Piemont
Im Herzen des Piemont: der Ort Barolo, wo der legendäre Rotwein produziert wird. | Foto: dpa

Kulinarische Tour in Italien

Piemont: Schlemmen und Shoppen im Schneckentempo

 Ist vom Piemont die Rede, erhöhen die Herzen von Gourmets die Schlagzahl ganz von alleine: berühmte Weine, wunderbare Pasta, exklusive Würste, Schokolade zum Dahinschmelzen – alles nur ein Teil von noch viel mehr Paradiesischem.

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Panoramablick: Aussicht von der Burg in Grinzane Cavour. Foto: Ludwig

Sie ist das wahrscheinlich langsamste Wappentier der Welt. Dass sie außerdem und ausgerechnet unter Grünzeug anbauenden Naturfreunden einen Ruf wie Pest und Cholera genießt, macht die Angelegenheit für die Schnecke nicht besser. Feinschmecker zwischen Paris und Madrid, zwischen Turin und Berlin freilich sind andererseits ganz aus dem Häuschen, wenn das Weichtier die Bühne betritt: gratiniert, gesotten oder gebraten, am liebsten in Knoblauchbutter, aber auch gerne mal in rosmarinduftender Tomatensoße.

Die Schnecke als Titelheldin

So betrachtet ist der Garten- und Weinberg-Schleimi schon irgendwie das Tier der Wahl gewesen, als vor über 30 Jahren ein Symbol für Slowfood, den Kampf- und Mampf-Verein der Langsamen, her musste. Die Schnecke als Titelheldin, die Langsamkeit als starkes Symbol im Bestreben, der globalen Fastfoodisierung Paroli zu bieten.

Slowfood im Herzen des Piemont

Dass sich die Gilde der feinschmeckenden Schneckenanbeter unter Gründer Carlo Petrini mit ihrer Zentrale auch noch mitten im vom Massentourismus verschonten Schlemmerviertel Italiens, dem Piemont, eingenistet hat, ist sicherlich kein Zufall. Bra heißt die Stadt südöstlich der Fiat- und Fußballstadt Turin. Seit ein paar Jahren quasi um die Ecke, in Pollenzo: die Slowfood-Akademie für angehende Köche, die via Studium schnell begreifen, was „langsam“ in Produktion, am Herd und bei Tisch bedeutet.

Piemont und die Langhe: Reiseziel für Foodshopper

Kurz hinter diesem Küchen-Bollwerk taucht man übrigens ein in die Langhe, jene hügelige Welt, die sich rund um das Trüffelmekka Alba wie eine Filmkulisse erhebt. Mit hoch droben thronenden mittelalterlichen Dörfern und nicht enden wollenden Hängen voller Weinreben und Haselnusssträucher, ist sie ein Reiseziel für Foodshopper mit gehobenen Ansprüchen.

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Traumhafte Landschaft: die Langa. Foto: Ludwig

Feine Adressen für verwöhnte Feinschmecker

Zwar lässt sich leider auch in der Region „am Fuße der Berge“ gelegentlich das sonst allerorten grassierende McDonald’s- und Starbucks-Virus ausmachen, doch es wird erfolgreich in Schach gehalten. Denn noch steht das Piemont ganz im Zeichen der lustvoll behäbigen Schnecke: langsam speisen, gemächlich reisen, entspannt einkaufen. Anders nämlich als anderswo in Supermarkt-Europa sind sie im Piemont noch im großen Stil zu finden, die kleinen Spezialitätenmagazine, die feinen Adressen für verwöhnte Feinschmecker und anspruchsvolle Schluckspechte.

Platzbedarf für die „Beutestücke“ einkalkulieren

Was freilich auch bedeutet: Man sollte ein gut gefülltes Portemonnaie und vor allem ein ausreichend großes Vehikel dabei haben, um reiche Beute zu machen und diese am Ende auch komplett nach Hause chauffieren zu können. Es soll schon vorgekommen sein, dass ein Mitfahrer den Heimweg per Bahn antreten musste, weil im Auto zwischen Wein- und Grappaflaschen, Nudelpackungen und feinen Konserven kein Platz mehr für ihn war.

Im Schlemmerparadies Piemont logiert man familiär

Wo winzige Teigtaschen (Agnolotti dal plin) und handgeschnittene Eiernudeln (Tajarin), Fleischklassiker wie Vitello tonnato und Carne cruda, die Edeltropfen Barolo und Barbaresco, berühmte Käse wie Castelmagno und Robiola mit ihren donnerhallenden Namen die Speisekarten zieren und man gut und gerne und ausgiebig in mehreren Gängen tafelt, logiert man selten in gesichtlosen Formhotels wie einem Holiday Inn.

