Der Meister und sein Monster: Der deutsche Illustrator Axel Scheffler hat mit dem Grüffelo das derzeit wohl beliebteste Kinderbuchmonster geschaffen. | Foto: Liam Jackson/ Beltz und Gelberg Verlag

Eine Bilderbuchkarriere

Der Stille und sein Biest

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Es gibt diese Szene, von der Axel Scheffler nicht weiß, ob sie ihm Angst oder ihn stolz macht. Jeden Abend spielt sie sich aufs Neue ab. Irgendwo auf der Welt. Wann und wo immer Eltern ihre Kinder zu Bett bringen. Scheffler braucht nicht viel Fantasie, um sie sich vorzustellen. Es gibt sie auch in seiner Nachbarschaft. Manchmal kann er sie sogar sehen. Vom Schreibtisch im Obergeschoss des kleinen, viktorianischen Hauses im idyllischen Londoner Stadtteil Richmond muss der schlanke, grauhaarige Mann den Blick nur ein wenig anheben. Vor seinem Fenster ruht eine friedliche Dachlandschaft. Aus den Schornsteinen ringsum steigt weißer Rauch in den schwarzen Himmel und in vielen Fenstern brennt ein warmes Licht. Dahinter sind sie – Eltern, Großeltern, Babysitter, die just in diesem Moment auf den Kanten eines Kinderbettchens kauern und sein Buch zur Hand nehmen. Behutsam klappen sie es auf und beginnen zu lesen: „Die Maus spazierte im Wald umher, der Fuchs sah sie kommen und freute sich sehr …“

Mumins, Wilde Kerle und der Grüffelo

Wer immer das Glück hatte mit Büchern aufzuwachsen, nimmt aus der Kindheit seine eigenen Bilder mit ins Erwachsenenleben. Durch die Köpfe der 50er Jahrgänge trollen bis heute die Mumins, zehn Jahre später zähmen die Kinder Maurice Sendraks „Wilde Kerle“, und ins kollektive Gedächtnis der 70er fraß sich munter eine kleine und sehr bunte Raupe namens Nimmersatt. Kindern der 80er hat sich
der empörte Gesichtsausdruck eines kleinen Maulwurfs eingebrannt, der wissen will, wer ihm auf den Kopf gemacht hat.

Ein Generationending

Der Grüffelo ist auch so ein Generationending und der Gedanke an die schiere Größe seines Monsters raubt Axel Scheffler ab und zu den Atem. „Es ist schön zu wissen, dass es so viele Menschen gibt, die ihn kennen und mögen“, sagt er. Und nach einer kurzen Pause setzt er nach: „Manchmal ist es aber auch furchterregend.“
Mit Fug und Recht könnte der bald 60-Jährige Scheffler von sich behaupten, einer der bekanntesten und erfolgreichsten Kinderbuchillustratoren der Welt zu sein. In Deutschland, Frankreich, England oder den USA – sogar auf asiatischen Flughäfen – genügt ein flüchtiger Blick über das Kinderbuchangebot, um seinen unverwechselbaren Figuren zu begegnen. Der Grüffelo ist überall. Gefolgt von einer kleinen Hexe, auf deren Flugbesen die Sitzplätze langsam knapp werden („Für Hund und Katz’ ist auch noch Platz“), den Abenteuern vom Hasen Pip und der Maus Posy, vom Drachen Zogg, dem kleinen Affen, der seine Mama sucht und von unzähligen anderen neuen und alten Geschichten, die der gebürtige Hamburger in seiner über 40-jährigen Bilderbuchkarriere bebildert hat. Wie viele es waren? „Ich weiß es nicht genau“, sagt der stille Hamburger und zuckt mit den Schultern.

Ein Schaffer – kein Schwafler

Scheffler ist ein Schaffer. Kein Schwafler. Den Erfolg des Grüffelos, der sich in den fast 20 Jahren seit seinem Erscheinen über 14 Millionen Mal in rund 40 Sprachen verkauft hat, scheint sich der Wahl-Londoner immer noch nicht so genau erklären zu können. Oder zu wollen. Der Grüffelo – laut Scheffler war er einfach da. „Der Verlag hatte mir das Textmanuskript von Julia geschickt und mich gebeten, mir etwas einfallen zu lassen.“ Scheffler las die gereimte Story erstmal. Sie handelt von einer klugen, kleinen Maus, die sich zur Abschreckung ihrer natürlichen Feinde ein übernatürliches Monster ausdenkt. Als der schreckliche Grüffelo ihr dann tatsächlich leibhaftig begegnet, münzt sie die Angst ihrer Feinde vor dem Ungeheuer auf sich um und hält sich das Monster so selbst vom Leib.

