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Nichts ist unmöglich? "Kitchen Impossible"-Macher Trettl und Mälzer. | Foto: dpa

Brutzelshows im Fernsehen

Lafer, Mälzer & Co: Das Auge kocht mit

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Der Freitag ist der heißeste Tag der Woche. Da kocht des Volkes Seele hoch: 7.35 Uhr: „Lanz kocht“ (ZDF neo), 7.50 Uhr: „Was die Großmutter noch wusste“ (SWR), 8.35 Uhr: „Lafer! Lichter! Lecker!“ (ZDF neo), 9 Uhr: Armin Roßmeier in „Volle Kanne“ (ZDF) , 12.15 und 13.15 Uhr: „Worst Cooks – Endlich schmeckt’s“ (Sixx), 12.15 Uhr,: „ARD Buffet“ (Das Erste), 14.15 Uhr: „Küchenschlacht“ (ZDF), 19 Uhr „Das perfekte Dinner“ (Vox). Uff! Fühle ich mich abgekocht? Vielleicht.

Kochshows und kein Ende

Fakt ist: TV-Kochshows feiern allem Kritikergeunke zum Trotz fröhliche Urständ’. Auf allen Kanälen, zu jeder Tages- und, wenn es sein muss, Nachtzeit. Als hätten wir rund um die Uhr Appetit auf Grillpaprika, Omeletts oder Zander, auf Lafer, Lichter oder Linster.

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Sympathisch und bodenständig: Sterneköchin Lea Linster. Foto: dpa

Was ja wohl hier wie da eher nicht der Fall ist. Aber Zuschauen kann man ja mal. Und andere für sich kochen lassen. Wobei man herausgefunden hat, dass mit der steigenden Zahl von Brutzel-Galas und -partys das Verlangen nach Fertiggerichten zunimmt. Irre, oder? Kann der Mensch von köstlicher Bratensoße, zubereitet von Meistern der Kochzunft, so pervers getriggert werden, dass er anschließend eine Knorr-Tüte aus dem Schrank holt und sich daraus einen grässlichen Zusatzstoffcocktail anrührt?

Der erste Fernsehkoch überhaupt, Clemens Wilmenrod („Liebe Freunde in Lucullus!“), brachte wenigstens noch die 1:1-Umsetzungen zuwege: Wenn er Gemüse aus der Dose als Beilage „kochte“, dann tat es ihm die Hausfrau in den 50er und 60er Jahren noch gleich.

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„Liebe Freunde in Lucullus“: Clemens Wilmenrod wurde als erster Fernsehkoch populär. Foto: dpa

Da zog zwar auch nebenbei das Argument Zeitersparnis, aber im gerade eben noch darbenden Nachkriegsdeutschland war das Verlangen nach Gemüse, und sei es aus der Konserve, riesig. Heute dürfte in vielen Fällen Zeitersparnis mit Faulheit zu übersetzen sein, die letztlich dazu führt, dass der durch Industrieprodukte mehr und mehr geschundene Geschmackssinn sowieso kaum noch in der Lage ist, wahre Gaumenkitzler zu goutieren. Na, wenigstens isst das Auge mit. Und das bekommt in HD heute alles geboten, was der Magen gern hätte. Mit dem Problem, dass die Realisierungswille irgendwo zwischen Auge, Hirn und Händen auf der Strecke bleibt.

Kochshow aufgewärmt: Kerner und das „Echt wow!“

Unterhaltsam sind die mehr oder weniger besternten, gelernten oder Möchtegernköche allemal, wenn auch der eine oder andere Kochjackenträger oder Kochgeschehenkommentierer manchmal besser die Klappe halten würde. Der Herr Kerner zum Beispiel scharwenzelt neuerdings jeden Samstagnachmittag wie ein kleiner Junge um ein Quartett von in Echtzeit schnippelnden, köchelnden und sich gegenseitig benotenden Profis herum und gibt dabei am laufenden Meter Sachen wie „echt wow!“ und anderes Hohlzeug von sich. Man würde ihm dafür dann gerne mit dem größten verfügbaren Kochlöffel den Hintern versohlen. Aber so ist das halt, wenn das ZDF eine seiner berühmten Moderatoren-Allzweck-Geheimwaffen auf die Gemeinde loslässt. Johannes B. hatte ja schon vor vielen Jahren behauptet „Kerner kocht“ und dabei zu später Stund’ so viel heiße Luft produziert, dass Lafer, Wiener & Co. sinnvollerweise am besten gleich auf Dampfrezepte umgestellt hätten, um den blonden Segelfliegerohrentyp auch gleich als Hitzequelle zu nutzen.

