Risse und Ablösungen ließen sich erstmals 2007 mit Hilfe eines schwebenden Gerüsts unterhalb des Deckenfreskos begutachten. Bauleiter Dominik Dürrschnabel bewunderte dabei die perspektivischen Tricks barocker Maler, die die tief religiöse Markgräfin Sibylla Augusta als Kaiserin Helena bei der Kreuzfindung darstellten. | Foto: Wollenschneider

Schlosskirche Rastatt

Fragile Ausstattung forderte Restauratoren heraus

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Mit langen Sanierungsphasen haben die Rastatter so ihre Erfahrungen: 25 Jahre dauerte die Instandsetzung des barocken Ensembles aus Bel Etage, Wehrgeschichtlichem Museum und Erinnerungsstätte. Über 20 Jahre – zwischendurch immer wieder eine Hängepartie angesichts fehlender Gelder – hat nun auch die Bestandssicherung der Schlosskirche „Zum heiligen Kreuz“ gedauert, die ab Samstag, 1. Juli, bei Führungen wieder für die Öffentlichkeit zugänglich ist. „Die Empfindlichkeit der historischen Bausubstanz lassen Mammutgruppen nicht zu“, hatte Godehard Sicheneder vom Staatlichen Hochbauamt im März 1991 gewarnt, nachdem die Stadt Rastatt eine Führung durch die Grabeskirche Sibylla Augustas angeboten hatte.

Lichtentaler Nonnen nähten Behänge

Als Ausdruck der tiefen Frömmigkeit der Markgräfin entstand die Barockkirche zwischen 1720 und 1723 mit einer einzigartigen Ausstattung aus hochwertigen Materialien wie Alabaster, Glas, Edel- und Halbedelsteinen. Die fast vier Meter hohen textilen Pilasterbehänge mit zahlreichen Applikationen stellten bereits zur Lebzeit Sibylla Augustas eine Besonderheit dar und sollen von den Nonnen im Kloster Lichtental bestickt worden sein. Bauliche Mängel und Erdbebenschäden führten bereits 1856 und 1932 zu ersten Restaurierungsversuchen etwa an der Dachkonstruktion.

Ofenfarbe für Christusfigur

Mit schnöder Ofenfarbe wurde auch der Christus am Kreuz unsachgemäß aufgehübscht. Nur sporadisch für Gottesdienste des angrenzenden Ludwig-Wilhelm-Gymnasiums, dessen Schüler sich in den Holzbänken verewigten, oder Hochzeiten geöffnet, blieb die Heilig-Kreuz-Kirche deshalb bis heute weitgehend im Originalzustand erhalten. Extreme Temperaturschwankungen und ungefilterter Licht- und Sonneneinfall sorgten allerdings dafür, dass die empfindlichen Materialien arg litten.

Bröseliger Stoff

Wie trockenes Laub wirkten beispielsweise die fragilen Pilasterbehänge mit ihren kunstvollen Stickereien und Applikationen, nachdem das Baudenkmal 1990 in den Besitz des Landes gewandert und Denkmalpfleger, Kunsthistoriker, Architekten und Restauratoren in den folgenden Jahren eine Bestandsaufnahme gemacht und ein Sicherungs- und Sanierungskonzept entwickelt hatten.

Verblichen und verschlissen, die fragilen Pilasterbehänge. | Foto: Collet

Holzwurm im Gebälk

Als wichtigster Punkt kristallisierte sich die Dachsanierung heraus: Die maroden Holzbalken drückten auf das darunter liegende Deckengewölbe und sorgten für Risse im Fresko über die „Legende der Kreuzauffindung durch Kaiserin Helena“. Eindringendes Regenwasser ließ Holzbalken faulen und schädigte über die offene Entwässerungsrinne im Dach auch die darunter liegende Kirchenausstattung. Im Februar 1995 kam dann erst einmal die Hiobsbotschaft: Holzwurmbefall. Im Sommer 1996 wurde daraufhin nach eingehenden Untersuchungen mit Kohlendioxid den Käfern, Puppen und Larven der Garaus gemacht. Seitdem war die Kirche für die Öffentlichkeit tabu und nur zu seltenen Führungen wieder zugänglich.