Rätselhafter Erfolg

Für kleine Kinder ist die Geschichte vom Grüffelo auf Anhieb nicht ganz leicht zu durchschauen. Aber diesen schmalen Grat zwischen Angst machen und Angst haben, diesen wohligen Grusel, der ständig in echte Panik zu kippen droht – der ist ihnen wohl vertraut. Auch deshalb hat Scheffler das Skript sofort für gut befunden. „Ich mag Geschichten mit unvorhersehbaren Wendungen, die ohne Holzhammer auskommen.“
Also griff Scheffler zu Bleistift und Papier und gebar den Grüffelo. Keine Spontangeburt vielleicht, aber auch kein allzu komplizierter Vorgang. In den ersten Skizzen kommt das Ur-Ungeheuer noch fürchterlich und auf allen Vieren daher. Scheffler mochte ihn. „Der Verlag fand ihn zu abschreckend.“ Ein bisschen lieblicher sollte er schon sein. Aber selbstverständlich auch sehr furchterregend. Eine Herausforderung wie geschaffen für den Illustrator, dessen Figuren hinter ihrer vordergründigen Niedlichkeit immer auch eine andere, eine tiefere Ebene durchblitzen lassen. So glubschäugig und pausbäckig ihr Äußeres, so ausdrucksstark sind sie in ihrer Mimik. Verliebt, verzückt, verschmitzt oder verschlagen – die winzigste Drehung der Feder genügt, um Schefflers Eichhörnchen Charakter, seinen Hasen Witz und den Mäusen Cleverness zu verleihen.

Endlich: Die Bilderbuchkarriere

Als der Grüffelo 1999 zum ersten Mal in die Buchhandlungen kommt, lässt der Erfolg nicht lange auf sich warten. Auch der Folgeband vom „Grüffelokind“, der 2004 erscheint, ist ein Kassenschlager. Vor der Idee des Verlags, die Geschichten der Autorin Julia Donaldson mit den Bildern des Illustrators Axel Scheffler kongenial zu verbinden, müssen Buchprofis im Nachhinein noch den Hut ziehen. Alles, was die beiden auf den Markt bringen, wird zum Bestseller. 21 gemeinsame Bücher hat das Paar gemacht. Trotzdem scheint die Autorin und den Zeichner keine allzu innige Freundschaft zu verbinden. „Wir kennen uns, wir arbeiten gut zusammen, aber wir verbringen nicht unsere Freizeit miteinander“, sagt Scheffler.

Niedlich mit Tiefgang

So lieblich seine Zeichnungen, so knorrig der Illustrator. Nicht unfreundlich – ganz im Gegenteil. Eher hanseatisch zurückhaltend und britisch ungerührt. Geboren wird Scheffler 1957 in Hamburg. „Das Zeichnen war immer mein Ding“, sagt er. Wo immer der kleine Alex sitzt oder steht, malt er. Als seine Bewerbung von der Kunstakademie Hamburg abgelehnt wird, beschließt er, Kunstgeschichte zu studieren. „Aber ich bin kein Akademiker“, räumt er ein. 1982 zieht Scheffler nach England. An der Bath Academy of Arts studiert er Visuelle Kommunikation. Die ersten Aufträge für Tageszeitungen und Bücher laufen gut und Scheffler beschließt, dauerhaft in England zu bleiben. Ein Schritt, den er nie bereut, auch wenn ihm die politischen Entwicklungen der jüngsten Zeit gar nicht gefallen. Beim Thema Brexit nimmt Scheffler ein Blatt zur Hand und keines vor den Mund. Auf einer Zeichnung lässt er die markante kleine Scheffler-Maus stolz die Europa-Flagge hochhalten.

Zu Hause in London

In London ist Scheffler mittlerweile mehr als angekommen. Das Häuschen in Richmond teilt er sich mit seiner französischen Freundin. Morgens begleitet er die gemeinsame Tochter zur Schule, dann zieht er sich in sein Dachgeschoss zurück und arbeitet. Immer wieder nimmt er Angebote für Lesungen an. Mal auf Buchmessen irgendwo in der Welt, mal bei der Grundschule nebenan.
Der berühmte Mann genießt es, wenn Menschen seine Arbeit mögen. Gefeiert, geehrt und gelobt zu werden, mag er dagegen nicht. Wenn er spricht, könnte man manchmal fast den Eindruck gewinnen, es wäre ihm lieber, wenn es den Grüffelo nie gegeben hätte.

König Blaubarts Zimmer

Ein Raum im Keller seines Hauses erklärt das Dilemma. Hinter der Tür, die Scheffler wie im Märchen von „König Blaubarts Zimmer“ am liebsten niemals öffnen würde, lagert das ganze Ausmaß seines Erfolgs. Die Auswüchse eines exzessiven Merchandisings rund um den Grüffelo sind wirklich furchterregend. Schokoriegel, Schulmäppchen, T-Shirts, Brotdosen, Lätzchen, Gummistiefel, Radiergummis – sogar einen Rollkoffer ziert das Antlitz des zotteligen Viehs. Als Vater des Monsters steht Scheffler von jedem einzelnen Grüffelo-Produkt eine Probe zu. Fast täglich bringt der Postbote neue und noch scheußlichere Artikel. „Ich bin Frankenstein und das ist mein Monster“, stöhnt Scheffler. Nach Spuren von Ironie sucht man in seinem Gesicht vergeblich.
Aber wie bei seinen Figuren auch, liegt sie irgendwo unter der Oberfläche versteckt. Denn eines ist dem aufrechten Hanseaten auch klar: Hätte er den Grüffelo nicht gezeichnet, hätte es ein anderer gemacht, „und ich hätte mit dieses nette Häuschen in London niemals leisten können.“