Winzer mit „Bettenanschluss“

Familiengeführte Hotels, charmante Pensionen oder gleich ein Agriturismo, also ein Bauernhof, sind angesagt. Das Beste an Letzteren: Oftmals handelt es sich in diesem Beritt um Winzer mit „Bettenanschluss“. Wenn man also einen guten Tropfen am Abend sorgenfrei die Kehle hinabrinnen lassen möchte, ohne den Führerschein zur Disposition zu stellen, ist ein Aufenthalt im Agriturismo eine ganz kommode Sache.

Cascina Rocca: Agriturismo im Barolo-Gebiet

Gerade mal zwei Kilometer vom Wein-Dorado Barolo gelegen, in La Morra Annunziata, bieten Silvana Molino und ihr Mann Piercarlo Bergadano Ferien auf dem Winzerhof an. Er macht den Wein, sie gießt ein. Na ja, das ist etwas verkürzt und soll heißen: Piercarlo steckt sein Herzblut und Wissen in den Ausbau von Traditionsweinen wie Barolo, Nebbiolo und Barbera d’Alba, Silvana sorgt dafür, dass die Gäste nicht nur sanft ruhen und morgens ein üppiges Frühstück mit vielen eigenen Konfitüren und selbstgebackenen Kuchen kriegen, sondern auch bei Verkostungen im Weinkeller dem Geist der Langhe-Weine auf die Spur kommen. Cascina Rocca heißt der Agriturismo-Betrieb, der 2019 ins zwanzigste Betriebsjahr geht.

Adresse für Schokoholics: Ravera in Cherasco

Wo Schnelligkeit ihren Trumpf verspielt hat, regiert das Herz. Und davon haben die Menschen im Dreieck zwischen Turin, Cuneo und Asti ganz, ganz viel. Und so ist auch eine Einkaufstour durch das Schlemmerparadies eine Reise für die Sinne. Das beginnt schon beim Naschkatzen-Suchtmittel Nummer eins, der Schokolade. Piemont ist ein Mekka für Schokoholics. Eine der Anlaufstellen für Sweethearts und solche, die es noch werden wollen: das Städtchen Cherasco unweit von Bra.

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Alles Schoko hier: Arturo Walter Ravera stellt gerade eines seiner Schokotörtchen fertig. Foto: Ludwig

Arturo Walter Ravera, Chocolatier von Beruf, und seine Frau Margherita führen dort ein schnuckeliges Ladengeschäft mit fast allem, was das Herz des Schokojüngers höher schlagen und ihn genüsslich mit der Zunge schnalzen lässt.

Träume schmelzen auf der Zunge

Die dunklen, nussigen Baci di Cherasco zählen ebenso dazu wie eine Schichtschönheit aus hellem und dunklem Nugat, Raveras Schoko-Torrone mit köstlichen piemontesischen Tonda-gentile-Nüssen und eine „Tortina“ aus reiner Edelschokolade in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Wer nicht widerstehen kann, füllt seine Einkaufstaschen zudem mit welchen von den zig Pralinensorten. Oder gleich allen. Zum Dahinschmelzen ist eine wie die andere.

Einzigartig: Salsiccia di Bra

Damit das, also das Dahinschmelzen, nicht mit der Schokobeute passiert: Kühltasche mitnehmen!

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Alles Büffel: Moris aus Cuneo verkauft in Alba Bufala-Produkte von hoher Qualität. Foto: Ludwig

Darin können Sie übrigens neben tagesfrischem Büffelmozzarella und -ricotta von Moris an der Piazza Savona in Alba eine ganz besondere Wurst verstauen, die in ausgewählten Metzgereien in der Slowfood-Kapitale hergestellt wird und bei Connaisseuren ganz exzellenten Ruf genießt: Salsiccia di Bra, eine Kalbstbratwurst mit leicht orientalischer Note, die so fein und frisch ist, dass sie perfekt zum Rohessen ist. Wie Tatar.

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Eine besondere Wurst: Salsiccia di Bra wird in der Macelleria Davide e Alberto Tibaldi täglich frisch produziert; sie wird in der Regel roh verzehrt.. Foto: Ludwig

Tagesfrisch: die Traditionswurst bei Tibaldi

Na ja, manchmal wird sie auch zerkrümelt und angebraten und bildet dann die fleischliche Basis für eine köstliche Nudelsoße, wie sie in Osterien der Gegend (etwa im „Boccondivino“ direkt neben der Slowfood-Zentrale) auf der Speisekarte stehen. So oder so: ein Gedicht. Man bekommt Salsiccia di Bra nur in ausgesuchten Traditionsmetzgereien, etwa bei Davide und Alberto Tibaldi, die sich günstigerweise direkt gegenüber einem großen Parkplatz befindet. Falls es mal ein bisschen mehr sein darf.

Alles Bio bei den Sobrinos in La Morra: wo Mehl traditionell entsteht

Das kann einem durchaus auch in der historischen Mühle von Renzo und Margherita Sobrino in La Morra passieren. Etwas versteckt in einem Hinterhof an der Hauptstraße, produziert man dort seit Generationen mit großer Begeisterung Mehle wie früher.