Kein Geld aus Stuttgart

Im Juni 2000 hatte Finanzminister Gerhard Stratthaus beim Festakt zum Baubeginn der Rastatter Residenz im Jahr 1700 fünf Millionen Mark für die Renovierung der Schlosskirche in Aussicht gestellt. Bis 2005 sollte die Öffentlichkeit dann wieder freien Zugang zu dem barocken Kleinod haben, wie er in seiner Ansprache verkündete. Das Gestühl wanderte daraufhin erst einmal ins Depot und die Restauratoren tüftelten an Methoden, wie die ausgebleichten und spröden Wandbehänge aus Seide und Baumwolle abgehängt werden konnten, ohne dass sie gleich zerbröseln – aber sonst tat sich nicht viel. Während sich die Expertisen der Fachleute stapelten, mauerte das Finanzministerium angesichts des angespannten Landeshaushalts: „Es gibt kein Geld vor 2005“, hieß es im Sommer 2003. Im Oktober 2004 kam dann endlich die erlösende Nachricht: Für Sicherungsmaßnahmen wurden 2,1 Millionen Euro als erstes „Überlebenspaket“ zur Verfügung gestellt, das war dringend notwendig, denn in Balken machte sich bereits „Kernfäule“ breit, Gemälde und Stühle zeigten mikrobiotischen Befall.

Jeder zweite Balken ausgetauscht

Nachdem ab Sommer 2006 Pilasterbehänge und Altarmedaillons in Klimakammern untergebracht und ein Gerüst zur Schadenskartierung des Deckenfreskos aufgestellt worden war, wurde die Kirche im März 2007 eingehaust. Unter dem schützenden Aluminiumdach wurde nach Entfernung der Dachziegel das ganze Ausmaß der Feuchtigkeitsschäden sichtbar. „Jeder zweite Balken wurde ausgetauscht“, so der damalige Projektleiter Dominik Dürrschnabel.

Unter dem schützenden Aluminiumdach wurden 2007 die Feuchtigkeitsschäden an der Dachkonstruktion behoben. Dabei wurde auf dem Satteldach auch eine Sandsteinrinne aus dem Jahr 1720 gefunden. | Foto: Wollenschneider

2008 begannen auch die restauratorischen Arbeiten am Deckenfresko und den textilen Ausstattungselementen. Eine halbe Millionen Euro kostete allein die Sicherung der Wandbehänge mit kunstvollen Stickereien, für die ein eigenes Restaurierungsverfahren entwickelt wurde: Die verblichenen Textilien wurden vorsichtig abgesaugt. Mit einer Art Bügeleisen wurde eingefärbtes Japanpapier auf dem rissigen Seidenuntergrund aufgeklebt. Textilrestauratorin Diane Lanz verfolgte dabei den Erhalt des „Ist-Zustands“; bei den Voruntersuchungen an versteckten Stellen unter der Kanzel wurde nämlich festgestellt, dass die Behänge einst im knalligen Rot, strahlenden Gelb und hellem Grün leuchteten, zwischenzeitlich aber von der Sonne ihrer Farbe beraubt waren.

Sicherung statt Restaurierung

Laut Sanierungskonzept sollte der ursprüngliche Zustand nicht wieder hergestellt, sondern die Ausstattung nur gesichert werden. Die empfindlichen Textilbehänge der Pilastersäulen waren dabei „Stimmgabel für das Sicherungskonzept aller weiteren Teile der kostbaren Innenausstattung, so Eckhard Salzwedel von Amt Vermögen und Bau.
Für den zweiten Bauabschnitt hatte das Finanzministerium im 2012 grünes Licht gegeben: 2,5 Millionen Euro flossen in die Renovierung des Innenraums der Kirche, die Fassadensanierung einschließlich UV-Fenster sowie in die Restaurierung der Wandgemälde und der Ignaz-Seuffert-Orgel.