Das BNN-Projekt „Zurückgespult“ hat alle Erwartungen übertroffen. Noch sind längst nicht alle Filme digitalisiert. | Foto: Hora

Alle Erwartungen übertroffen

BNN-Filmprojekt „Zurückgespult“ vor heißer Phase

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Zusendung Nr. 131 aus Eggenstein-Leopoldshafen für das BNN-Filmprojekt „Zurückgespult“ hat es in sich. Nach einigen unverfänglichen Szenen, beispielsweise vom Lastkahn “Mathilde“, geht es richtig zur Sache. Die Kamera schweift über schwofende Paare, über Cowboys und Indianer, über laszive Ladies und bindungswillige Burschen. Eine private Fastnachtsparty in größerem Kreis. Es sind nicht die kostümierten Narren, die bereits ziemlich beschwingten Maskenträger, die dem Augsburger Journalisten Wolfgang Köppendörfer ein amüsiertes Lächeln ins Gesicht zaubern. Es ist der filmische Auftritt weiß gewandeter (Fastnachts-)Grazien, auf deren Schärpe unmissverständlich „virgo intacta h.c.“ steht – was die Lateiner unter uns vor keine allzu großen Übersetzungsprobleme stellen dürfte. Ob die Privataufnahme Eingang in die geplante DVD-Kollektion „Zurückgespult“ findet? „Zuerst muss ich mal das gesamte Filmmaterial der BNN-Leser sichten“, betont der 61-jährige Redakteur der Augsburger Medienproduktionsfirma rt1.tv salomonisch. Und angesichts der riesigen Festplatte, der Berge von Erfassungsbögen und der akribischen Buchführung über Filmaufnahmen aus sechs Jahrzehnten wird auch dem unbedarftesten Betrachter schnell klar: Mit einer solch gigantischen Datenmenge hat es auch ein alter Hase wie Wolfgang Köppendörfer nicht alle Tage zu tun.

Filmjournalist Wolfgang Köppendörfer von rt1.tv
Filmjournalist Wolfgang Köppendörfer muss akribisch jeden Meter Film sichten, um die besten Szenen für die geplante DVD-Kollektion zu finden | Foto: wit

Rückblende: Stellen Sie uns Ihre Filmschätze aus den Jahren 1930 bis 1990 zur Verfügung, hatten die BNN vor etlichen Wochen ihre Leser aufgefordert – in der Absicht, möglichst viele zum Mitmachen bei der gemeinsamen Aktion zu bewegen. Damals wusste niemand, ob sich in Schrankwänden, Kellerräumen und auf Dachböden genügend historisches Material finden ließe, um daraus eine Geschichte der Region für das BNN-Filmprojekt zu stricken. Die DVD-Kollektion, die sechs Jahrzehnte abdecken wird, soll bekanntlich im Spätherbst erscheinen. Mittlerweile steht fest: Die Sorgen waren wohl unbegründet, weil die Leser die in Ehren ergrauten 16-Millimeter-Streifen, die verstaubten Super8-Spulen und die abgegriffenen Videokassetten gleich waschkörbeweise in den BNN-Geschäftsstellen ablieferten. Noch sind erst gut 60 Prozent der „Schätzchen“ von der Filmwerkstatt Bielefeld digitalisiert, „weil wir mit einer so sensationell hohen Beteiligung, nicht kalkuliert haben“, so deren Chef Frank Rudolf. Aber weil der Zeitrahmen ambitioniert ist, weil es viele Stunden dauern wird, bis jeder Meter Film gesichtet und eine erste grobe Auswahl getroffen ist, legt Wolfgang Köppendörfer schon jetzt die ersten Sonderschichten ein.

Logo für BNN-Projekt "Zurückgespult"

Wolfgang Köppendörfer als Altgedienten im Filmgeschäft zu bezeichnen, ist keinesfalls vermessen. Schon während des Kunstgeschichte-Studiums in München war ihm klar: Ich will in den Journalismus. Nach bestandener Prüfung ging es geradewegs auf die „Spielwiese des Experimentierens“ zum Privatradio, bevor er schließlich beim Fernsehen landete.

Ich habe noch einige Tage Urlaub gemacht. Denn die nächsten Monate werde ich dazu wohl kaum mehr Gelegenheit haben

erzählt der Fernsehjournalist mit der angenehm sonoren Stimme. Die dürfte mancher Fernsehzuschauer kennen – hat der TV-Mann doch jahrelang für verschiedene Sender über das politische und gesellschaftliche Leben Italiens berichtet und zusammen mit der Augsburger Puppenkiste das höchst erfolgreiche Erklärformat für Kinder, „Ralphi, der Schlaubär“ aus der Taufe gehoben. Für über 130 Folgen schrieb er die fantasievollen Texte, drehte unter anderem in Weihenstephan, beim Brillenhersteller Rodenstock oder bei einem Glockengießer in Passau, um den kleinen Zuschauern die Welt der Erwachsenen näher zu bringen.

