Szene des Karl-May-Films "Im Tal des Todes" mit Piere Brice und Lex Barker.
Blutsbrüder unter sich: Pierre Brice (links) als Apachen-Häuptling Winnetou und Lex Barker als Old Shatterhand in einer Szene des Karl-May-Films "Im Tal des Todes" | Foto: dpa

Der Held aus Kindertagen

Literarischer Dauerbrenner: die Winnetou-Trilogie

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Vor 125 Jahren stellte Karl May seine Winnetou-Trilogie fertig. Noch immer gehört der Blutsbruder von Old Shatterhand zu den Lieblingsrothäupten der Deutschen. Von Winnetou I wurden vier Millionen Bücher verkauft, Band II und III folgen in gebührendem Abstand.Zu seinem Ruhm haben aber eher die Filme beigetragen, denn in Karl Mays Büchern ist der schöne Apachenhäuptling weit weniger sanftmütig als in den Büchern. 

Winnetou: in Buch und Film

Als der edelste aller Indianer vor über 50 Jahren melodramatisch auf der großen Kinoleinwand starb, heulte die junge Badenerin Rotz und Wasser. Der Held ihrer Kindheit, Schwarm ihres Herzens, Retter aller Entrechteten und Unterdrückten – einfach tot? Gemeuchelt vom abgrundtiefen Bösewicht Rollins! Heimgeholt vom Großen Geist Manitu?

Das konnte, ja durfte nicht sein. Der theatralische Abgang von Winnetou inmitten des kroatischen Karstgebirges, die sentimental-schmalzige Schlussszene mit Kanus auf dem Silbersee, dem treuen Rappen Iltschi, dem Klang der Glocken von Santa Fe und seinen, in der dritten Person geflüsterten letzten Worten: Das war einfach zu viel.

„Erfunden“ am Schreibtisch in Radebeul

Im plüschigen Kinosessel hatte der Teenie die stolze Gestalt mit dem glänzenden schwarzen Haar auf ihren Abenteuern begleitet. Sie hatte den Beginn einer wunderbaren Blutsbrüder-Freundschaft erlebt und mitgefiebert, als der Auserwählte seiner Ribanna tief in die Augen blickte. Letztendlich war sie doch froh , dass Winnetou das Engelsgesicht, „schön, wie die Morgenröte, und lieblich wie die Rose des Gebirges“ ziehen ließ.

Als sich die erwachsen gewordene Getreue Jahre später in der DDR mit Karl May-Werken eindeckte – was sonst hätte man mit dem Zwangsumtausch auch anstellen sollen –, stellte sie fest, dass der sächsische Vielschreiber seine berühmteste Schöpfung Winnetou keineswegs als androgyne Christusfigur der Neuen Welt entworfen hatte. Der Apachenhäuptling war eher blutrünstig; er  skalpierte seine Feinde, betrachtete die Freundschaft mit Bleichgesichtern als Kampfgemeinschaft und rechtfertigte das Etikett des „Wilden“.

Karl-May-Museum in Radebeul
Im Karl-May-Museum in Radebeul bei Dresden stehen sie – die Originalbücher in der Bibliothek des Schriftstellers Karl May. | Foto: dpa

Winnetou: Objekt der Wissenschaft

Angesichts von Batman, Wolverine und all den anderen Superhelden mit übermenschlichen Kräften sind Winnetou, Kara Ben Nemsi und Old Shatterhand als Idole der Jugend aus der Mode gekommen. Sie sind allenfalls wehmütige Erinnerung nostalgisch veranlagter Erwachsener der Altersstufe 60 plus. Doch der edelste aller Indianer, der eifrigste aller muslimischen Pilger, der treffsichere Westmann – sie alle sind Wiedergänger, deren Abenteuer Stoff für jedwede Form der Auseinandersetzung liefern.

Ein türkischer Karl May

Schon lange beschäftigen sich die unterschiedlichsten Wissenschaftler – von Medizinern bis hin zu Geografen – mit dem Werk des schreibenden Tausendsassas Karl May, der den polyglotten Gelehrten mit (erfundenem) Doktortitel mimte und sich reichlich dreist bei Sachprosa, Heimatgeschichten und Wild-West-Romanen bediente. Bei Forschungssymposien werden zuweilen skurrile Details aufgedeckt: So gab es beispielsweise einen türkischen Karl May namens Ahmet Mithat, der – wie sein Radebeuler Kollege – das Material für seine Bücher am Schreibtisch zusammentrug. Masterarbeiten befassen sich mit der „Metamorphose des indigenen Helden“ Winnetou.

Das Original-Kostüm aus dem Film "Winnetous Rückkehr".
Dieses Kostüm trug der Apachenhäuptling im Film „Winnetous Rückkehr“.

