Pinguine auf Falkland im Südatlantik.
Königliche Erscheinung: Gut 500 000 Pinguine leben auf den Falklandinseln, darunter auch zahlreiche Königspinguin-Paare. | Foto: wit

England im Südatlantik

Audienz bei Falklands Pinguinen

Die Begeisterung der Fremden für die urtümliche spröde Natur hat Erics Zunge gelockert. Freimütig erzählt er über seine Träume, seine Wünsche für die Heimat. Hinter das Lenkrad seines betagten, aber zuverlässigen Landrovers zu klettern, die Heimkehr der Enkelkinder zu erleben, die zur Ausbildung ins Mutterland England mussten – für einen Insulaner wie Eric kann es nichts Schöneres geben. Für kein Geld der Welt würde er Falkland, dieser wilden, windumtosten Ecke im Südatlantik, den Rücken zukehren. Ja, einen hochseetüchtigen Hafen könne Stanley gut gebrauchen, weil noch zu viele Kreuzfahrtschiffe unverrichteter Dinge an dem abgelegenen Archipel vorbeischippern müssen.

Schild an der Hafeneinfahrt in Stanley auf den Falklands im Südatlantik.
England im Südatlantik: Die Falklands fühlen sich Großbritannien eng verbunden. | Foto: wit

Das Trauma des Falklandkrieges

Und irgendwann werden hoffentlich auch die letzten Relikte des aberwitzigen Falklandkrieges beseitigt sein: Abertausende von Minen, die die Argentinier in den 80er-Jahren gelegt haben. Ob der joviale Insulaner von den Falklands jemals seinen Frieden mit dem nächsten Nachbarn machen wird? „No“ kommt es ohne Zögern aus seinem Mund, und die Wut, die Verachtung in seiner Stimme sind nicht zu überhören. Wer erlebt, wie friedlich Königs-, Magellan- und Eselspinguine auf dem abgelegenen Archipel nebeneinander leben, wie einig sie sich gegen Bedrohungen von außen stellen, dem kommt ein irrwitziger Gedanke. Vielleicht sollten sich Argentinier und Briten, ja die ganze Menschheit ein Beispiel an den watschelnden Frackträgern nehmen.

die Hauptstadt Stanley der Falklandinseln im Südatlantik
Very British: Stanley, die Hauptstadt der Falklands, sieht aus wie eine englische Kleinstadt. | Foto: wit

Auf Falkland fährt man links

Die Wunden sitzen tief. „Nicht einen Penny bekommen die von mir“, entfährt es Caroline, die mit ihrem blonden Kurzhaarschnitt und der geblümten Bluse wie die Verkörperung einer britischen Landlady aussieht. Die – das sind die Nachbarn im Westen, die Invasoren, die vor über 30 Jahren in einer Nacht-und Nebelaktion die Falkland-Inseln überfielen, weil die Regierenden in Buenos Aires angesichts miserabler Wirtschaftsdaten zumindest einen außenpolitischen Erfolg vorweisen wollten. Was hätte da besser gepasst als die Heimkehr der Islas Malvinas, auf die das südamerikanische Land seit 1833 Anspruch erhebt. Der Ausgang dieses kriegerischen Abenteuers ist bekannt. Keine drei Monate später war das argentinische Intermezzo beendet, Argentiniens Soldaten zogen mit Schimpf und Schande ab, und die 2 500 Falkländer durften endlich wieder auf der richtigen Straßenseite fahren: nämlich links.

Denkmal in Stanley auf den Falklandinseln.
Vor diesem Haus steht das Denkmal, das an den gewonnenen Krieg gegen Argentinien im Jahr 1982 erinnert. | Foto: wit

Obelisk erinnert an den Falklandkrieg

Die Insulaner, die ihr kleines Universum mit einer halben Million Schafe teilen, sind der Eisernen Lady Margaret Thatcher noch heute dankbar, dass sie tatsächlich Truppen um den halben Globus schickte, um britisches Hoheitsgebiet 500 Kilometer vor Feuerlands Küste zurückzuerobern. Alljährlich, am Tag der Kapitulation der argentinischen Truppen, wird ein Obelisk aus hellem Granit mit frischen Blumen geschmückt, ebenso wie die halbrunde Sandsteinmauer am Thatcher Drive. Dort wurden die Namen der 255 getöteten britischen Soldaten und der drei zivilen Opfer eingraviert, die durch eine argentinische Granate ums Leben kamen. Keine Frage, dass Caroline beim Referendum vor einigen Jahren für den Verbleib bei Großbritannien gestimmt hat. Falls sie tatsächlich mal ins regnerische England möchte, bleibt ja noch der Flug über Chile, das traditionell gute Verbindungen zum United Kingdom pflegt. Der kürzere Flug über Argentinien käme ihr nicht einmal im Traum in den Sinn.