Jetzt also das Mammutprojekt „Zurückgespult“, die Herkulesaufgabe, aus Zigtausenden Meter Film jene Sequenzen herauszufiltern, die nicht nur private Geschichten erzählen, sondern stellvertretend für das jeweilige Jahrzehnt stehen. Köppendörfer weiß um die Bedeutung von Bildern, kennt die Fallen, die in scheinbar unverfänglichen Aufnahmen von Hobbyfilmern stecken: die Dame des Hauses im wenig kleidsamen Badekostüm, der Göttergatte leicht angeheitert, die Kinderschar ein Teufelsbraten: Von solchen Momentaufnahmen lässt der Schwabe lieber die Finger, „schließlich wollen wir niemanden, auch nicht nach Jahrzehnten vorführen“, so sein Credo.

Weder verwackelt noch rotstichig

Das gesamte Material zu sichten und zu gewichten, ist ohne Zweifel der aufwendigste Teil der gesamten Produktion. Wer nun glaubt, das ganze erfolge im Schnelldurchlauf, befindet sich auf dem Holzweg. Oft sitzt der TV-Mann bis tief in der Nacht vor den Monitoren, um Unbrauchbares, Verwackeltes oder Rotstichiges auszusondern. – schließlich brauche niemand „Kopfwehbilder“. „Ich sehe mir jede Aufnahme persönlich an“, erklärt der 61-jährige seine Vorgehensweise, „mache mir Notizen zu geeigneten Szenen und überlege mir, in welchem Kontext das Gesehene steht“. Denn die „laufenden Bilder“ aus den 60er-Jahren unter dem festlich geschmückten Weihnachtsbaum sind eben auch ein Zeitdokument: über Wertewandel, über Moden, über die Vergänglichkeit des Seins. Die beiden damals acht und zwölf Jahre alten Buben, die zur Feier des Tages sogar Schlips angelegt hatten und angesichts der riesigen Pakete mit Spielzeug wie Rauschgoldengel strahlten, sind längst erwachsene Männer, die seit jenen unbeschwerten Kindertagen sicherlich Höhen und Tiefen gleichermaßen erlebt haben.

Edwin Vogel von rt1.tv.
Der zweite wichtige Mann bei rt1.Tv für das BNN-Projekt „Zurückgespult“ ist Cutter Edwin Vogel. | Foto: wit

Blick in heile Familienwelt

So gigantisch die Datenmenge auch sein mag: Köppendörfer pickt zielsicher die Perlen raus.  „Schauen Sie sich das an“, sagt er mit unverhohlener Begeisterung in der Stimme, während er im Verzeichnis des Mediaplayers nach der richtigen Nummer sucht. Nach wenigen Sekunden startet der körnige schwarz-weiß-Film, der – für jeden erkennbar – viele Jahrzehnte auf dem Buckel hat. Der glühende Hobbyfilmer – ganz sicher begütert, weil die Filmerei in den 30er und 40er-Jahren für die meisten Zeitgenossen unerschwinglich war – hat sich viel Mühe gemacht: „Vom Wirken und Werden der Walter‘schen Gören“ steht da in fein ziselierter Schrift zu lesen, gefolgt von berührenden Einblicken in eine heile Familienwelt. Die Mädels, fünf an der Zahl, tollen ausgelassen durchs Bild, schmücken das Haar mit weißen Schleifen, helfen beim Baden des jüngeren Geschwisterchens. Doch die langen Schatten des 1000-jährigen Reiches machen auch vor der Familienidylle nicht halt: Die Kamera hält den braunen Spuk im Bild fest, zeigt Naziaufmärsche und bombardierte Häuserfronten. Wolfgang Köppendörfer:

Solche Aufnahmen haben absoluten Seltenheitswert und waren auch für den Hobbyfilmer damals nicht ganz ungefährlich .

Passende Musik und Geräusche

Noch kann sich Edwin Vogel um andere Aufträge kümmern. Seine Aufgabe ist es, die einzelnen Sequenzen zu einem packenden Streifen zu verbinden, die passende Musik und Geräusche auszuwählen – schließlich handelt es sich bei vielen Einsendungen um Stummfilme. Redakteur Köppendörfer ist jedenfalls froh um den großen Erfahrungsschatz seines Filmeditors und billigt ihm große Eigenständigkeit zu. Vielleicht tauchen sogar die „Walter‘schen Gören“ in der DVD-Kollektion auf: gealtert, ergraut, aber noch immer munter.. Denn ein Anruf in Karlsruhe hat ergeben, dass die fünf Schwestern, alle jenseits der 80, noch am Leben sind.