später ein Platz in der cineastischen Ruhmeshalle zuteil wurde. Einer dieser kreativen Köpfe war ein junger Engländer, der endlich auf den Regiestuhl wechseln wollte. In Berlin, wo er Friedrich Wilhelm Murnau bei den Arbeiten an „Der letzte Mann“ studiert und ganz passabel Deutsch gelernt hatte, erhielt er einen Korb; in München bekam er seine Chance: „Garten der Lust“ sollte das Werk des unbekannten Regie-Debütanten heißen, doch das war den Zensurbehörden in Bayern dann doch ein bisserl zu heiß. Uns so bekam Alfred Hitchcocks Melodram den Titel „Irrgarten der Leidenschaft“ verpasst.

Wunden- und Effekt-Make up in der Bavaria-Filmstadt bei München
Wunden- und Effekt-Make up verwandelt kleine Kinder in große Zombies. | Foto: Bavaria

Goebbels hielt die Bavaria klein

Das Aufkommen des Tonfilms brachte das Unternehmen in den 1930er Jahren in Schwierigkeiten, zumal die Nationalsozialisten das „bajuwarische Hollywood“ eher klein hielten: Propagandaminister Goebbels, selbst ernannter „Schirmherr des deutschen Films“, hatte schlicht kein Interesse an einer Konkurrenz zur zwei Jahre älteren Ufa in Babelsberg.

Alle kamen nach Geiselgasteig

Nach dem Krieg wurden die Karten neu gemischt. Geiselgasteig wurde zum Ort, der Geschichte schrieb und Geschichten erzählte, der Name Bavaria zum Synonym für große Stars, aufwändige Inszenierungen und preisgekrönte Erzählungen. Alle waren da – Orson Welles, Gregory Peck, Gene Kelly und Tony Curtis. Stars wie Senta Berger und Joachim Fuchsberger wohnten in Grünwald gleich um die Ecke, Heinz Rühmann residierte in einem kleinen Holzhaus auf dem Filmstadt-Gelände.

Auf dem riesigen Gelände lernte Stanley Kubrick seine spätere Ehefrau Christiane kennen. In den 60ern startete hier die „Raumpatrouille Orion“ zu ihren fantastischen Abenteuern ins All – ausgestattet mit Bügeleisen und Bleistiftspitzern als Bordinstrumente. Und als John Sturges 1963 das Ausbruchsdrama „Gesprengte Ketten“ drehte, heizte Hauptdarsteller Steve McQueen regelmäßig mit einer Triumpf über das Gelände.

Demonstration von Visual effects in der Bavaria-Filmstadt bei München
Visual Effets sind im Computer generierte Bilder, die für Kino- und TV-Filmen mittlerweile unverzichtbar sind. Während der Führung erfährt man, wie die Spezialisten Bilder aus dem Rechner mit realen Aufnahmen kombinieren. | Foto: Bavaria

Nebeneinander von Film und Fernsehen

Ob Popcorn-Kino mit hochkarätig besetztem Stab, unterhaltsame Heile-Welt-Streifen, Historienschinken, Liveshow für die Primetime oder Magazinformate mit langer Fernsehtradition: Das erfolgreiche Nebeneinander von Film und Fernsehen ist ein Markenzeichen des Geburtstagskindes.

Cineastische Meilensteine

Für das Kino entstanden cineastische Meilensteine mit Weltstars vor und hinter der Kamera. Billy Wilder kam gleich zweimal: Seine Screwball-Komödie „Eins, Zwei, Drei“ vor dem Hintergrund des Ost-West-Konflikts sollte eigentlich in Berlin entstehen, doch dann kam ihm der Mauerbau dazwischen. Die bezaubernde Lilo Pulver durfte als Gulasch-Girlie Piroschka Gunnar Möller verzaubern. Star-Regisseur Ingmar Bergman brachte zum Dreh von „Das Schlangenei“ Liv Ullmann, David Carradine und Gert Fröbe mit.

Für das Drama musste ein kompletter Berliner Straßenzug in der Münchner Filmstadt nachgebaut werden. Der wurde drei Jahre später nochmals gebraucht: Für Rainer Werner Fassbinders 14-teilige Romanverfilmung „Berlin Alexanderplatz“, der laut amerikanischem „Time magazine“ ein Platz auf der „All-Time 100 Movies“-Liste gebührt.

