Abenteuer Balkan: Die Carventure Rallye führt in sieben Tagen durch neun Länder Osteuropas. Unterwegs geht es über die Transfogarascher Gebirgsstraße auch durch die Transsilvanischen Alben in Rumänien. | Foto: Conny Wellein

Carventure Rallye

Umweg ans Mittelmeer

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Wie war das noch? Der Weg ist das Ziel? Stimmt! Vor der schmutzigen Autoscheibe glänzen golden die Maisfelder in der Abendsonne. Sanfte, grüne Hügel soweit das Auge reicht und irgendwo dahinter glitzert das Meer. Ein alter Pferdewagen rumpelt uns entgegen. Der Bauer winkt. Albanisches Postkartenidyll.

 


Der Weg ist das Ziel

 

 

„Der Weg ist das Ziel – da hat Konfuzius echt recht, findest Du nicht“, wende ich mich in bester Plauderlaune an die Frau am Steuer neben mir. Aber der Pilotin steht nicht der Sinn nach kontemplativer Cockpit-Konversation. „Scheiß auf Konfuzius. Guck’ lieber, wo’s hingeht“, pampt sie mich an und kurbelt mit den ausladenden Armbewegungen einer asiatischen Tempeltänzerin am Steuer des Honda Civic ohne Servolenkung.

Unser treues Pferd: Ein Honda Civic, Baujahr 1995. Foto: Conny Wellein

Keine Ausfahrt: Albanien

Es ist schon ein Weilchen her, dass Google Maps auf dem Weg von Tirana an die Küste die Orientierung verloren hat. „Jetzt rechts abbiegen“, hatte die Frauenstimme mehrmals gefordert. Nur – Ausfahrten sind im albanischen Straßenbauwesen offenbar nicht vorgesehen. Erst 20 Kilometer weiter war in der Betonmauer am Fahrbahnrand eine Art Durchlass gewesen. Mein lautes „Hier rechts“, hatte ein kühnes Abbiege-Manöver eingeleitet und unsere Fahrt wenig später hier enden lassen: Auf einem buckeligen Feldweg, irgendwo in Albanien. Hungrig und verschwitzt, mit leuchtendem Tankreservelicht und der emotionslosen Misses Google, die unablässig ihr blödes „Bitte wenden“ wiederholt.

„Bitte wenden“

Es ist nicht das erste Mal, dass sich unser kleines Rallye-Team mit dem halbstarken Spaßnamen „Anna Bolika“ auf seiner Tour durch die wildere Seite Europas verfährt. Trotz Navigator auf dem Handy und buchdicken ADAC-Tourenpaketen im Handschuhfach hat der Weg so seine Tücken. Tschechien, Ungarn, Rumänien und Bulgarien mögen EU-Staaten sein, aber dreispurig ausgebaute Autobahnen, die sich urplötzlich in mickrige, kleine Landstraßen verwandeln oder Umleitungen, die sehr diskret und noch dazu in kyrillischen Buchstaben ausgeschildert sind, gehören zum Standard. So kann GPS-gestützte Navigation auch im 21. Jahrhundert noch zu einem kleinen Abenteuer werden.

Traum für Biker und Rallyefahrer: Die Transfogarascher Gebirgsstraße durch die Transsilvanischen Alpen. Foto: Adobe Stock

Ab ins Abenteuer!

Aber Abenteuer – genau das hatten wir ja gewollt. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Nicht zu fremd und trotzdem anders. Nicht zu riskant, aber doch mit einer gewissen Herausforderung verbunden. Deshalb hatten meine langjährige Freundin Canan und ich uns zur Teilnahme an der Carventure Rallye 2018 entschlossen. Mit „runter vom Sofa – rein ins Abenteuer“ war die privat organisierte Hobby-Ausfahrt der Regensburgerin Conny Wellein im Internet beworben worden. Keine ambitionierte Profi-Rallye, bei der es auf Bestzeiten und fahrerisches Können ankommt, eher eine Ausfahrt mit Menschen, die keine Angst vorm Kilometerfressen und Lust auf neue Eindrücke haben.

Spannende Route

Letztlich aber war es die Route gewesen, die uns überzeugt hatte: Tschechien, Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Griechenland, Albanien, Montenegro und Kroatien. Neun Balkanstaaten in sieben Tagen und fast alles Länder, in denen wir nie zuvor gewesen waren. Hauptstädte wie Bratislava und Budapest, Bukarest und Tirana könnten wir sehen, zwei berühmt-berüchtigte Passstraßen in den Karpaten befahren und zum krönenden Abschluss ins Mittelmeer springen. Über 3 500 Kilometer in nur einer Woche. Schneller rasen nur die Chinesen über unseren Kontinent.

