"The big hall by the wall": Diesen Namen gab David Bowie den legendären Hansa Studios in Berlin. | Foto: wit

Berlins Rock- und Popgeschiche

Helden-Taten in den Hansa Studios

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Das Himmelreich für Musikfans liegt hinter einer schweren Eingangstür, in einem 100 Jahre alten Bau unweit des Potsdamer Platzes in Berlin. Die Hansa Studios in der Köthener Straße, die Jahrzehnte lang im Niemandsland zwischen Ost und West lagen und von denen aus man einen unverstellten Blick auf wüste Schuttberge, grauen Sichtbeton, Stacheldraht und Wachtürme hatte, liegen nun eingekeilt zwischen nüchternen Neubauten. Doch hinter der Eingangstür lebt der Mythos fort: von Künstlern auf Sinnsuche, die hier ein und aus gingen, von einer Zeit, als in den Hansa Studios einige der einflussreichsten Platten der Rock- und Popgeschichte produziert wurden. Die Fotogalerie gleich neben dem Foyer präsentiert sie alle: Iggy Pop mit nacktem Oberkörper, die Schwulen-Ikone Marianne Rosenberg, Udo Jürgens, Hildegard Knef und die Experimental-Rocker der „Einstürzenden Neubauten“, Peter Maffay, Herbert Grönemeyer und natürlich David Bowie.

Prominenten-Galerie: Unzählige deutsche und internationale Künstler haben in den Berliner Hansa Studios ihre Spuren hinterlassen. | Foto: wit

Der wohnte Ende der 70er-Jahre in Schöneberg und brachte während seiner Auszeit von Bel Air und Beverly Hills drei ziemlich bahnbrechende Platten auf den Weg. Der Brite, der den legendären Hansa Studios den Spitznamen „the big hall by the wall“ verpasst haben soll, wurde zum Türöffner für andere Künstler – darunter die Jungs von Depeche Mode und die irischen Sturköpfe von U2, die nach ihrem rasanten Aufstieg in den 80ern in eine Schaffenskrise geraten waren. Und noch immer ist das in Kreuzberg gut versteckte Hansa Berlins berühmtestes Tonstudio, sozusagen die deutsche Ausgabe der Abbey Road Studios.

Wenn Thilo Schmied, ein gelernter Toningenieur und Betreiber der Berlin Musictours, mit einem Packen vergilbter Fotografien unterm Arm durch die Räume dieses musealen Ortes streift, tauchen Rock-, Pop- und Schlagerfans tief ein in die Geschichte des Baus. Gigantische Mischpulte mit Hunderten von Reglern, Verstärker, Effektmaschinen und Hallgeräte geben den Ton an; geschwungene Holzelemente möbelten schon den Sound von R.E.M. akustisch auf. Noch immer wird in den Räumen der Rock ‘n’ Roll-Geist der 70er, 80er und 90er-Jahre beschworen, als sich Platten wie warme Semmeln verkauften. Selbst der Meistersaal, dessen einmalige Akustik entscheidend zum Ruhm des Hauses beigetragen hat, kann theoretisch noch immer als Studio gebucht werden – auch wenn der sorgfältig restaurierte, 266 Quadratmeter große Saal mit der edlen Kassettendecke, den holzvertäfelten Wänden und dem Stäbchenparkett nur entfernt an jenen zu Bowies Zeiten erinnert und heute vor allem für Events genutzt wird.

Gute Adresse in Sachen Musik: Gleich mehrere Studios haben sich in der Köthener Straße in Berlin niedergelassen. | Foto: wit

Seine Geschichte begann lange vor dem Siegeszug der Popmusik. Die Bauhandwerker-Innung errichtete ihr Verbandshaus 1913, zwischen Alter Philharmonie und Konzertsälen, die nach alten Meistern benannt waren. Und weil sich die Herren nicht nur als Handwerker, sondern auch als Kunstmäzene verstanden, wurden im Meistersaal nicht nur angehende Handwerksmeister gekürt. Hier trat die stimmgewaltige Zarah Leander auf; hier las Kurt Tucholsky aus seinen Werken; hier vergnügten sich in den 30er und 40er-Jahren die NS-Schergen. Nach dem Krieg fungierte das Haus mit der bombenzerfressenen Fassade als Theater, später als „Susies Ballhaus“. Doch nach dem Bau der Mauer war Schluss mit Kabarett, Kleinkunst und Tanz. Das ramponierte Gebäude war auch räumlich ins Abseits geraten, die Köthener Straße lag nun nicht mehr im Herzen der großartigen Künstlerhochburg der Goldenen Zwanziger, sondern in unmittelbarer Nähe des Todesstreifens einer geteilten Stadt.

