Santana
Auch mit 70 noch gut in Schuss: Carlos Santana. | Foto: dpa

Vor 70 Jahren geboren

Carlos Santana: ein Leben auf der Sonnensaite

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Carlos Santana ist eine der größten Rocklegenden. Mit seinem unverkennbaren Gitarrenspiel, eingebettet in eine Melange aus Latin und Rock, fasziniert er seit 50 Jahren. Am 20. Juli feiert der wortkarge Ausnahmekünstler seinen 70. Geburtstag.

Googeln Sie mal mal „Samba Pa Ti Songtext Santana“. Da gucken Sie sich aber die Glupschaugen aus an ihrem Flachbildmonitor. Absolute Leere gähnt im Lyrics-Feld, wo manch einer vielleicht Worte wähnt. Nichts, nada, niente. Wie auch. „Samba Pa Ti“, der vielleicht heißeste Stehblues aller Zeiten (neben „Nights In White Satin“ von den Moody Blues natürlich), ist ja auch ein Instrumental. Haben Sie gewusst. Logo, Sie alter Engtänzer. Aber darum geht es auch nicht wirklich, genauso wenig wie beim zweiten Ohne-Worte-Hit von Santana: „Europa“.

Hits ohne Worte

Beide Klassiker belegen nur einmal mehr: Carlos Santana benötigt nicht unbedingt das Gesprochene oder Geschriebene, um sich mitzuteilen. Eigentlich ist er ja sowieso eher der Schweiger in Person. Viel lieber lässt er dafür seine „Geliebte“, die Gitarre, zu den Menschen sprechen. Die Musik ist sein Metier, seine Erfüllung, seine Botschaft: „Musik soll Ewigkeit, Unendlichkeit, Unsterblichkeit ausdrücken“, verkündet er denn auch orakelnd die Heilsidee.

Santana und sein Gitarrenspiel: unverkennbar

Im unerreichten, virtuosen wie charakteristischen Saitenspiel, das selbst Musik-Laien auf Anhieb als „santanisch“ zu identifizieren imstande sind, liegt denn auch das Geheimnis des gebürtigen Mexikaners, der 1960 zusammen mit seiner Familie im kalifornischen San Francisco eine neue Heimat fand. Gerade mal 13 Jahre alt war little Carlos damals. Aber wohl schon ein Saitenteufel von Gottes Gnaden. Ob ihm dabei die Violinensaiten fingertechnisch auf die Sprünge halfen, die er bereits als Zehnjähriger zum Plaisir von offenohrigen Touris strich, ist nicht überliefert, aber anzunehmen. Nur: Gitarre ist natürlich viel cooler als ’ne olle Fiedel. Und so lag der Instrumentenwechsel nahe. Zumal seinerzeit gerade Rock ’n’ Roll auf der Agenda stand.

Karrierekatapult Woodstock

Vielleicht war es nicht einmal Zufall, dass die Weltkarriere des vom Sechssaiter angefixten Muchacho mit dem zweiten Vornamen Augusto just im August des Jahres 1969 losgetreten wurde. Woodstock. Drei Tage Music & Peace. Mehr als 400 000 Freaks im Schlamm. Und Carlos mit seiner Band, die der Einfachheit halber seinen wohlklingenden Familiennamen trägt, auf der Bühne. Im Gepäck die Songs des ersten offiziellen Santana-Vinyls, ebenfalls gleichen Namens.

„Jingo“, „Evil Ways“, „Soul Sacrifice“. Manchem sind sie heute noch bestens im Ohr. Die Woodstöckler bekamen jedenfalls gehörig was von dem Saitenakrobaten und seinen Bandspezis auf die Lauscher. Und was für die Füße. Inwieweit die im Marihuana-Gewaber freilich noch den Boden berührten, weiß man nicht. Rock meets Latin funktionierte jedenfalls für die Massen über die Maßen gut. Dass auch Santanas ekstatisches Gitarrenspiel noch durch damals genreübliche Rauschsubstanzen befördert wurde, konnte sich natürlich jeder denken. Und er gab es sogar offen zu.