Schneller als die Chinesen

Nix wie los also. Hoch motiviert reisen wir zum Start nach Regensburg, wo uns gleich die erste (und einzige) kleine Ernüchterung der Tour erwartet. Denn zwischen den neun anderen Fahrzeugen, die von ihren fast ausschließlich männlichen Teams offenbar wochenlang auf Rallyetauglichkeit getrimmt worden waren, nimmt sich unser roter Kleinwagen mit seinen schief aufgeklebten weißen Sportstreifen ein wenig schmächtig aus. „Niedlich. Ein Streifenhörnchen“, kommentiert der Fahrer des Subaru Forester aus Bad Homburg. Gegen den turmhohen Mercedes Sprinter der drei Nordlichter Olli, Hans und Rattle mit dem Konterfei eines rasenden Wildschweins auf dem Kotflügel, nimmt sich unser Honda mit dem Rastatter Kennzeichen aus, wie eine Damenhandtasche auf einem Monstertruck-Treffen.

Warnwesten und Pflaster

„Habt ihr was am Auto gemacht?“, erkundigt sich einer. „Ja“, erwidern wir selbstbewusst. „Wir haben zwei Warnwesten und Pflaster für den Verbandskasten besorgt.“ Ost-Europa ist schließlich nicht Ost-Afrika und so lange es unterwegs noch dm-Märkte und Lidl-Filialen gibt, wird es so wild schon nicht werden, da sind wir zuversichtlich.

Pässe? Nicht nötig

Schon beim ersten Grenzübertritt drei Stunden später nach Tschechien wird klar, dass ein alter Kleinwagen mit zwei Frauen am Steuer kein Nachteil sein muss. Im Gegenteil: Freundlich winkt man uns durch. Pässe zeigen? Nicht nötig. Es bleibt nicht die erste angenehme Überraschung. Sieben Tage lang, Kilometer für Kilometer erfahren wir ein anderes Europa. Sehen durch die heruntergekurbelten Fensterscheiben unseres Autos eine Landschaft, die uns irgendwie vertraut und doch seltsam fremd ist. Mal riecht der Fahrtwind nach Kuhmist, mal nach reifen Äpfeln in der Spätsommersonne, dann wieder nach wilder Mülldeponie und manchmal auch nach den schmutzigen Industrieanlagen am Horizont.

Schlaglöcher und Samtteppiche

Überall reihen sich Dörfer wie Perlen auf einer Schnur entlang von Straßen, die seit Sowjetzeiten keine Planierraupe mehr gesehen haben und anderen, die dank europäischer Straßenbauprogramme glatt wie ein Samtteppich daliegen. Viele heruntergekommene Häuser sehen wir – aber kaum eines ist verlassen. Menschen jeden Alters pflegen ihre Vorgärten und sitzen auf Bänken während der Strom aus knatternden Mofas, donnernden Lkw, klapprigen Kleinwagen oder brandneuen Luxuskarren, durch ihre Dörfer fließt. Kinder spielen am Straßenrand. „Ortsumgehung jetzt!“ fordert hier keiner.

Orthodoxe Kirchen und Moscheen

Je weiter es nach Südosten geht, desto schlechter werden die Straßen. Aber wir passen uns an, werden mutiger. Spätestens in Rumänien haben wir deutschen Straßenbaustandard verlassen. Selten, dass die Tacho-Nadel über 100 klettern kann. Gekonnt navigieren wir um Schlaglöcher, überholen 40-Tonner auf engen Passstraßen, wir weichen Eselskarren aus und zuckeln Schafherden hinterher, die gemächlich über die Hauptstraße tapern. Bald werden die Wetterhähne auf den Kirchtürmen seltener, dafür wachsen die goldenen Zwiebeldächer orthodoxer Gotteshäuser in den weiten blauen Himmel, in Bulgarien mischen sich die spitzen Türme der Minarette ins Bild.

Navigator und Mädchen für alles

Am Steuer wechseln wir uns ab. Wer nicht fährt, ist Navigator und Mädchen für alles. Die Beifahrerin sucht Hotels oder Campingplätze für den Abend heraus, klebt die jeweils passende Vignette ans Fenster, hält Pässe und Mautgelder für Autobahnen, Brücken und Tunnels bereit und verfolgt über die WhatsApp-Gruppe, wo die anderen Teams sind. Das allwissende Internet, das uns in böhmischen Dörfern stabiler zur Seite steht als im Bayerischen Wald, ist unser Reiseführer. Wir erfahren, dass Albanien sich als erster Staat überhaupt atheistisch nennt und mühen uns vergebens, die Zusammenhänge im Jugoslawien-Krieg zu begreifen.

Wege in die Zukunft

Die Spuren der Vergangenheit sind allgegenwärtig. Ungarische k.u.k.-Paläste erzählen von ihr, siebenbürgisches Fachwerk, Plattenbauten in Bulgarien, antike Steine in Griechenland, buckelige Feldwege in Albanien, zerschossene Häuserfassaden in Montenegro und leuchtend gelbe venezianische Türme an der Küste Kroatiens. Die Straßen Europas mögen alt sein, aber sie führen so eindeutig in eine spannende Zukunft, dass wir einen Ratschlag unseres Navis ganz bewusst in den Wind schlagen: „Bitte wenden!“ Auf gar keinen Fall! Der Weg ist das Ziel.