Luftbild der Falklandinseln.
Die Falkländer teilen sich ihr kleines Universum mit einer halben Million Schafe. | Foto: wit

Unberührte Natur

Wer in der 2 000-Seelen-Hauptstadt Stanley an Land geht, kommt nicht wegen der unsagbar weichen Wolle, für die die Falkland-Inseln bekannt sind; auch nicht wegen der bunten Briefmarken und der eigenen Münzen. Es ist die unberührte Natur des kargen Archipels zwischen Argentinien und der Antarktis, die sich trotz oder gerade wegen ihres rauen Zaubers unweigerlich einprägt. Auf den beiden Hauptinseln und den paar hundert weiteren hügeligen Eilanden und Felsen müssen Bäume wahre Überlebenskünstler sein. Büsche und Sträucher ducken sich weg vor dem ewig pfeifenden Wind, der gelegentlich selbst gestandene Kreuzfahrtkapitäne kapitulieren lässt. „Einmal musste ein Schiff vorzeitig die Anker lichten und die Passagiere auf Landausflug zurücklassen. Die Böen waren einfach zu stark“ erzählt Eric Goss, dessen Vorfahren 1842 auf die Falkland-Inseln kamen und der sein ganzes Laben hier gelebt hat. Die Bewohner fackelten nicht lange und verteilten die über 1 000 Kreuzfahrtpassagiere kurzerhand über die ganze Stadt. Neun „Gestrandete“ landeten bei Eric und konnten erst am nächsten Tag, nachdem sich das wütende Meer wieder beruhigt hatte, auf ihr schwimmendes Hotel zurückkehren.

rote Telefonzellen in Stanley, der Hauptstadt der Falklands.
Nicht mal die typischen roten Telefonzellen fehlen auf den Falklandinseln. | Foto: wit

Weit weg vom Mutterland

Wenn Tausend Tagesbesucher wie ein Tsunami über Stanley hereinbrechen, sind Eric und sein Landrover gefragt. Die Sehenswürdigkeiten des niedlichen Nestes sind schnell abgehakt: die roten Telefonkabinen, die bunten Reihenhäuschen Marke englisches Landidyll, der Friedhof mit den weißen Steinkreuzen würden auch in eine typisch englische Kleinstadt passen. Nur der Walknochen vor der Christ Church Kathedrale und Falklands einzige Zeitung, die auf den hübschen Namen Penguin News hört, belegen, dass die Untertanen der Queen ganz weit weg vom Mutterland sind.

Die meisten der gut 60 000 Kreuzfahrtgäste im Jahr kommen wegen der schwarz-weißen Frackträger, die direkt vom Wiener Opernball zu kommen scheinen. 500 000 Pinguine leben in der weitläufigen Inselwelt der Falklands, darunter die rund 90 Zentimeter hohen Königspinguine mit ihrem langen schmalen Schnabel und dem orangefarbenen Fleck am Hals. Die tierischen Besucher, die äußerst sozial sind, sind ein lohnendes Geschäft für die Einheimischen. In den unzähligen Souvenirgeschäften werden Plüsch-und Plastikpinguine feilgeboten; der flugunfähige Vogel schmückt T-Shirts und Briefmarken und erfreut in Silber gegossen das Herz einer jeden Schmuckelster. An der kleinen Mole stehen Dutzende von Allradfahrzeugen, die nur darauf warten pinguinhungrige Amerikaner, Japaner und Deutsche zum Volunteer Point, nach Gipsy Cove oder zur Bluff Cove-Lagune kutschieren zu dürfen – allesamt Traumstrände, die in der Karibik von Tausenden Sonnenhungrigen belagert wären und die hier einzig und allein als Laufsteg von Königspinguinen und Co dienen.