Der Gitarrenhals fühlte sich wie eine elektrische Schlange an

Auf seinen Auftritt bei der Mutter aller Festivals im „Summer of ’69“ angesprochen, bekannte der Latin Rocker & Lover, dass er vor dem Gig einen LSD-Trip eingebaut habe. „Der Gitarrenhals fühlte sich wie eine elektrische Schlange an, die nicht stillhalten will. Und ich machte hässliche Grimassen bei dem Versuch, die Schlange zu bändigen, um spielen zu können.“ Nachzusehen ist Santanas drogenumnebelter Kampf mit dem Biest im Konzertfilm zum Schlamm-Event. Der Song, wo es passiert: „Soul Sacrifice“. Ein Dokument für die Drogenliteratur, Kapitel „Erfahrungen im Umgang von Lysergsäurediethylamid“.

Als der Meister mit dem markanten Schnäuzer dem glanzvollen Debüt dann noch „Abraxas“ samt den darauf verewigten Knüllern „Black Magic Woman“ (Original von Peter Green) und „Oye Como Va“ (Tito Puente) hinterherschob, war’s um die Tanzwütigen und Jünger im Discokugel-Schein endgültig geschehen. Um die Clinch-Tänzer ebenso, die sich in schummrigen Schuppen und auf muffigen Kellerpartymatratzen nicht nur der Musik hingaben. Wer weiß, wie viele Kinder zu den Schmuseklängen von „Samba Pa Ti“ jemals gezeugt wurden. Eine Statistik darüber gibt es nicht. Es könnten viele sein. Der supersofte Killersong stammt ebenfalls aus der „Abraxas“-Rille. Santana ist seitdem Legende.

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Carlos Santana bei einem Auftritt in der Frankfurter Jahrhunderthalle im Jahr 1971. Foto: dpa

Die ersten Millionenseller

Im Hastdunichtgesehen-Tempo verwandelte sich der schmächtige Mexikanerjunge mit der Klampfe in einen allseits Angebeteten. Einen Gitarrengott. Mit den Massen zu Füßen. Santanas Platten gerieten zu wahren Millionensellern. Und der profane Mammon ergoss sich in Strömen auf des Meisters Konten. Allein „Abraxas“ bringt es bis heute auf bald sechs Millionen verkaufte Kopien. Mit Ausruhen hatte Santana trotzdem nie etwas am echt coolen Hut, auch wenn einige seiner Slow-Motion-Songs
dies vielleicht nahelegen.
In Saitenkünstler John McLaughlin fand er in den frühen Siebzigern einen Seelenverwandten, in der Lehre des indischen Gurus Sri Chinmoy sowohl Kraft, als auch einen neuen Namen: Devadip, „Auge Gottes“. Dokumentiert ist diese (atmo)sphärische Kollaboration mit dem Mahavishnu Orchestra übrigens in dem Album „Love Devotion Surrender“.

Nachdem ihn die Achtziger wieder auf den harten Boden der wirtschaftlichen Tatsachen geholt hatten (seine Platten verkauften sich gut, aber in vergleichsweise bescheidenen Stückzahlen), landete Carlos Santana im – popmusikalisch besehen – bereits fortgeschrittenen Alter von 52 Jahren einen Coup von nachgerade galaktischer Dimension, distanzierte alles bisher Dagewesene auf Lichtjahre. Ob buchstäblich übernatürliche Kräfte im Spiel waren, als der Saitenhexer mit etlichen Prominenten im Schlepp das Album „Supernatural“ auf die Menschheit losließ? Nimmt man die rund 30 Millionen verkauften Kopien und die Auszeichnung mit acht Grammys, muss es wohl so gewesen sein.

