mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergman in den Hauptrollen
Liebe ohne Zukunft: Vor 75 Jahren kam "Casablanca" in die Kinos, mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergman in den Hauptrollen | Foto: Warner Bros. / imago

Filmklassiker wird 75

As Time Goes By: Casablanca

 

Vor 75 Jahren kam der Filmklassiker Casablanca in die Kinos, mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergman in den Hauptrollen. Der Kinohit voller Abenteuer, Spionage, Romantik und einee Dreiecksgeschichte war ein typisches Kind seiner Zeit,  ein Produkt Amerikas im Umfeld des Zweiten Weltkriegs. Niemand ahnte, dass dieser Kriegsstreifen die Jahrzehnte überdauern würde. Und selbst wenn man diesen Meilenstein der Kinogeschichte Jahr für Jahr wieder sieht, so wird der oscar-prämierte Streifen niemals zu vertraut.

Der Erfolg hat viele Väter. Und der Zufall ist nicht der unbedeutendste. Womöglich wäre „Casablanca“, diese Mischung aus Melodram und Kriminalfilm, im Orkus der Leinwandstreifen entschwunden, wäre alles laut Drehbuch gelaufen. Eigentlich war Michèle Morgan für die weibliche Hauptrolle auserkoren – doch die Aktrice pokerte zu hoch: die junge Schwedin Ingrid Bergman gab sich mit der Hälfte zufrieden. Komponist Max Steiner wollte das gefühlvolle, melancholische „As Time Goes By“ durch einen anderen Song ersetzen. Doch eine glückliche Fügung wollte es, dass Ingrid Bergman die Szene nicht noch einmal drehen konnte: Sie hatte für ihre nächste Filmrolle die Haare schneiden lassen. Und glücklicherweise verlor das Autorenteam nicht den Überblick, schrieben sie doch Tag für Tag Szenen um. Der Ausgang der Films mit dem tränenreichen Abschied vom Geliebten und dessen Wandlung vom desillusionierten Zyniker zum engagierten Zeitgenossen – beides nahm erst während der siebenmonatigen Dreharbeiten Gestalt an. Der berühmte letzte Satz des Films „Louis, ich glaube, dies ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“ wurde sogar erst nach Ende der Dreharbeiten geschrieben.

Plakat des Filmklassikers "Casablanca"
173 000 Euro brachte ein Plakat des Film-Klassikers „Casablanca“ bei einer Versteigerung  bei Christie’s in London ein. | Foto: dpa

Die komplizierte Dreiecksgeschichte vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Diktatur erlebte am 27. November 1942 ihre New Yorker Premiere. Die Kritiker jubelten:

Casablanca ist großartig. Brillante Regie, grandios fotografiert und eine Ausstattung, wie es sie lange nicht mehr geben wird. Glaube ehrlich, dies ist einer der heißesten Kassenknüller der letzten zwei, drei Saisons

fasste ein Filmexperte seine Einschätzung zusammen. Erst zwei Monate später, am 23. Januar 1943 lief der Filmklassiker auch landesweit an, mit werbewirksamer, wenn auch wohl ungewollter Unterstützung durch die US-Regierung. Nur wenige Tage zuvor war US-Präsident Franklin D. Roosevelt zu einer geheimen Konferenz mit dem britischen Premier Winston Churchill nach Casablanca aufgebrochen, wo die Weichen für die weitere Kriegsstrategie gegen die Achsenmächte Deutschland, Italien und Japan gestellt wurden. Weil bis zum Abschluss des Treffens eine Nachrichtensperre verhängt worden war, fielen Weltgeschehen und Filmstart zeitlich zusammen. Das hat dem Meisterwerk von Regisseur Michael Curtis sicherlich nicht geschadet. Schon während seiner ersten Laufzeit in den Vereinigten Staaten spielte der eine Million Dollar teure Film das Dreifache ein; die beiden Hauptdarsteller Ingrid Bergman und Humphrey Bogart steigerten damit ihren Schauspielruhm.