Erfolg an der Ladenkasse

Auf dem Buchmarkt verteidigt der literarische Hochstapler May seinen Titel als der mit Abstand meistgelesene Schriftsteller deutscher Sprache. Mehr als 200 Millionen Bände wurden bislang verkauft.  In 42 Sprachen ist sein Werk erhältlich. Erst 2009 kam eine weitere dazu. Damals wurde seine Erzählung „Durch das Land der Skipetaren“ ins Albanische übersetzt.

Briefmarke mit Winnetou-Porträt

Dass der samtäugige Apachenhäuptling im May’schen Kosmos einen besonderen Rang einnimmt, zeigt schon folgendes Indiz. Als dem Radebeuler Autor 1987 aus Anlass seines 75. Todestages eine Briefmarke gewidmet wurde, war darauf nicht etwa Karl May zu sehen, sondern ein Winnetou-Porträt. Die Bad Segeberger Karl-May-Festspiele, die bei vielen Zuschauern wegen der überragenden Präsenz der Hauptfigur mittlerweile Winnetou-Spiele heißen, fahren einen Besucherrekord nach dem nächsten ein: In diesem Jahr kamen fast 400 000.

Karl May-Festspiele in Bad Segeberg.
Fast 400 000 Besucher kamen in dieser Saison zu den Bad Segeberger Karl May-Festspielen. | Foto: dpa

Winnetous Erben

Auf der heimischen Flimmerkiste ist der fiktive Apache ebenfalls eine feste Größe. So werden die eingangs erwähnter Streifen von Produzent Horst Wendlandt vornehmlich an Feiertagen gezeigt. Doch bei den alten Schinken bleibt es nicht. Wer erinnert sich nicht an sexy Uschi? An den fiesen Schurken Santa Maria und an Abahachis tuntigen Zwillingsbruder Winnetouch? Die Protagonischten machten den „Schuh des Manitu“ 2001 zum „Blockbuster des Jahres“. Zwölf Millionen Deutsche wollten die absolut sinnfreie Nummernrevue sehen, die mit einem Umsatz von 65 Millionen Euro an den Kinokassen einer der erfolgreichsten deutschen Filme nach dem Zweiten Weltkrieg war.

„Schuh des Manitu“ 2001 zum „Blockbuster des Jahres“
Der „Schuh des Manitu“ war 2001 „Blockbuster des Jahres“ . | Foto: dpa

RTL-Dreiteiler floppte

Andere Versuche, die Klassiker aus den 60er Jahren baugleich, aber mit anderer Besetzung zu beleben, waren weniger erfolgreich. Der aufwendige RTL-Dreiteiler „Winnetou“ zum Weihnachtsfest 2016 mit Wotan Wilke Möhring und Nik Xhelilaj in den Hauptrollen floppte bärenmäßig: „Keine Action, keine Komik, keine Selbstironie … halt schlecht gemacht. Selbst die Kinder sagen, das Original ist besser“, schrieb ein Zuschauer auf Facebook.

Biederer Old Shatterhand

Der Hauptgrund für die miese Quote lag daran, dass die Neuverfilmung einer über Jahrzehnte bekannten Filmgeschichte schlichtweg für keine Spannung sorgt. Schließlich kennt so ziemlich jeder die Abenteurer aus dem Apachenland, die noblen Gestalten aus der Feder des Winnetou-Erfinders. Aus altbekannten Zutaten, mit einem ziemlich biederen Old Shatterhand, der sich nach häuslicher Idylle sehnt, lässt sich eben keine Geschichte mit dramaturgischem Spannungsbogen stricken. Und das Genre Western kann ohnehin kaum mehr Begeisterung auslösen.

Wotan Wilke Möhring (links) als Old Shatterhand und Nik Xhelilaj als Winnetou bei den RTL- Winnetou-Filmen.
Die Schauspieler Wotan Wilke Möhring (links) als Old Shatterhand und Nik Xhelilaj als Winnetou spielten die Hauptrolle in den  «Winnetou»-Filmen auf RTL. | Foto: dpa

„Sauerkraut-Western“

In den 60er Jahren sorgten die „Sauerkraut-Western“ – so Surehand-Darsteller Stewart Granger ziemlich abschätzig – für restlos ausverkaufte Kinosäle. Die „Bravo“, Leib- und Magenblatt der pubertierenden Heranwachsenden, machte aus Karl Mays wichtigster Romanfigur kurzerhand einen Popstar. Es gab Darsteller Pierre Brice als Starschnitt. Leserbriefaktionen wurden organisiert.  Die Entdeckung von Horst Wendlandt musste ziemlich peinliche Schmachtfetzen wie „Ich steh’ allein Ribanna“ oder „Winnetou, du warst mein Freund“ trällern .

