Bewegt euch! Der KIT-Kongress "Kinder bewegen" sucht nach Wegen, wie man Kinder für mehr Bewegung begeistern kann. | Foto: Sergey Novikov/Adobe Stock

Sportwissenschaftler fordert:

„Wir brauchen einen Bewegungspakt“

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Der Digitalpakt ist seit dieser Woche so gut wie beschlossen. Milliarden sollen demnächst in die Ausstattung von Schulen und in die Fortbildung von Lehrern fließen und junge Menschen besser auf die Anforderungen der digitalen, multimedialen und virtuellen Welt vorbereiten. Der Karlsruher Sportwissenschaftler Alexander Woll wünscht sich unterdessen einen ganz anderen Pakt. Einen nämlich, der die Folgen der Digitalisierung ausgleichen kann. „Wir brauchen einen Bewegungspakt“, fordert der Leiter des Sportwissenschaftlichen Instituts am KIT.

Alexander Woll ist Leiter des Sportwissenschaftlichen Instituts am KIT. Foto: Frei

Kinder bewegen sich zu wenig

Seit einigen Jahren schon untersucht sein Institut in einer Langzeitstudie die Fitness von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Die bisherigen Erkenntnisse geben keinen Anlass zu Jubel. Im Gegenteil. Bewegung, so zeigt sich, spielt im Alltag von Heranwachsenden hierzulande eine immer kleinere Rolle. Zwar seien viele junge Menschen in Sportvereinen aktiv und trainierten dort auch regelmäßig Sportarten wie Fußball, Tennis oder Gymnastik, im Gegensatz dazu aber, nehme die Alltagsaktivität von Kindern dramatisch ab. Woll nennt das das „Bewegungsparadoxon“. Denn obwohl 80 Prozent der Vier- bis 17-Jährigen in einem Sportverein oder bei einem anderen regelmäßigen Bewegungsangebot angemeldet sind, werde das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlene Ziel von einer täglichen Stunde moderater körperlicher Aktivität bei Kindern und Jugendlichen kaum noch erreicht. „Kaum einer spielt mehr auf der Straße und die Eltern fahren ihre Kinder zur Schule oder in den Verein“, hat Woll beobachtet.

WHO fordert: Eine Stunde täglich

In der Altersgruppe der 15- bis 17-Jährigen erreichten gerade einmal noch zehn Prozent mit Fußgängen, Fahrradfahrten oder anderen Aktivitäten die empfohlene tägliche Stunde Alltagsbewegung. „Im Gegensatz dazu haben 90 Prozent einen täglichen Medienkonsum von drei Stunden und mehr“, haben Woll und sein Team festgestellt. Mit diesem Umstand geht ein Paradigmenwechsel einher: „Gestern war Hausarrest noch eine Strafe, heute gibt es für Jugendliche kaum etwas Schlimmeres als ein Medienverbot“, sagt Woll.

Medienverbot ist der neue Hausarrest

Bewegung contra neue Medien als Erzrivalen im Kampf um die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen? Alexander Woll möchte die beiden eher als Bündnispartner sehen. „Das Digitale wird nicht mehr verschwinden und deshalb muss sich jetzt der Sport überlegen, wie er auf den Run ins Digitale reagieren kann. Apps wie „Pokémon Go“ hätten dazu schon wichtige Impulse geliefert, sagt Woll. Gerade arbeite man auch am KIT an einer App, die ganze Familien auf Trab bringen soll. „Smart Family“ lautet ihr Arbeitstitel. Die Idee: Die ganze Familie setzt sich ein wöchentliches Bewegungsziel, das bei Erreichen auch belohnt wird.
Neue Ansätze sind also gefragt, um nicht nur die Alltagsbewegung zu fördern sondern auch um die Qualität des Sportunterrichts an Schulen, Tagesstätten oder Kindergärten zu verbessern.

Kongress zum Thema

Der von Woll und seinen Mitarbeitern organisierte Kongress „Kinder bewegen“ (siehe nebenstehenden Kasten) will dazu einen Beitrag leisten. „In der Grundlagenforschung haben wir festgestellt, dass die Motorik eines Menschen das ganze Leben über stabil bleibt“, sagt Woll (Foto: Frei). Wer sich als Kind nicht bewegt, wird das auch als Erwachsener nicht tun. Die Folgen sind gesundheitliche Probleme und hohe Kosten für die Gesundheits- und Sozialkassen. Ein Bewegungspakt könnte dies verhindern.

 

Wie man bei Kindern und Jugendlichen die Freude an Sport und Bewegung wecken und in deren Alltag verankern kann – darum geht es beim Kongress „Kinder bewegen“, den das Institut für Sport und Sportwissenschaft am KIT alle zwei Jahre organisiert. Angesprochen ist ein Fachpublikum aus Menschen, die beruflich oder ehrenamtlich mit Kindern und dem Thema Bewegung zu tun haben. Dazu gehören Übungsleiter in Vereinen, Erzieher, Lehrer, Ärzte sowie die Vertreter anderer Gesundheitsberufe.
In diesem Jahr findet der Kongress vom 21. bis 23. März statt und die Veranstalter freuen sich, dass sich mit 1 000 Teilnehmern, mehr Interessen als je zuvor angemeldet haben. Der Fachkongress ist damit einer der größten im deutschsprachigen Raum.
Drei Tage lang wird es am KIT Workshops, Diskussionsrunden und Vorträge zu verschiedenen Themen geben. Prominente Gäste, wie der Hirnforscher Manfred Spitzer oder die als „Dr. Stress“ bekannt gewordene Ärztin Sabine Schonert-Hirz halten Vorträge. Die BNN begleiten den Kongress im Vorfeld mit einer Artikel-Serie zu verschiedenen Aspekten.