Und dann der Lanz

Auf seinen Spuren folgte Markus Lanz, der analog log und ebenfalls behauptete, zu kochen. Als Moderator geriet er gleichwohl noch nerviger als es Kerner bereits war. Aber ja, so ist Showgeschäft halt, da wird nicht immer nach Talent gefragt, sondern vielleicht einfach danach, ob man eloquent rüberkommt oder vielleicht gar zum Schwiegersohn taugen könnte. Was viele Muttchen mit dem Drücken aufs „Ein“-Knöpfchen quittieren dürften. Als Lanz dann aber eine Lanze fürs große Samstagabendfernsehen brach und als Nachfolger von Thomas Gottschalk ins Wettgeschäft einstieg, war die Kochtopf-Frage zur allgemeinen Erleichterung gelöst.

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Buonissimo: „alfredissimo! mit Bio und Cosma Shiva Hagen. Foto: dpa |

Onkel Alfred und sein Charme

Neue Gesichter und Formate sind das A und O, auch in der fernsehgesteuerten Kochkunst. Denn wie sehr sich selbst gute Sendungen mit der Zeit abnutzen, lässt sich am guten alten Alfred Biolek festmachen. „Alfredissimo“ kam nämlich lange Zeit buonissimo bei den Zuschauern an.

Der onkelhafte Charmeur war zwar dereinst nicht als Koch vom Himmel gefallen und langte mit der einen oder anderen Falschbehauptung fachlich auch mal daneben, aber seine Gerichte und die seiner oftmals illustren Gäste, wie etwa Campino von den Toten Hosen, machten klar: das kannst du auch. Mit der Zeit wurde der alte Mann dann aber doch eine müde Nummer und fiel aus dem Programm.

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Tipps im Dutzend: Kochen mit Martina & Moritz. Foto: dpa

Wenig Show, viel Wert: Martina & Moritz

Was man von den TV-Köchen Martina und Moritz alias Martina Meuth und Bernd Neuner-Duttenhofer nicht vermelden muss. Obschon die aktuell älteste aller Kochsendungen, aufgezeichnet in der souterrain gelegenen Kochwerkstatt ihres Anwesens in Sulz am Neckar ebenfalls etwas in die Jahre gekommen ist, so ist „Kochen mit Martina und Moritz“ doch ein Beispiel dafür, wie TV-Köchelei echt gut funktionieren kann. Mag sein, dass einem das (gespielte) Zurechtweisen beziehungsweise Foppen ihrerseits und das Lechzen und Augenglänzen angesichts des alkoholhaltigen Begleitgetränks seinerseits bisweilen etwas aufdringlich wirkt, aber selten hat man in einer Kochsendung als Laie auch mehr an Tipps, Kniffen und Wissenswertem mitbekommen, wie in ihrer „Servicezeit“.

Freitag am Samstag

Die läuft samstags im WDR und danach noch in einsplus. Im Schlepptau der beiden „Superbrillen“, zumindest zeitlich betrachtet, schippert einer, der eigentlich tags zuvor besser aufgehoben wäre, weil er just so heißt: Freitag. Vorname: Björn. Er ist locker, charmant und betreibt so viel Understatement, dass es schon wieder an Selbstbeweihräucherung grenzt. Sternekoch halt. Meistens sagt er „Mmmmhhh!“, wenn er von seinen Speisen probiert. Aber man glaubt es ihm. Es muss einfach schmecken, so wie es von der Kamera eingefangen rüberkommt.

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Und wenn etwas daneben geht..: Fernsehköchin Sarah Wiener. Foto: dpa

Wiener: auch mal daneben

Was man zumindest zu Zeiten von Kerners mitternächtlichem Kochevent von einer Sarah Wiener nicht immer und unbedingt behaupten konnte. Versierten Laien kam das eine oder andere Dessert der TV-Köchin schon mal spanisch vor. Und auch die dekorierten „Sidekicks“ der Autodidaktin aus Austria brachen mitunter nicht unbedingt in Jubel aus. Andererseits: Im richtigen Leben geht auch mal was daneben. Es ist nicht alles Show, was glänzt. Da konnte die Wienerin so hübsch sein, wie sie wollte.

Mälzer: hemdsärmeliger Kultkoch

Einer, der ehrlich mit Erfolg und Scheitern umgehen kann, ist der Mann fürs Grobe, der mit dem Kinnbart und der Zahnlücke: Tim Mälzer. Er ist im Gespann mit Roland Trettl und Christian Lohse der Protagonist der wohl besten Kochsendung derzeit. Der hemdsärmelige Kultkoch mag Oldtimer-Schlitten und gibt auch sonst gerne Gas bis an die Schmerzgrenze, an jene Grenze, wo Scherz und brutale Wahrheit nah beieinander liegen können.

Bei Tom Heinzle in ein (Erd)loch gefallen

Als er kürzlich im Rahmen seiner „Kitchen Impossible“-Mission auf Vox Sachen von Grillmeister Tom Heinzle nachkochen sollte, hatte er die Rechnung ohne seine Rückenwirbel gemacht. Denn es galt, ein Erdloch auszuheben, in und auf dem einige kleine kulinarische Schweinereien zubereitet werden sollten. An einem unverhofft aufgetauchten Gesteinsbrocken biss der taffe Tim sich dann aber fast die Zähne aus und begann unter Bandscheiben-Malheur zu ächzen. Echt. Das war natürlich die Meldung des nächsten Tages. Das Publikum mag es, wenn Großmäuler scheitern. Und dieses Mal war’s offenbar wirklich nicht der Show geschuldet, dass das Duell Brocken gegen Brocken zum Nachteil des Stars ausging. Doch Köche sind hart im Nehmen.

