Galette
Foto: Michael Ludwig

Brauchtum: Galette des Rois

Jeder Franzose kann König werden

Anzeige

In Deutschland kennt man den Brauch kaum. Und den Kuchen erst recht nicht. Für die Franzosen aber ist der Königskuchen, die Galette des Rois, eine fest im Brauchtum verankerte Speise. Aus der sogar König und Königin hervorgehen…

Rio Reiser träumte immer davon, König zu sein. Das geht den Franzosen ähnlich. Einmal im Jahr kann sich ihr Wunsch aber wirklich erfüllen. Am 6. Januar nämlich bekommt jede französische Familie ihren „Roi“. Wobei dessen „Amtszeit“ auf einen  Tag begrenzt ist und unweigerlich um Mitternacht des Dreikönigstages endet.

Sogar Monsieur le Président – zurzeit Emanuel Macron, der Smarte – hat nichts gegen die ehrenamtlichen Monarchen, die durch den beherzten Griff zum richtigen Stück Königskuchen in Amt und Würden geraten, mit all dem Tschingderassabum, den la famille sich so ausdenkt.

König
Glücksbringer: Wer die kleine Porzellanfigur in seinem Kuchenstück findet, wird König (oder Königin). Foto: Ludwig

In der Galette des Rois, wie das wahlweise mit Persipan oder Äpfeln gefüllte Prachtstück von Kalorienbombe aus Blätter- oder Briocheteig im Original heißt, versteckt sich eine „fève“ (Bohne) oder Porzellanfigur, z. B. ein Franzmann mit Baskenmütze und Baguette (ganz dem gängigen Klischee verhaftet). Wer diesen Wicht (oder die Bohne) findet, wird mit einer Pappkrone gekrönt, die nicht mal Burger King besser hinbekommt.

König für einen  Tag

Jedenfalls ist der Glückliche – sofern er sich an der harten Zutat nicht die Zähne ausgebissen hat und den Rest des Dreikönigsfests in der Zahnarztpraxis verbringt – dann eben König für einen Tag. Oder Königin. Das geht selbstverständlich auch. So traditionsverklebt unsere Nachbarn auf der anderen Rheinseite manchmal sind, hinterm Mond leben sie deshalb noch lange nicht. Außerdem wird „Égalité“ (Gleichheit) in Frankreich schon seit 1789 groß geschrieben.

Wenn der König bechert

Zum Brauch passt, ganz französisch, dass heftig auf den Monarchen oder die Zepter-Schwingerin des Tages angestoßen wird. Wenn „Majestät“ sein Glas zum Mund führt, müssen alle Familienmitglieder „Le roi boit“ (Der König trinkt) ausrufen, was mit zunehmender Promillezahl immer schwieriger wird, ist dieser kurze Satz doch an sich bereits eine für Franzosen schwierig auszusprechende Wortkonstruktion.

Großproduktion vor Dreikönig

Schon die ganze Woche vor Dreikönig bersten in den Boulangeries und Pâtisseries drüben überm Rhein die Regale vor lauter Königskuchen. Bisweilen sieht man die Baguettes vor lauter Galettes nicht mehr. So auch in den Filialen der Bäckerei „La Minzbrueck“, die ihren Sitz im nordelsässichen Trimbach (bei Seebach) hat und beiderseits der Grenze mit frischen französischen Backwaren lockt. So preisen einen Steinwurf von der deutsch-französischen Grenze entfernt, in Scheibenhardt in der dortigen Filiale der „Minzbrueck“, Sylvie Mathern, Cornelia Coupaud und weitere nette Kolleginnen wahlweise in französisch oder deutsch in der Woche vor dem entscheidenden D-Day die verlockenden Kuchen mit dem“brisanten“ Inhalt an. Vive le Roi!

www.aureliebastian.de