Selbst ist die Bikerin, hier eine Teilnehmerin der Hamburger Harley Days. | Foto: Axel Heimken/dpa

„Motorbiene“ ist Geschichte

So gelingt Frauen der Motorradstart

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„Ooh hoooh! Motorbiene!“, tönte es in einem Halbstarken-Schlager der 1960er Jahre: „Am Sonntag fahr ich mit dir zum Rummelplatz, du nimmst wieder auf dem Sozius Platz.“ Jahrzehntelang degradierten solche Klischees Frauen oftmals zum schmückenden, auf Kalendern zuweilen leicht bekleidetem Beiwerk beinharter Biker oder jugendlicher Moped-Brauser. Und wie ist das heute? Nach Angaben des Kraftfahrtbundesamts wurden im Jahr 2018 in Deutschland rund 125 000 Zweiräder neu zugelassen, davon etwa jedes siebte auf eine Frau – Tendenz steigend. Wo aber finden Frauen Informationen und Inspiration zum Thema Motorradfahren? Wo werden weibliche Bedürfnisse nicht belächelt, sondern ernst genommen?„Ich halte Women on Wheels für einen guten ersten Anlaufpunkt“, sagt Sophie Leistner. Der eingetragene Verein veranstalte in ganz Deutschland Stammtische, sagt die Redakteurin der Zeitschrift „Motorrad News“. Zudem biete die Webseite „Fembike“ Reiseberichte, Produkttests und weitere Themen und Informationen rund ums Thema Frau und Motorrad. Rainer Gurke verweist auf weitere Institutionen als Informationsquellen: Über Automobilclubs, das Institut für angewandte Verkehrspädagogik (AVP) sowie das Institut für Zweiradsicherheit (ifz) lassen sich Informationen und Broschüren anfordern, so der Motorrad-Trainer des Auto Club Europa.

Frau und Motorrad müssen zueinander passen

Geht es um die Wahl des Motorrads, rät Gurke Anfängerinnen vor allem auf das Gewicht der Maschine zu achten. „Ich muss in der Lage sein, das Motorrad körperlich zu bewegen. Das fängt mit simplen Dingen an, wie dem Aufbocken auf den Hauptständer oder dem Rangieren aus der Garage.“ Zudem solle man das Bike nach der eigenen Körpergröße aussuchen: „Es vermittelt deutlich mehr Sicherheit, wenn beide Füße gleichzeitig einen festen Stand haben.“

„Unbedingt Probe fahren“, rät Anja Pannek, die für Organisation und Moderation beim Verein Bikergirls Bergisch Land zuständig ist. Sie nennt als typische Frauenmaschine etwa die Harley-Davidson 883 Sportster. Mit der habe sie selbst vor einigen Jahren angefangen, heute fahre sie eine V-Rod Muscle, ebenfalls von der US-Kultmarke. „Die ist etwa 100 Kilogramm schwerer als die Sporty und ein echtes Männermotorrad“, so Pannek. „Wäre ich aber nur 1,60 Meter groß und würde nur 50 Kilogramm wiegen, wäre ich damit wohl überfordert“.

300er und 400er besonders gefragt

Auch Leistner empfiehlt, bei der Auswahl die eigene Statur zu berücksichtigen: „Die Statistik belegt, dass die Frauen ein eher leichtes Motorrad aus der Mittelklasse mit niedriger Sitzhöhe bevorzugen, etwa eine Suzuki SV 650, eine Honda CB 500 F oder eine W800, das Retro-Modell von Kawasaki“. Zudem finde die relativ neue Klasse der 300er und 400er Bikes, etwa die Kawasaki Z400, bei Frauen großen Anklang.

