In seinem Element: Aquascaper Oliver Knott gestaltet Landschaften für Aquarien. | Foto: Knott

Aquascaper Oliver Knott

Oktopus‘ Gärtner

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Stumm wie die Fische? Von wegen. Aquarianer können auch anders. Der junge Mann aus Korea beispielsweise plappert ganz aufgeregt und ohne Unterlass. Wie kleine Fontänen schießt es aus ihm heraus: „Oh my god. Oliver! It’s Oliver“, stammelt er und zappelt dabei aufgeregt wie ein Goldfisch bei der Fütterung. Dann packt er den großen Europäer ganz unvermittelt am Oberarm und schüttelt ihn begeistert durch. „I love your work. I love your work. I love your work“, wiederholt er, und sein Kopf bewegt sich wie der eines Leistungsschwimmers beim Luftholen immer rauf und runter. Schließlich zückt er seinen Selfie-Stab und quetscht sich neben Oliver Knott. „Selfie“, sagt er. Es klingt mehr nach einer Feststellung als nach einer höflichen Frage.

Bekanntes Gesicht

Japan im Becken: Oliver Knott ist vor allem in Asien ein Star. Foto: Knott

Macht nichts! Knott kennt das. Der Hüne macht sich klein, spannt den Gefällt-mir-Daumen und lächelt professionell in die Handykamera, bis der junge Mann zufrieden ist. „Thank you, thank you, thank you“ sprudelt er kataraktartig, verbeugt sich noch ein paar Mal und verschwindet rücklings wieder in der Menge.
Mit Oliver Knott über die Interzoo, die weltweit größte Publikumsmesse für Heimtierbedarf in Nürnberg, zu gehen, ist ein kleines bisschen so, als würde man mit Robbie Williams über den Londoner Piccadilly Circus spazieren. Jeder hier kennt den Mann mit dem dunkelblonden Igelhaarschnitt, den asiatischen Schriftzeichen auf der Haut und den düsteren Rocker-Shirts.  „Hello Oli“, ruft es von rechts, „Love your work“, tönt es von links und sobald der 46-Jährige irgendwo zum Stehen kommt, wird er sofort von einer kleinen Menschentraube umringt. „Meine Bucephalandra wächst nicht richtig an, was kann ich tun?“, „Wo finde ich Wurzeln für mein Hardscape?“ und „Sehen wir uns auf der Superzoo in Vegas?“ Wer in der Menge den Überblick nicht verliert, dem begegnet das Gesicht Knotts auch sonst ziemlich häufig. Hier auf einem Sack mit Bodengrund fürs Aquarium, dort als Werbeträger für einen Hersteller von Rückwänden für Fischbecken oder als Kronzeuge für die Qualität dieses oder jenes Wassermooses aus irgendeiner Spezialzucht.

Star der Szene

Die Welt der Aquaristik ist tiefgründiger als der Laie so denkt. Sie hat ihre eigenen Accessoires in ihren speziellen Shops, sie kennt ihre eigenen Herausforderungen und verehrt ganz offensichtlich ihre eigenen Stars. Oliver Knott aus Karlsruhe ist einer von ihnen. Wie bekannt er ist? Selber möchte er darauf lieber keine Antwort geben. Ein Fan übernimmt das: „Knott ist Gott“, sagt er und zwinkert verschwörerisch. Ganz ernst gemeint ist das natürlich nicht, aber dann doch wieder irgendwie. Die Jünger der Aquascaper-Szene jedenfalls feiern Oliver Knott als Guru und erkennen seine Handschrift auch im trübsten Becken. Zu Hunderttausenden klicken sie seine Erklär-Videos auf YouTube, schauen auf seinem Instagram-Konto vorbei, befragen ihn oder kommentieren seine Beiträge via Facebook.

Handschuhe und Pinzette: Der Aquascaper geht wie ein Chirurg ans Werk. Foto: Knott

Der Unterwasser-Gärtner

Auf dem Trockenen ist Oliver einfach nur Oliver. Oliver aus Karlsruhe-Knielingen. Ein netter Typ. Eher ein stilles Wasser. Der macht irgendwas mit Fischen, würden die Nachbarn seiner Firma in Straubenhardt-Feldrennach vielleicht sagen. Nur was genau? „Aquascaping“, sagt Knott. Aqua wie Wasser und Scaping wie: etwas formen. In diesem Fall Landschaften. Im Grunde ist Oliver Knott nichts anderes als ein Gärtner. Ein Unterwasser-Gärtner eben.