Geschichten aus dem Kostümfundus

60 000 Stücke werden im Kostümfundus hinter einer unscheinbaren Tür verwahrt, darunter echte Raritäten. Hier hängt die helle, glattgebügelte Jeans, die Götz George als legendärer „Tatort“-Kommissar getragen hat – die Münchner sind nämlich keineswegs nur für Batic und Leitmayr zuständig. Gleich daneben baumelt ein verblichenes, olivgrünes Hemd aus dem Film „Das Boot“, auf dessen Kragen jemand handschriftlich Herbert Grönemeyer geschrieben hat. Der beige Wollpullunder, den der 13-jährige David Bennent in „Der Blechtrommel“ trug, wird ebenso aufbewahrt wie die knapp geschnittenen Kostüme Liza Minnelis in „Cabaret“. Acht Oscars gab es für das Film-Musical, darunter einen Goldjungen für den deutsche Kulissenbauer Rolf Zehetbauer und sein Team.

Original-Boot aus dem Film-Klassiker „Das Boot" in der Bavaria-Filmstadt bei München
Das Original-Boot aus dem Film-Klassiker „Das Boot ist eines der Highlights der Filmstadt. | Foto: Bavaria

Ein U-Boot für die Filmstadt

Der lange Weg der Bavaria zeigt sich am besten an einem U-Boot. Und zwar nicht an irgendeinem, sondern an dem wohl berühmtesten U-Boot aller Zeiten. Das Modell des legendären U96 aus Wolfgang Petersens Welterfolg „Das Boot“ könnte auch gut in einem Marine- oder Technikmuseum stehen. Doch zusammen mit dem Glücksdrachen Fuchur aus der „Unendlichen Geschichte“ zählt die „Kulisse aller Kulissen“ zu den größten Attraktionen der Tour über das Studiogelände.

250 000 Besucher im Jahr

Am 1. August 1981 startete das auf zunächst drei Monate befristete Projekt. Jede Stunde eine Führung: So hatten es sich die Initiatoren vorgestellt. Nun startet zu Spitzenzeiten alle zehn Minuten eine Führung durch Europas größtes Filmgelände. 250 000 Besucher werden pro Jahr durch den glitzernden Raumkorridor aus „Enemy Mine“ geschleust, legen eine Gedenkminute vor Fassbinders Regiestuhl ein oder erkunden das nachgebaute Wetterstudio. Das echte, wo Claudia Kleinert, Sven Plöger und Karsten Schwanke täglich zehn Wettersendungen moderieren, steht nur wenige Meter entfernt.

Szene aus der Bavaria Filmstadt bei München, Deutschland.
„Das filmende Klassenzimmer“ ist ein Angebot in der Bavaria Filmstadt | Foto: Bavaria Filmstadt

Erfolg mit TV-Dauerbrennern

Der Glaspalast, wo alles begann, ist längst verschwunden. Er zersplitterte während eines Hagelsturms. An seiner Stelle findet sich heute das sogenannte Studio 1, das für die Produktion der TV-Serie „Der Alte“ reserviert ist. Auch wenn die Bavaria mit ihrem Dutzend Tochterfirmen ihre Brötchen vor allem mit TV-Dauerbrennern wie der Daily Soap „Sturm der Liebe“, „In aller Freundschaft“ oder dem „Tatort“ verdient: Die Münchner haben noch immer ein Händchen für Kino-Kassenschlager.

Das Klassenzimmer aus „Fack Ju Göhte“

Mögen die Kleinen noch zu Fuchur pilgern oder durch die Kulissen von „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ turnen – das berühmte Klassenzimmer der 10b aus der „Fack Ju Göhte“-Trilogie läuft den Kinderbuch-Klassikern so langsam den Rang ab. Denn auch das gehört zum bayrischen Hollywood – Zeitgeistcomedy für ein junges Massenpublikum.

 

Die Bavaria Filmstadt (Bavariafilmplatz 7, 82031 Geiselgasteig bei München, Telefon 0 89 / 64 99 20 00) hat von März bis Anfang November täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet, von November bis Ende Februar von 10 bis 17 Uhr.

Preise: Der Eintritt für Erwachsene kostet 27,50 Euro, Kinder und Jugendliche (von sechs bis 17 Jahre) zahlen 22 Euro. Sonntags gibt es ein Familienticket für zwei Erwachsene und alle eigenen Kinder. Es kostet 84 Euro. Geburtstagskinder haben bei Vorlage des Ausweises freien Eintritt. Im Preis inbegriffen ist eine 90-minütige Führung über den 300 000 Quadratmeter großen Medien-Campus mit Originalkulissen, das Filmstadt-Atelier mit Requisiten, Dekorationen und Kostüme aus in Geiselgasteig produzierten Filmklassikern und legendären Fernsehformaten sowie Münchens einziges 4D-Kino. Tickets können auch online gekauft werden.