Bowie vor der Tür

Weil funktionstüchtige Musiksäle im zerstörten Berlin der Nachkriegsjahre aber rar waren, zog zunächst die Ariola ein, später die Produzentendynastie Meisel, die eine Instanz in Sachen deutscher Schlager war. Ob Conny Froboess mit „Zwei kleine Italiener“, Drafi Deutscher mit „Marmor, Stein und Eisen bricht“ oder Udo Jürgens, der dem ehrenwerten Haus der Hansa viele Jahrzehnte verbunden blieb – in der Köthener Straße wurde anfänglich vor allem deutsch gesungen. Später folgte Nina Hagen, die deutsche „Godmother of Punk“ dem ausgebürgerten Wolf Biermann gen Westen, spielte in den Hansa-Studios zwei Platten ein und zeigte der Welt, dass in Deutschland keineswegs nur seichte Schmachtfetzen produziert werden. 1976 steht schließlich das wandlungsfähige Rock-Chamäleon David Bowie vor der Tür, das sich in der geteilten Stadt von seinem Alter Ego und seiner Drogensucht verabschieden will – ausgerechnet in der Metropole, wo sich Christiane F. einen Schuss nach dem anderen setzt.

Im Meistersaal: Sänger David Bowie (links) arbeitete während seiner Berliner Zeit mit Toningeneur Eduard Meyer zusammen. | Foto: dpa

So verrückt es klingt: Bowies Selbstfindungstrip gelingt. Gemeinsam mit Iggy Pop mietet er sich in einen Altbauklotz in der Schöneberger Hauptstraße ein, radelt tagsüber nach Kreuzberg und macht abends und nachts die Clubs der Stadt unsicher. Er kauft massenhaft Kunst, verbringt Stund‘ um Stund‘ in Museen und Galerien und saugt die düstere Stimmung des Kalten Krieges wie ein Schwamm auf. Wenn er im „Dschungel“ abrockt, dem legendären Club der Künstler, Selbstdarsteller und Feierwütigen, gibt es weder Kreischorgien, noch Paparazzi-Attacken. Allenfalls ein freundliches Nicken, mehr nicht. Tonmeister Eduard Meyer, der zuvor mit Künstlern wie Ilse Werner gearbeitet hat, wird zum engen Vertrauten und muss bei den Aufnahmen im Meistersaal schon mal das Cello spielen – „ohne einen Cent dafür zu bekommen“, so Thilo Schmied.

Zu „Heroes“ inspiriert

Als der Superstar zwei Jahre später seine Zeit in Berlin beendet, ist seine Diskografie um drei Werke reicher: „Low“, „Heroes“ und „Lodger“, letzteres allerdings vornehmlich in der Schweiz und in den USA aufgenommen. Der Blick auf die Mauer, auf ein küssendes Paar im Schatten des Grenzwalls soll Bowie zu den legendären Zeilen seines pathetischen Popsongs „Heroes“ inspiriert haben, dessen eigentümlich leiernder Sound dem Klangkünstler Brian Eno zu verdanken ist. Als Bowie den Text fertig hat, stellt Produzent Tony Visconti drei Mikrofone im Meistersaal auf: eines direkt vor Bowies Nase, die anderen beiden in einiger Entfernung. Nacheinander öffnet er sie dann, um Bowies Flüstern und Schreien in epischer Breite einfangen zu können. Jahre später wird der „Thin White Duke“ anlässlich der 750-Jahrfeier zu einem Konzert vor dem Reichstag zurückkehren. Siebzigtausend Menschen singen „Heroes“ begeistert mit, während auf der anderen Seite der Mauer Tausende junge Ost-Berliner „Mauer weg“ skandieren. Zweieinhalb Jahre später ist die Mauer Geschichte.

