Der Mann der Filmschätze: Der Bielefelder Frank Rudolf digitalisiert für das BNN-Projekt „Zurückgespult“ die Filme der Leser. Bild für Bild auf den Streifen muss abgescannt werden. | Foto: Hora

BNN-Projekt „Zurückgespult“

Moderne Technik rettet Filmschätze

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Einen echten Schatz für das BNN-Filmprojekt „Zurückgespult“ stellt man sich gemeinhin anders vor. Die Filmdose hat zweifelsohne schon bessere Zeiten gesehen. Das einst matt schimmernde Silber ist mit winzigen Rostflecken übersät. Doch der Inhalt hat dank sorgfältiger Verpackung die Jahrzehnte unbeschadet überstanden. „Wahrscheinlich aus den 20er und 30er-Jahren“ steht in makelloser Schrift auf dem Begleitschreiben, „Inhalt unbekannt“, heißt es weiter. Lange wird dieser Zustand der Unkenntnis allerdings nicht anhalten, denn die Filmspule, die eine Leserin aus Bühl-Neusatzeck aufgespürt und den BNN zur Verfügung gestellt hat, ist bereits auf dem Weg nach Bielefeld: zur Filmwerkstatt von Frank Rudolf. Der 55-Jährige hat in den vergangenen Wochen Tag und häufig auch Nacht vor den Scannern in seinem Atelier verbracht, denn der Westfale hat sich auf das Überspielen alter Streifen spezialisiert. Und die haben ihm die Leser der BNN gleich kistenweise geliefert.

"Zurrückgespult": das gemeinsame Projekt der BNN und ihrer Leser.

Eine solche Resonanz haben sicherlich nur kühnste Optimisten erwartet: Stellen Sie uns längst vergessene „Filmschätzchen“ aus der Zeit zwischen 1930 und 1990 zur Verfügung! Wir digitalisieren sie kostenlos und nehmen ihre privaten Filmaufnahmen als Grundstock für eine fünfteilige DVD-Edition über die Region, die im Spätherbst erscheinen soll. So lautete der Aufruf vor wenigen Wochen, und seitdem werden die BNN-Geschäftsstellen und die Poststelle mit Päckchen und Paketen überflutet. Die Speicher der Erinnerung haben alles dokumentiert, was die Menschen zwischen Offenburg und Waghäusel, Wörth und Pforzheim in sechs Jahrzehnten bewegt hat: den schwierigen Alltag während der Kriegsjahre, Naturkatastrophen und Flugzeugabstürze, die fröhlichen Feste der Dorfgemeinschaft, Momente privaten Glücks wie die erste Urlaubsreise zum Teutonengrill.

Filmstreifen
Über 20 000 Meter Film wurden bereits in der Bielefelder Filmwerkstatt digitalisiert. | Foto: Foto: Silver-stockadobe.com / BNN-Archiv / Hora

„Früher hat man sehr genau überlegt, was man filmt“, erzählt Frank Rudolf, der große Erfahrung hat, wenn es darum geht, 35-Millimeter-Film, Super 8 oder Videostreifen digital umzuwandeln. Heute kann jeder sein eigener Regisseur sein. Ein kurzer Griff zum Smartphone – schon ist das kurze Filmchen für Familie und Freunde fertig. Die passionierten Filmliebhaber von früher mussten dagegen richtig Geld in die Hand nehmen, wenn sie sich für das teure Hobby begeisterten. „Super 8 machte den Amateurfilm zwar einer breiten Masse zugänglich, doch ein Film von Kodak kostete locker 14 bis 18 Mark“, erinnert sich der Filmexperte, der gerne Kameramann geworden wäre, zunächst aber in der Modebranche landete. Viel Geld in einer Zeit, als das durchschnittliche Brutto-Einkommen bei 850 Mark lag.

Infiziert vom Film-Virus

Ganze 3:20 Minuten „persönliches Glück“ passten damals – als Super 8 Mitte der 60er-Jahre salonfähig wurde – auf eine 15 Meter lange Filmspule. Und der Anschaffungspreis von mehreren Hundert Mark für die heute eher klobig wirkende Kamera schreckte zusätzlich ab – zumal ein VW Käfer auch nur knapp 4 700 Mark kostete. Doch der 15-jährige Frank Rudolf, infiziert vom Film-Virus, wollte unbedingt solch modischen Schnickschnack haben und jobbte deshalb regelmäßig vor der Schule auf dem Bielefelder Blumenmarkt, um sich den Traum von der eigenen Kamera erfüllen zu können. Ein Gerät Marke Bauer war sein erster Kauf, wenig später musste es eine gebrauchte Braun Nizo sein. „Ich habe trotzdem noch ein gutes Abitur gemacht“, so der Filmexperte.

BNN-Filmprojekt bestimmt den Tag

Eine Kiste Bier waren einem guten Freund Rudolfs Digitalisierungsdienste wert, heute floriert die Bielefelder Filmwerkstatt und erweckt längst Vergessenes zum Leben. Seit Wochen bestimmt das BNN-Filmprojekt „Zurückgespult“ Frank Rudolfs Alltag: 16 Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche. Gut 20 000 Meter Film hat der Mittfünfziger bereits gesichtet, „zum Schluss werden es bestimmt 70 000 bis 80 000 Meter sein“, erzählt der Film-Fan während eines Besuchs in Karlsruhe, wo er höchstpersönlich die nächste Ladung Filme für das BNN-Filmprojekt „Zurückgespult“ abgeholt hat.