Filmszene aus "Casablanca" mit Humphrey Bogart und Dooley Wilson
Zündender Titelsong: Für „Casablanca“ musste Dooley Wilson extra das Klavierspielen erlernen. | Foto: Foto: Warner Bros. / imago

Kein Klassiker der Kinogeschichte hat mehr unsterbliche Filmzitate hervorgebracht wie der Filmklassiker „Casablanca“ – auch wenn Bogarts berühmtes „Schau mir in die Augen, Kleines“ der deutschen Synchronisation geschuldet war. Doch diese Aufforderung hat sich ähnlich hartnäckig in sprachliches Allgemeingut eingenistet wie Ingrid Bergmans „Küss mich, küss mich als wäre es das letzte Mal“ oder die Ansage des korrupten französischen Polizeichefs Renault: „Verhaftet die üblichen Verdächtigen!“ Wieder und wieder feilten die drei Hauptautoren Howard Koch und die Zwillinge Julius und Philip Epstein an den Dialogen, um die sentimentale Romanze um das einstige Liebespaar Rick Blaine und Ilsa Lund mit einer gewissen ironischen Schärfe aufzupeppen. War „Casablanca“ so erfolgreich, weil oder obwohl das Trio Tag für Tag mit umgeschriebenen Szenen am Set erschien? Das nervte Ingrid Bergman ziemlich, denn bis zum Schluss war nicht klar, für welchen (Film)-Mann sie sich zu entscheiden hatte. Auch Bogart erkor „Casablanca“ nicht zu seinem Lieblingsfilm, sondern kommentierte den Erfolg des Filmes auf seine gewohnt sarkastische Art: „Natürlich habe ich nichts anderes getan als in den zwanzig Filmen zuvor. Doch kaum sieht Ingrid Bergman einen Mann an, hat er auf einmal Sex-Appeal“, notierte der Schauspieler, dessen Spiel perfekt zur Rolle des Nachtklub-Besitzers Rick Blaine passte.

Dass „Casablanca“  auch Jahrzehnte später noch sein Publikum finden würde, ahnte beim Studio Warner Bros. niemand. In den 40er-Jahren, wo Hollywood wie am Fließband produzierte, gab es nur einen einzigen Grund, warum ein Film einen ganzen Monat lang in den Kinos blieb – weil es auf Grund des Krieges an Nachschub für die Kinosäle mangelte. 1934 hatte das Unternehmen der ziemlich ungleichen Brüder Jack und Harry Warner 69 Spielfilme produziert; 1941 schickte das Studio noch 48 Filme ins Rennen; 1942 schließlich, als sich der Mangel an Material bemerkbar machte und Techniker sowie Handwerker lieber gut bezahlte Jobs in der Rüstungsindustrie annahmen, war „Casablanca“ nur noch eines von 33 Stücken, die in den Verleih kamen.

Spardiktat der US-Regierung

Das strenge Spardiktat der US-Regierung traf Hollywood ins Mark. 5 000 Dollar genehmigte das War Production Board für Kulissenbauten. Dabei kosteten Sets für ein A-Picture durchschnittlich 20 000 Dollar. Weil nach dem Angriff auf Pearl Harbor praktisch keine Außenaufnahmen mehr gedreht werden durften, wich man für „Casablanca“ aufs Studio aus. Selbst der Flugzeughangar ist Fake. Um dennoch ein Gefühl von Weite zu erzeugen, wurde eine Flugzeugattrappe auf das vermeintliche Rollfeld gestellt. Die wirkte jedoch so unecht, dass sich Regisseur Curtiz genötigt sah, den Set einzunebeln. Zudem verpflichtete er Kleinwüchsige, die Flugzeugmechaniker spielen sollten. Der strikte Sparkurs betraf nicht nur die Kulissen;  auch die Schauspieler hatten ihr Scherflein beizutragen. Laut Warner war „Casablanca der erste wichtige Film des Kriegsjahrgangs“, bei dem ausschließlich Baumwolle für die Kostüme verwendet wurde. Unnötige Reißverschlüsse an Ingrid Bergmans Kleidern, die Seide oder Wolle gewohnt war, hatte man gleich gestrichen.