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Mit Leib und Seele für „bio“: Margherita Sobrino. Foto: Ludwig

Fast von Hand gemahlen und alles Bio: Mais aus der Alta Langa, der zwischen wuchtigen Mahlsteinen zu Polentamehl zerrieben wird, Weizenmehle jeglicher Couleur bis zum Vollkorn- und Buchweizenmehl sowie Raritäten wie Monococco. Abgefüllt und im kleinen Laden neben der Mühle angeboten werden auch edle Piemontnüsse, Risottoreis sowie Bio-Pasta und Vollwertgebäck. Allesamt aus den Mehlspezialitäten des Hauses von kleinen Manufakturen hergestellt.

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In den „Katakomben“ von Canale: Weinkeller der Cascina Chicco. Foto: Ludwig

Eine Weinkellerei zum Staunen: Cascina Chicco in Canale

Winzer mit Topweinen findet der Weinliebhaber im Herzen des Piemonts bald an jeder Straßenbiegung. Meist sind es kleine Betriebe mit schmucklosen Kellern, in denen ein paar Edelstahltanks und alte Holzfässer für die hochpreisigen Gewächse stehen. Will man jedoch den Mund vor Staunen weit aufreißen und quasi im Vorbeigehen noch ein paar kräftige Schlucke, zum Beispiel vom schicken Spumante „Cuvée Zero Rosé“ nehmen, muss man die Cascina Chicco in Canale im Roero (wo auch der feine weiße Arneis herkommt) „heimsuchen“.

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Die Brüder Faccenda (im Bild: Marco) haben mit der Cascina Chicco einen der eindrucksvollsten Winzerbetriebe des Piemont aufgebaut, sind trotz super Qualität preislich auf dem Boden geblieben. Foto: Ludwig

Mehr Glanz war selten im Piemont

Der Betrieb der Brüder Marco und Enrico Faccenda sucht in Qualität sowie optischem und professionellem Auftritt seinesgleichen. Für wer weiß wie viele Millionen wurde in den vergangenen Jahren ein historisch anmutendes Kellerlabyrinth in den Hügel getrieben, dessen Herz eine domähnliche Kuppel ist. Mehr Glanz war selten. Von Blendung der Sinne dennoch keine Spur. Die Gewächse von Chicco heimsen auch auf internationalem Parkett Lobpreisungen ein. Bei moderaten Preisen für den Weinkonsumenten. Die Brüder Faccenda zählen inzwischen zu den renommiertesten Produzenten der Region.

Einkaufstopp in der Regionalönothek von Grinzane Cavour

Falls Sie das geschichtsumwehte Gemäuer der wunderschönen Burg von Grinzane Cavour mit ihrer Regionalönothek bis dahin noch nicht aufgesucht und „geplündert“, also wider Erwarten noch Platz in ihrer Schlemmerkutsche haben, müssen Sie auf dem Nachhauseweg noch unbedingt einen Halt in Turin einlegen.

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Herz, was begehrst du mehr: Wein- und Spezialitätenshop Enoteca Regionale Piemontese Cavour. Foto: Ludwig

Riesiger Wochenmarkt und Genusstempel „Eataly“ in Turin

In der Hauptstadt des Piemont findet der „Genusssuchtel“ nicht nur einen sensationellen Wochenmarkt mit taufrischem Obst und Gemüse, Fleisch, Würsten, Käse sowie anderen Kochzutaten und Gaumenfreuden, in einem ehemaligen Fabrikgebäude in der Nähe hat das prosperierende Unternehmen „Eataly“ auch einen riesigen Genusstempel eingerichtet.

Feinkostladen im XXL-Format

Ein Feinkostladen im XXL-Format, mit allem was das Gourmetherz in Entzücken versetzt, nebst diversen Theken zur leiblichen Stärkung oder akuten Appetitanfallbekämpfung. Ich glaube, beim nächsten Mal lasse ich mich für eine Woche in diesem Gourmetparadies einsperren und kaufe den halben Laden leer. Ich darf bloß nicht vergessen, einen Transporter zu mieten.

slow & gut

Essen gehen:

Boccondivino (Bra), Osteria Veglio und Osteria del Vignaiolo (beide in La Morra), Trattoria La Coccinella  (Serravalle Langhe), Locanda dell’Arco (Cissone), Ristorante del Mercato da Maurizio (Cravanzana), Osteria dell’Arco, La Piola und Ventuno.1 (alle in Alba).

Einkaufen und übernachten:

www.castellogrinzane.com

www.cascinarocca.com

www.ilmulinosobrino.it

www.caseificiomoris.it

macelleriatibaldi@hotmail.com

www.cascinachicco.com

www.baciravera.com