Leistner und Pannek verweisen aber auch darauf, dass das etwaige Wunsch-Motorrad nicht außen vor bleiben muss, wenn die Sitzhöhe auf den ersten Blick nicht zu passen scheint. „Fachwerkstätten können die meisten Motorräder an die Körpergröße anpassen, indem man zum Beispiel Änderungen an der Polsterung vornimmt“, sagt Leistner. Zubehörhersteller böten abgepolsterte Sitzbänke ebenso an wie zum Beispiel eine Hecktieferlegung. „Das macht vielleicht nur zwei, drei Zentimeter aus, die aber können entscheidend sein für ein sicheres Handling.“

Selbstironie:  Tuch mit aufgemaltem Kussmund.   Archivfoto: Rumpenhorst

Lederkombi schützt am besten

„Bei der Motorradbekleidung für Frauen hat sich in den vergangenen 20 Jahren sehr viel getan“, sagt Leistner. „Manche Mädels haben früher lieber auf Schutzkleidung verzichtet, als auf Herrengrößen zurückzugreifen, die wie ein Sack an einem gehangen haben“. Erst allmählich habe die Industrie die Fahrerinnen als Klientel entdeckt. Heute aber gebe es für Frauen in Form und Farbe schicke Kleidung mit körperbetontem Schnitt, die bei Sicherheit und Komfort, etwa bei der Klimatisierung, keine Kompromisse eingehe. Beim Material setzt Pannek vor allem auf Leder, das noch immer am besten schütze, wenn es doch einmal zu einem Sturz kommt. Schon Schritttempo reiche für sehr schmerzhafte Schürfverletzungen. Wer es etwas ziviler möchte, dem empfiehlt Pannek Jeans aus Kevlar, ein Material, das ebenfalls recht gut vor Abschürfungen schütze. Aber egal ob Leder oder Kevlar: „Protektoren für Ellbogen, Schulter, Knie und Rücken gehören unbedingt zur Sicherheitsausstattung.“

Getrennt trainieren, vereint fahren?

„Einige Anbieter haben sich auf Fahrtrainings spezialisiert, die auf die Bedürfnisse von Frauen ausgerichtet sind“, sagt Leistner. „In einer gemischten Gruppe, in denen die Jungs gerne den Macker raushängen lassen, trauen sich Frauen oftmals nicht, wichtige Fragen zu stellen, etwa wie man ein Motorrad, das umgekippt ist, wieder auf die Räder bekommt.“

Trockenübung: Kurvenlage lässt sich auch im Stand trainieren.    Archivfoto: Bockwoldt/dpa

Rainer Gurke bedauert zwar, dass manche Männer motorradfahrende Frauen noch immer belächeln, ist aber nicht überzeugt von der Notwendigkeit reiner Frauentrainings, wie sie zum Beispiel die Bikergirls Bergisch Land anbieten. „Ich glaube vielmehr, dass gerade der Dialog im Trainingsalltag Frau wie Mann durchaus bereichern kann – wobei dafür erforderlich ist, dass der motorradfahrende Mann die motorradfahrende Frau wirklich akzeptiert.“

Gute Atmosphäre im Motorradclub

Akzeptanzmangel als Frau mit Maschine hat auch Pannek schon erlebt. „In einem Biker-Café hat uns ein Mann geraten, dass wir uns besser um die Bügelwäsche kümmern sollten“, erinnert sich die Hebamme. Ein derartiges Erlebnis sei aber die Ausnahme. Tatsächlich bekomme man positives Feedback gerade auch von Männern und werde auch von männlich dominierten Motorradclubs unterstützt.

Auch Leistner sieht ein gutes Miteinander. Zwar seien die typischen Feierabendfahrer, die sich nach der Arbeit in den Sattel schwingen, meist Männer. Am Wochenende sehe das aber anders aus: „Von den Bikern, die sich dann an den großen Treffpunkten einfinden, sind etwa ein Viertel oder gar ein Drittel Mädels“, so die Vielfahrerin. „Und ob jede tatsächlich selbst fährt, oder die eine oder andere nur als Sozia dabei ist, tut der guten Atmosphäre keinen Abbruch“.    Andreas Kötter