Santana und sein epochales Comeback mit „Supernatural“

Der Mann aus San Francisco, der einstigen Flowerpowerstadt, blühte jedenfalls auf an der Seite von Rob Thomas, dem der Ohrwurm „Smooth“ wie auf die Zunge gelegt schien, und Wyclef Jean, der nicht nur „Maria Maria“ besang, sondern darin auch noch Master’s Servant gab („… viva Carlos Santana …“). Auf der Gästeliste dieses epochalen und Generationen übergreifenden Superwerks standen außerdem Eagle-Eye Cherry (das Adlerauge zum Gottesauge, haha …), Everlast, Lauryn Hill, Maná, Dave Matthews und noch einer von der alten Garde, nämlich Mister Slowhand Eric Clapton höchstselbst.

Und weil es sich so entzückend wirken und verdienen ließ mit namhaften Kolleginnen und Kollegen, kopierte man drei Jahre danach das Erfolgskonzept mit Einladungen an Seal, Dido, P.O.D., Michelle Branch und Opernstar Placido Domingo(!), woraus dann „Shaman“ wurde. Den Longplayer wollten zwar nur noch knapp vier Millionen Menschen kaufen, aber immerhin. Ist auch eine Menge Holz.

Einheit von Geist, Körper, Herz und Verstand

Apropos Schamane. Dass der Titel dieses Albums nicht ohne Hintergrund gewählt wurde, dürfte klar sein, denn Santana selbst darf nach allem, was man über ihn weiß, den Spiritualisten zugeordnet werden. Seit je propagiert er die Einheit von Geist, Körper, Herz und Verstand. Dies wiederum manifestiert sich in der Unbeirrtheit, mit der er Musik als Entertainment und Showgetöse verabscheut und letztlich auch mit musikalischen Werken außerhalb des Mainstream leben kann. Dass er für sein letztjähriges Werk „Santana IV“ ausschließlich Musiker mit „göttlichen Qualitäten“ aus der Urbesetzung von Woodstock (Neal Schon, Michael Shrieve, Gregg Rolie, Michael Carabello) aus dem Hut zauberte, darf als jüngster Beweis seiner Idee von Musik als Lebenselixier gelten.

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Neuestes Projekt: Carlos Santana und seine Frau am Schlagzeug zusammen mit den Isley Brothers. Foto: Sam Erickson/Sony Music

Wenn denn ein kleiner und zudem recht privater Schatten auf das Leben der Lichtgestalt Santana fällt, dann ist es die Scheidung von seiner Frau Deborah King, mit der er 34 Jahre verheiratet war. Die Finsternis währte freilich nicht sehr lange, denn schon drei Jahre später schien erneut die Sonne für Saitensatan Santana, als er die Schlagzeugerin Cindy Blackman ehelichte. Sie holte für sein aktuelles Projekt „Power of Peace“ mit den legendären Isley Brothers die Drumsticks aus der Schublade.

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„Power of Peace“ – das neue Album mit den Isley Brothers

Erscheinen wird das Album mit Friedenshymnen von Stevie Wonder, Billie Holliday, Muddy Waters und Curtis Mayfield am 28. Juli, also eine gute Woche nach Santanas rundem Geburtstag. „Power of Peace“ – eine Friedensbotschaft an die Welt. Ob sie gehört wird? Hoffnung ist erwünscht. Nicht nur wegen Trump, Erdogan und anderen Geisteskranken.
Carlos Santana hat für sich den Sinn des Lebens definiert. Sein Platz im Rockolymp ist auf alle Zeiten gebongt. Und viele seiner Klassiker wird man noch in Jahrzehnten mit einer Träne im Knopfloch anhören, denn an immer wieder neuen Fans herrscht offensichtlich kein Mangel. So schrieb ein 14-jähriges Mädchen aus Polen unlängst als Kommentar zum „Samba Pa Ti“-Clip auf Youtube: „Hallo, ich bin 14 und liebe Santana.“ Sie wird die Sympathie für „Samba Pa Ti“ noch hegen, wenn Carlos einmal nicht mehr physisch unter uns weilen wird. So gesehen hat der Erleuchtete aus Kalifornien seine Mission ja irgendwie erfüllt. Aber noch erfreut er sich bester Gesundheit und lebt sozusagen auf der Sonnensaite des Lebens. In diesem Sinne: Alles Gute zum 70.!

 

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