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Mario Barth der Köche: Steffen Henssler. Foto: dpa

„Der kochende Mario Barth“

Im Austeilen allerdings auch. In Restaurantküchen fliegen öfter mal die Fetzen, manchmal auch Gerätschaften, wie man vielleicht mitbekommen hat. Zumindest geht es in Stoßzeiten schnell derb zur Sache. In dieser fast reinen Männerdomäne sind Kraftausdrücke an der Tagesordnung. Kein Wunder also, wenn Typen wie Steffen Henssler, den ein Magazin den „kochenden Mario Barth“ nannte, vor allem bei Männern gut ankommen.

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Nicht auf Krawall gebürstet: Fernsehköche Lafer und Lichter. Foto: dpa

Die Distinguierten

Die Machos unter den „Grill den Henssler“-Guckern dürfte weniger das Kochgeschehen interessieren, als die Atmo, die sich dicht am Herrenabend oder Stammtisch bewegt. Zur Ehrenrettung der Köche muss freilich betont werden, dass neben einigen verbalen Haudraufs auch distinguiertere Herrschaften wie Johann Lafer, Heinz Winkler oder Nelson Müller mit von der Partie sind. Die nehmen wieder etwas heraus von der heißen Luft, die nicht nur dem Backofen entströmt.

Von Klever und Inzinger bis zu den modernen Krawallbrüdern

Gewiss: Zwischen den nach heutigen Maßstäben großväterlich anmutenden Fernsehköchen von Anno Pfannedeckel, wie etwa Ulrich Klever und Max Inzinger aus der ZDF-„Drehscheibe“ der 60er und 70er Jahre, und den modernen Krawallbrüdern im Tattoo-Look liegen Welten. Sie sind mindestens so weit voneinander entfernt wie die verkrustete Blitzkochplatte von unser Omma ihrm Herd und dem schicken High-Tech-Induktionskochfeld von Gaggenau. Das allgegenwärtige Küchentohuwabohu, der Kampf bis aufs Messer um die besten Einschaltquoten, kommt (noch) riesig an. Es offenbaren sich gleichzeitig aber auch unerwünschte Nebenwirkungen, bei denen nicht mal Arzt oder Apotheker Rat wissen. Darunter leiden nicht so sehr die auf Standby geschalteten Kochshow-Couchpotatoes, sondern vielmehr der allgemeine Wert des Kulturguts Essen, als auch die Protagonisten des kulinarischen TV-Feuerwerks selbst.

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Offene Worte: TV-Köchin Cornelia Poletto. Foto: dpa

Poletto redet Tacheles

Die vielfach durch die Eventkochstellen gereichte Hamburger Starköchin Cornelia Poletto („Polettos Kochschule“; derzeit am Wochenende auf NDR und one) hat diese Begleiterscheinungen gegenüber dem „Handelsblatt“ auch schon verortet: Insbesondere „der Respekt vor Lebensmitteln zu Gunsten des Entertainment“ gehe verloren, hadert sie da sogar mit ihrer eigenen Rolle als Quoten-Queen unter Zoten-Kings wie Henssler. Andererseits, so rückt sie das Bild wieder etwas gerade, werde es für Vollbringer lukullischer Höchstleistungen immer schwieriger, sich mit ihrer exquisiten Sterneküche über Wasser zu halten. Soll heißen, wer als Gourmetkoch neben den Fettaugen auf der Suppe mitschwimmen will, muss sich das nötige Kleingeld halt via TV dazuverdienen.

Die Selbstvermarkter

Was im Übrigen deshalb gut funktioniert, weil gewiefte Schürzenträger und Gewürzejäger wie etwa der Lafer-Johann oder der Schuhbeck-Alfons mit Sternenduftdöschen, die ihren Namen tragen, erklecklichen Umsatz erzielen. Allein der wie sein nuschelnder Kollege auch als Kochbuchautor mit allen Brühen getränkte Bayer Schuhbeck füllt ganze Supermarktregale voller Produkte mit seinem Logo und Konterfei. Pfeffersäcke nannte man Händler wie sie im Mittelalter nahezu verächtlich . Was ja irgendwie passt.

Martialische Titel

„Topfgeldjäger“, „Küchenschlacht“, „Grill den Henssler“ – fast könnte man meinen, es gehe beim Kochen im TV ums blanke Überleben, dabei ist es eigentlich doch nur viel Rauch um nichts. Um nicht weniger freilich als das, was einmal das Selbstverständlichste auf der Welt war: das Kochen mit frischen oder selbst konservierten Zutaten. Wo galt und noch immer gilt: das Auge isst mit, muss es wohl heute auch lauten: das Auge kocht mit. Guten Appetit!

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