Glücklicherweise hat es in den vergangenen Tagen nicht geregnet. Die Fahrt über spärlich bewachsene Torflandschaften, vorbei an unwirtlichen Geröllfeldern ist auch so schon eine Herausforderung für menschliche Bandscheiben. Erics Passagiere hüpfen wie Ping-Pong-Bälle auf und ab, während er seinen motorisierten Kumpel kreuz und quer durch die zerfurchte Einöde steuert. Doch keiner jammert angesichts der holprigen Schotterpisten, schließlich gibt es Königspinguine sonst nur in der Antarktis zu bewundern.

Am makellos weißen Strand von Bluff Cove, wo Hattie und Kevin Kilmartin ihre Schaffarm betreiben, wächst die Kolonie der stolzen Vögel Jahr für Jahr.

Am Anfang war es nur ein paar wenige Königspinguin-Paare, doch jetzt sind es schon ein paar Dutzend, die sich zwischen Magellan- und Eselspinguinen einen Platz zum Brüten suchen

erzählt Ranger John, der darauf achtet, dass die zweibeinigen Eindringlinge den knuddeligen Kerlchen nicht zu sehr auf die Pelle rücken. Tollpatschig watscheln die Objekte der Begierde über den Strand, legen bäuchlings Rutschpartien hin, tauchen elegant im Wasser ab. Braune Jungvögel, so flauschig wie Küken, tapsen ungeschickt zwischen den großen umher. Die dösen seelenruhig vor sich hin, füttern den unersättlichen Nachwuchs oder putzen sich ausgiebig das Fell. Nach einer Stunde ist die Audienz bei Königs auch schon wieder vorbei. Immerhin reicht die Zeit noch für einen schnellen Kaffee und selbst gebackene Scones im kleinen Farmcafé, bevor Eric zur ebenso holprigen Rückfahrt bittet.

Häuser in Stanley, der Hauptstadt der Falkland-Inseln
Stanley ist die einzige größere Siedlung auf den Falklands. | Foto: wit

…und abends geht es ins Pub

Die abgelegene Lage: Sie hat die Falkland-Inseln bisher vor dem Ansturm von Touristen geschützt. Für Liebhaber der antarktischen Vogelwelt sind die Brutkolonien von Albatrossen, Kormoranen und Pinguinen ein Paradies – nur hin kommt man eben schlecht. „Wir haben zwar einen Luftwaffenstützpunkt der Royal Air Force, doch in der Regel fliegen wir über das chilenische Punta Arenas. Sie wollen nicht wissen, was die Flüge nach England kosten“, erzählt Eric, der vor seiner Pensionierung wie viele Falkländer in Staatsdienst war. Doch warum sollte der groß gewachsene Kerl überhaupt nach London, Liverpool oder Lester? „Regen haben wir hier auch genug, Wind ohnehin“ witzelt Eric, der abends – wie es sich für einen ordentlichen Briten gehört – ins örtliche Pub abtigert. Very british geht es eben auch im Südatlantik zu.

 

Informationen

Nach Falkland kommen die meisten Touristen während einer Kreuzfahrt Richtung Antarktis. Die Schiffe von Hurtigruten, Hapag Lloyd, Plantours, Holland America Line und etliche andere steuern die Inselgruppe meist für einen Tag an, um die Pinguinkolonien zu besuchen. Allerdings kann die Anladung auch wegen schlechten Wetters ins Wasser fallen.
Wer länger auf den Falkland-Inseln bleiben möchte, was sich aufgrund des Tierreichtums auch lohnt, kommt um viel Vorplanung nicht herum. Die einzige – bezahlbare Anreise – bietet Latam über Santiago de Chile oder Punta Arenas an, und dies auch nur einmal pro Woche. Da es zudem nur sehr wenige Unterkünfte auf der Insel gibt, die in der Hauptsaison von Dezember bis März ausgebucht sind, ist frühzeitige Reservierung Pflicht. Das Preisniveau ist hoch.

Maßgeschneiderte Angebote bietet beispielsweise International Tours & Travel in Port Stanley an. Das Unternehmen organisiert den Flug, Unterkünfte und Ausflüge. Selbst Insel-Hopping nach Pepple Island und Carcass Island ist machbar. Ein weiterer Anbieter auf der Insel ist Falkland Islands Holidays.