Filmspulen und-rollen
Ob 35 Millimeter oder Videokassette – für das BNN-Projekt „Zurückgespult“ werden Filme aus sechs Jahrzehnten gebraucht | Foto: Hora

Wenn der Chef der Filmwerkstatt über seine Passion spricht, die Vorzüge von Super 8 gegenüber Video preist und Worte wie Einzelbild-Scanner und Filmabtastung in den Mund nimmt, wird schnell klar: Der Mann versteht sein Handwerk. Was sich über Deutschland hinaus herumgesprochen hat. Nicht nur private Auftraggeber, die Opas alte Filmschätzchen für die Nachwelt retten wollen, werden bei ihm vorstellig; für die ARD-Reihe „Legenden“ arbeitete er privates Filmmaterial von Peter Frankenfeld auf, und in das Projekt „bewegtes Leben“ der Autonomen Provinz Bozen – Südtirol und des Bundeslandes Tirol war er ebenfalls eingebunden.

Glühender Fan von Zelluloid

Keine Frage: Der Digitalisierer ist ein glühender Fan des guten alten Filmstreifens aus Zelluloid und ein Feind von VHS, des Video Home Systems, das in den 80er-Jahren in Mode kam und manchen Hobbyfilmer zum Wechsel von Streifen auf Band bewog. Die schwarzen Kassetten brachten zwar massenhaft Ton ins gefilmte Familienalbum, „doch in puncto Bildqualität reichen sie an 35 Millimeter, 16 Millimeter oder Super 8 nicht heran“, so der Experte. Wer sich heute einen Videofilm aus den 90er Jahren betrachtet, dürfte enttäuscht sein: die Aufnahmen verwaschen, die Farben schwammig, die Konturen matschig. „Der heute gängige Flachbildschirm entlarvt jeden Fehler, den man früher auf Röhrenbildschirmen nicht gesehen hat“, erklärt Frank Rudolf. Aufnahmen mit Super8 aus jener Zeit dagegen seien immer noch konturenscharf und die Farben natürlich.

Wer solche „Filmschätze“ sein Eigen nennt, sollte schnell handeln, denn Nichts ist für die Ewigkeit. | Foto: Hora

Wer beim Großreinemachen auf verstaubte Filmrollen und -kassetten stößt, sollte flott handeln: Denn Nichts ist für die Ewigkeit. Kodak gab für seine S8-Filme immerhin eine „100-Jahre-Garantie“, für Videokassetten ist die Lebensdauer deutlich kürzer. Der Zerfall der einst heiß geliebten Datenträger fängt schon im zarten Teenageralter an, „nach 40 Jahren sind die Magnetbänder völlig zerstört“, betont der Filmliebhaber. Wer einen betagten Projektor sein Eigen nennt, ein Gerät, das schon jahrelang Sendepause hatte, sollte nicht auf die Idee kommen, das Gerät anzuwerfen. „Sonst könnte es sein, dass die wertvollen Filme von Opa und Papa einfach in kleine Schnipsel zerhackt werden“, warnt der Westfale.

 

Informationen

Noch bis Samstag, 29. April, haben BNN-Leser Zeit, sich an dem DVD-Projekt „Zurückgespult“ zu beteiligen. Gut verpackt können Sie „ihre“ Filmschätze bei einer der BNN-Geschäftsstellen abgeben. Natürlich können Sie uns Ihre „Schätzchen“ auch per Post schicken:

Badische Neueste Nachrichten
Aktion: Zurückgespult
76147 Karlsruhe

Für beide Übermittlungswege gilt: Legen Sie eine kurze Beschreibung zu dem Film bei. Und vergessen Sie Ihren Namen, Anschrift, Telefonnummer und gegebenenfalls E-Mail-Adresse nicht. Auf der Internetseite zurückgespult.de findet sich zudem das Formular zur Rechteübertragung, das Sie uns bitte zukommen lassen.

Welche Filme werden gebraucht? Die BNN wollen mit ihrem Projekt die Jahre 1930 bis 1990 abdecken. Das Format der Filme spielt dabei keine Rolle: Ob 35 Millimeter-Film, Super 8 oder Video – alles wird gebraucht. Vor allem an Aufnahmen aus den 30er, 40er und 50er Jahren besteht noch großer Bedarf. Interessant sind vor allem Filme mit dokumentarischem und persönlichem Ansatz. Die Geschichte der Region wird im Mittelpunkt der fünfteiligen DVD-Edition stehen

Welchen Nutzen haben Sie? Als Dankeschön fürs Mitmachen wird ihr eingereichtes Filmmaterial kostenlos digitalisiert. Sie bekommen ihr Material im Original und digitalisiert auf DVD zurück. Wenn es ihre Filmszenen in die DVD-Edition „Zurückgespult“ schaffen, bekommen Sie ein Gratisexemplar und werden namentlich im Abspann erwähnt.

Falls Sie noch weitere Fragen haben, können Sie sich an unsere Telefon-Hotline unter der gebührenfreien Rufnummer 08 00 1 11 02 11 wenden.