Aquascape oliver knott

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Zwei Millionen Aquarianer

So was braucht man? Immerhin – zwei Millionen aller Haushalte in Deutschland besitzen ein Aquarium. Zusammen mit denen, die Gartenteiche mit Kois anlegen oder Terrarien für ihre Echsen oder Schlangen heimelig einrichten möchten, kommt am Ende ein recht großer potenzieller Kundenkreis zusammen. Wer schon einmal ein Aquarium angelegt hat, der weiß, dass es ohne die Expertise von Fachmännern oder den Austausch mit erfahrenen Aquarianern gar nicht geht.
Eine Unterwasserwelt dauerhaft schön und überhaupt am Leben zu erhalten, ist nicht einfach und mindestens so aufwendig wie die Pflege eines echten Gartens. „Im Becken muss immer ein Gleichgewicht herrschen, sonst geht es schief“, erklärt Oliver Knott. Stickstoff in Form von Nitrat lässt die Pflanzen wachsen, zu viel davon schadet den Fischen. Also muss es darum gehen, die ideale Mischung für diesen oder jenen gewünschten Effekt zu finden.

30 Jahre Erfahrung

Als Oliver Knott vor 30 Jahren seine ersten Schritte in der Szene machte, hat auch er sein Lehrgeld bezahlt. „Ich hatte mir von meinem Taschengeld diesen tollen, weißen Krallenfrosch zugelegt und viel zu spät bemerkt, dass er alle meine Fische auffrisst“, erinnert er sich schmunzelnd.
Die Welt hinter Glas jedenfalls faszinierte ihn schon früh. Mit 16 begann Knott eine Lehre als Zoofachverkäufer in der entsprechenden Abteilung eines großen Karlsruher Baumarktes. Als er ein paar Jahre später in ein Zoofachgeschäft wechselt, hatte er sich längst auf die Anlage und Pflege von Aquarien spezialisiert. Sein Können, sein Wissen und seine Erfahrung waren derart gefragt, dass sich Knott bald selbstständig machte. „Das war auch die Zeit, in der die sozialen Medien begannen, groß zu werden“, erinert er sich. Knott begann als einer der Ersten damit, seine Erfahrungen auf Facebook zu teilen, und die Fangemeinde, die bis dato nur recht begrenzte Möglichkeiten zum Austausch hatte, wuchs schnell. Schließlich fragten auch Museen und Zoos an, ob er die Gestaltung einzelner Becken übernehmen könne.
Knotts Auge für die Details und sein Sinn für Ästhetik sind seine Markenzeichen. Ein Stein in ein Aquarium gelegt, kann einfach nur ein Stein sein. Oder er kann zu dem werden, was die Unterwasserlandschaft später ausmachen wird. Als ihr Blickfang im Vordergrund oder als der Punkt im Hintergrund, in dem sich sich – wie in einem gut komponierten Gemälde oder Foto – die Sichtachsen kreuzen.

Landschaffen erschaffen

Oliver Knotts Anspruch ist es, Landschaften zu erschaffen, die den Betrachter in eine neue Welt unter Wasser entführen. Die Gärten, die er kreiert, gedeihen auf überschaubarem Raum, und auch wenn mitunter Aufträge für riesige Fischtanks darunter sind – hinter ihrer dicken Schicht aus Glas sind sie allesamt Miniaturen. Abbilder einer Natur, die es in Wahrheit nicht gibt und die man ohne Tauchanzug und Sauerstoffflasche ohnehin nie zu Gesicht bekommt. Bemooste Steine und bewachsene Hölzer kann der Unterwassergärtner aussehen lassen, wie ein versunkenes Stück Schwarzwald oder den Ausriss einer Landschaft am Südchinesischen Meer. In Aquascaper-Kreisen legendär sind die Becken des Japaners Takashi Amano. Die Gartenkunst seiner Heimat hat der inzwischen verstorbene Gartenkünstler in seine eigene Unterwasser-Sprache übersetzt. Schwimmende Steingärten und geisterhaft in einem Tank schwebende Inseln strahlen eine fast magische Atmosphäre aus.

Schüler eines großen Meisters

Oliver Knott hat den Großmeister in Japan besucht und bei ihm lernen dürfen. Den Namen seines Gurus hat er sich auf den Hals tätowieren lassen.
Die meditative Ausstrahlung der Gärten und die Stille der Welt unter Wasser – eigentlich steht sie im krassen Gegenteil zu Knotts Alltag. Der besteht im Wesentlichen daraus, Ideen und Inspirationen für seine neue Kreationen zu sammeln. Das Handy ist sein ständger Begleiter. Er fotografiert, notiert, durchforstet das Netz nach neuen Ideen und bleibt im Kontakt mit seinen Kunden. Richtig ruhig und fast kontemplativ wirkt er nur, wenn er die Gummihandschuhe überstreift und zur Pinzette greift. Kleinste Pflanzenzöglinge löst er dann behutsam aus dem Becher oder einem Karton und setzt sie mit fast liebevoller Sorgfalt ins Becken. Wenn er das nicht gerade auf einer Showbühne tut, dann sind das die Momente, in denen er ganz in sich ruht. Reden ist ohnehin nicht wirklich sein Ding. Einer muss in dem ganzen Trubel ja mal stumm sein.