das berühmte Piano aus "Casablanca"
Ebenfalls versteigert wurde das Piano aus „Casablanca“. Für 3,4 Millionen Dollar wechselte es den Besitzer. | Foto: dpa

Der Streifen zwischen Hoffnung, Fatalismus und Verzweiflung ist auch noch in anderer Hinsicht ein Kind des Krieges. Anfang der 40er-Jahre glich Hollywood einem Sammelbecken für heimatlose Schauspieler. Die meisten der 75 mitwirkenden Schauspieler waren Emigranten aus Europa, geflohen vor der Nazi-Terrorherrschaft. Von den 14, die im Vorspann namentlich erwähnt werden, waren nur Bogart, Dooley Wilson als Pianoman Sam und Joy Page gebürtige Amerikaner. Für die Europäer, die nicht nur eine große Karriere im Filmgeschäft oder am Theater zurückgelassen hatten, sondern auch ihre gesamte Habe, blieben nur kleine Nebenrollen. Manchmal sogar ohne einzige Dialogzeile: So wurde Wolfgang Zilzer, ein Star der Stummfilmära, gleich zu Beginn erschossen. Ilka Grüning, die eine alte Dame mimt, wurden ganze 30 Worte zugestanden. In Deutschland hatte die Schauspielerin unter Max Reinhardt gespielt und Berlins zweitwichtigste Schauspielschule geleitet. Wie vielen anderen machte die Sprachbarriere ihr die große Karriere in Hollywood unmöglich.

In der jungen Bundesrepublik war „Casablanca“ erstmals 1952 zu sehen – in einer um 25 Minuten gekürzten Fassung, die den Film buchstäblich massakrierte. Im mehrheitlich restaurativen Grundkonsens der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft  wollte man nicht an Weltkrieg, Nazidiktatur und den „hässlichen Deutschen“ erinnert werden. So wurde aus dem tschechoslowakischen Widerstandskämpfer Victor László kurzerhand ein norwegischer Physiker namens Viktor Larsen. Und der war auch nicht dem KZ, sondern dem Gefängnis entkommen. Der Film sei nicht mehr zeitgemäß, argumentierte die deutsche Filiale von Warner Bros. Er sei nur deshalb in die deutschen Kinos gekommen, weil man dem Publikum einen der eindrucksvollsten Bergman-Filme nicht vorenthalten wolle. Es dauerte weitere 23 Jahre, bis die ARD eine vollständige Synchronisation hergestellt hatte, die auch den unterkühlten Ton des Originals traf.

Kult und Kulturgut

Zu diesem Zeitpunkt war „Casablanca“ bereits Kult, wenn nicht gar Kulturgut. Dabei war nicht einmal den Beteiligten, allen voran den beiden Hauptdarstellern bewusst, welch cineastischen Meilenstein sie geschaffen hatten. 1942 war der Streifen nur einer von vielen, die Hollywood im Akkord herstellte; Mitte der 80er-Jahre zählte er zu jenen drei, vier Filmen, die für die goldenen Jahre der Traumfabrik stehen. Kein Film läuft so häufig im Fernsehen, kein Streifen versammelt eine so treue Fangemeinde um sich. Mühelos hat er seine Popularität über die Jahrzehnte gerettet, obwohl ihn viele Zuschauer beim ersten Ansehen für unlogischen Kitsch halten. Seine besondere Aura verdankt „Casablanca“ dem Feuerwerk der Sprüche, den Pointen, die zwischen Sarkasmus und Zynismus balancieren, den Gags, die dafür sorgen, dass Gefühle nicht zu Kitsch und Ideale zu Schwulst verkommen. Vom American Film Institut wurde „Casablanca“ zum drittbesten Film aller Zeiten gewählt, nach „Vom Winde verweht“ und „Citizen Kane; das British Film Institut setzte ihn gar auf Platz eins der Bestenliste. Mag die Zeit auch vergehen: Jedes Wiedersehen mit Rick und Ilsa ist wieder der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.