„Otto“-der Indianer

Die Verbindung zwischen der Lieblingslektüre der Jugend und dem schönen jungen Apachenhäuptling war so eng, dass der Ehrenpreis der „Bravo“, der Otto, als Indianer gestaltet wurde. Und keiner bekam so viele goldene wie Pierre Brice. Nur einem bekam der Personenkult um die edle Rothaut mit dem pseudo-heiligen Charakter schlecht: Der italienische Schauspieler Rik Battaglia, der den Bösewicht Rollins mimte und Winnetou ins Jenseits beförderte, bekam keinen Fuß mehr auf den Boden.

die Winnetou-Trilogie von Karls-May
Der grüne Einband, das bunte Deckelbild und die goldenen Arabesken sind typisch für die Winnetou-Trilogie. | Foto: dpa

Karl Mays Werke

Dass der stolze Besitzer der „Silberbüchse“ überhaupt zum Frauenliebling mutierte, verdankt er den Verfilmungen, nicht etwa den Büchern. Denn Karl Mays Beschreibung des „Wilden“ in Band I liest sich keineswegs wie die Biografie eines strahlenden Helden: ein Mann um die fünfzig, von nicht allzu hoher Gestalt, von ungewöhnlich kräftigem und gedrungenem Bau sowie einer breiten Brust. Nicht gerade der Traum junger Mädchen. In den späteren Erzählungen des Hochstaplers und Fantasten May wird sein Protagonist nicht nur zu einem jüngeren, sondern auch zu einem friedlicher gestimmten Menschen;  der fällt nur noch gelegentlich in alte Verhaltensweisen zurück. Winnetou als Krieger aller roten Nationen, als Rächer in einem Verzweiflungskampf: Das passt so gar nicht zu dem milde und friedlich gestimmten Film-Winnetou.

Winnetou hat viele Fans

Mays Werke, die drei oder noch mehr Generationen dazu verführten, freiwillig ein Buch in die Hand zu nehmen, hatten viele Fans. Albert Einstein liebte die frei erfundenen Geschichten, ebenso wie Kaiser Wilhelm II., Franz Kafka, der Regisseur Fritz Lang und Hermann Hesse. Der Bühnenautor Carl Zuckmayer taufte seine Tochter nach dem Apachen-Häuptling. Noch in den 80er Jahren stand im Pass von etwa 100 Deutschen der Vorname Winnetou. Als Lektüre ist die „Winnetou“- Trilogie aus der Mode gekommen, doch der Karl-May-Verlag verkauft Jahr für Jahr 100 000 Bände vom „Phönix an Verkitschtheit“, wie Schriftsteller Arno Schmidt den von ihm bewunderten Erzähler bezeichnet.

Büste des Romanhelden Winnetou im Karl May-Museum in Radebeul.
Die Büste des  Apachenhäuptlings Winnetou steht im Karl-May-Museum in Radebeul. | Foto: dpa

Winnetou darf nicht sterben

Die alten Schinken mit dem charakteristischen grünen Einband, dem bunten Deckelbild und den goldenen Arabesken stehen übrigens noch immer im Bücherregal der Badenerin. Es könnte ja sein, dass der (noch ungeborene) Enkel eines Tages mehr über Spurenlesen im Gras, Anschleichen durchs Unterholz oder Losschneiden von Marterpfahl erfahren möchte. Und wenn Old Shatterhand das Ave Maria anstimmt, weil sein bester Kumpel im Sterben liegt, heult die Oma Rotz und Wasser – wie Tausende andere auf Pilgerfahrt in Bad Segeberg. Denn Winnetou, der Held ihrer Kindheit, stirbt nie.

Literaturtipp

 

Helmut Schmiedt, Professor für Germanistik an der Universität Koblenz-Landau, gilt als einer der besten Kenner von Leben und Werk Karl Mays. 125 Jahre nach der Veröffentlichung des dreibändigen „Winnetou“-Romans geht er der Frage nach, wodurch sich diese erfolgreichen Bücher auszeichnen und warum die Titelfigur zum Mythos wurde.

Helmut Schmiedt: Die Winnetou-Trilogie, Karl-May-Verlag, ISBN 978-3-7802-0563-6, 25 Euro.

 

Ebenfalls neu erschienen: das Buch „… und über Nacht war ich Winnetou“ in der Pierre-Brice-Edition. Hella Brice veröffentlich darin privates Fotomaterial des Winnetou-Schauspielers, entstanden am Rande der Dreharbeiten zu den Winnetou-Filmen. Ergänzt werden diese Aufnahmen durch persönliche Briefe, Postkarten, Verträge und Vereinbarungen.

Hella Brice: …und über Nacht war ich Winnetou, Karl-May-Verlag, ISBN 978-3-7802-3101-7, 39 Euro.