Überragende Akustik: Der Meistersaal wird heute hauptsächlich für Events genutzt. | Foto: wit

Für die Hansa Studios ist Bowies mega–erfolgreiche Berlin-Zeit Gold wert. 1983 zieht es vier brav aussehende Briten Anfang Zwanzig nach Berlin. Dort entdecken sie das Klanggewitter der „Einstürzenden Neubauten“, posieren in Lederjacken vor der Mauer und schleppen die größten Lautsprecher des Studios ins Freie, um die genervten Grenzpolizisten zu beschallen. Bilder aus dem Fundus von Thilo Schmied zeigen die Bandmitglieder von Depeche Mode mit blond gefärbten Haaren, dunkel umrandeten Augen und Riemchensandalen mit weißen Socken in der Köthener Straße, wo sie an mehreren Platten arbeiten. Einige ihrer größten Hits sind hier entstanden: Die Ballade „Somebody“ soll Songwriter Martin Gore angeblich nackt eingespielt haben, um mehr Intimität im Meistersaal zu erzeugen, während Fans der Synthie-Rock-Band auf der Wendeltreppe herumlungerten. Jahre später – die Mauer war mittlerweile gefallen – zog es das irische Rock-Quartett U2 in die wiedervereinigte Stadt, wo es sich während der Aufnahmen zu „Achtung Baby“ unablässig über den künftigen musikalischen Weg stritt. Die Trabis schaffen es ebenso in die Band-Videos wie der Meistersaal: Dort wurde der düstere Clip zu „One“ gedreht.

Es sollte zunächst einer der letzten glorreichen Momente in der Geschichte der Hansa Studios bleiben. Denn während U2 ihre musikalische Neuausrichtung feierten, begann an der Köthener Straße eine Durststrecke. Plattenverkäufe und damit das Budget für Studio-Produktionen brachen ein, die digitale Aufnahmetechnik passte fortan ins heimische Wohnzimmer. Den Meisels, seit 1975 Besitzer des Gebäudes, blieb nichts anderes übrig, als „Studio 2“ aufzugeben und den Meistersaal historisch getreu zu restaurieren. „Man kann ihn noch immer als Aufnahmestudio nutzen – das passierte sogar relativ häufig in den vergangenen Jahren“, erzählt Thilo Schmied, während er durch den schmalen Korridor schlendert, wo einst das Mischpult stand.
Kreativ geht es in dem „Musikhaus“ noch immer zu, denn gleich mehrere eigenständige Studios und Produktionsfirmen arbeiten hier zusammen unter einem Dach. Im Erdgeschoss befinden sich die Emil Berliner Studios. Im zweiten Stock haben sich Alex Silva und Herbert Grönemeyer häuslich eingerichtet. In der Nachbarschaft dürfen Andreas Gabalier oder Jeanette Biedermann ans Mikrofon, und im Hansa Mixroom tüftelt der schwedische Tonmeister Michael Ilbert an eingängigen Sounds. Und der arbeitet nicht für die Helden von gestern, sondern für die Chartstürmer von heute.

Informationen

Berlin Musictours bietet verschiedene Touren auf den Spuren großer Künstler an. Gut zwei Stunden dauert die Führung durch die Hansa Studios, die meist mehrmals im Monat angeboten wird. Der Preis richtet sich nach der Gruppengröße und liegt zwischen 15 und 30. Euro.

Der Spaziergang durch David Bowies Berlin führt von Kreuzberg nach Schöneberg. Er wird samstags und sonntags, 12 Uhr, angeboten, sowie nach Absprache. Kosten: ab 14 Euro pro Person.

Die Bowie Berlin Tour kombiniert die Hansa Studios sowie eine Bustour und dauert rund vier Stunden. Sie wird an zwei Terminen im April angeboten. Zudem kann sie ab zwei Personen als private Tour gebucht werden. Kosten: 89 Euro pro Person.

Außerdem gibt es regelmäßige Bustouren durch die Berliner Rock-, Pop- und Klubmusikszene von damals bis heute, meistens samstags um 12.30 Uhr. Die Tour kostet 29 Euro.

Auskünfte: Infotelefon (01 72) 4 24 20 37.