Ajuy auf Fuerteventura
Wüstes Land: Für Liebhaber extremer Landschaften ist Fuerteventura der ideale Ort. Ajuy mit seinem Lavastrand liegt an der umtosten Westküste | Foto: wit

Die Kanareninsel Fuerteventura

Urlaubsliebe auf den zweiten Blick

Wo bin ich hier nur gelandet, denkt sich der Grünfanatiker bei der Fahrt vom Flughafen in den Süden der Insel. Fuerteventura erscheint ihm wie ein Sonntagsbraten, den der Hobbykoch im Backofen vergessen hat; mit schwarz verbrannter Haut, ausgedörrt bis auf den letzten Tropfen, kaum genießbar für Landschaftsästheten. Wohin man blickt nur ödes, weites Land, nackte Geröllfelder und längst erloschene Vulkane, die wie braune Pickel aus der sonnenverbrannten Erde ragen. Kein Baum, kein Strauch erfreut das Auge; nur ein paar leidensfähige Exemplare des gelb blühenden Dornlattichs, dem der Ziegenkäse seinen würzigen Geschmack verdankt, krallen sich am Boden fest.

Insel für Wellenreiter

Von den stets hungrigen Hornträgern soll es auf der zweitgrößten kanarischen Insel doppelt so viele wie Menschen geben. Mit traumwandlerischer Sicherheit stolzieren sie über den steinigen Untergrund, machen sich über das wenige Grün her und stemmen sich gegen den Nordostpassat, der zur großen Freude der Wellenreiter und Windsurfer unablässig über die Insel fegt. Liebhaber extremer Landschaften, die angesichts kahler Vulkankegel und trostlos leerer Flussbette in Verzückung geraten, werden sich in die älteste der kanarischen Inseln auf den ersten Blick verlieben. Alle anderen brauchen ein wenig länger.

Westküste von Fuerteventura
Fuerteventura ist die kargste aller Kanareninsel und ein Traum für Sonnenhungrige. Der Tourismus begann hier erst spät. | Foto: wit

Vielleicht braucht es Männer wie Wolfgang, die zwischen unbedarften Urlaubern und dem sonnenverwöhnten Eiland mit dem ganzjährig frühlingshaften Klima vermitteln. Der baumlange Kerl, dessen braun gebrannte Beine in reichlich deplatziert wirkenden Lederhosen stecken, ist dem Charme der spröden Schönheit schon vor über zwei Jahrzehnten erlegen – zunächst als Chef einer Tauchschule, später als Wanderführer ins Innere der Insel, wohin spanische Diktatoren Anfang des 20. Jahrhunderts aufmüpfige Widersacher verbannten und wo sich die zähen Insulaner tapfer mühten, dem wüsten Boden etwas abzugewinnen. Viele der mit Steinmauern eingefassten Felder liegen verlassen da, Stauseen wie der „Embalse de las Peñitas“ sind ausgetrocknet.

Fest für verehrte Marienfigur

Die Mauer aus Granitquadern war ein Geschenk Francos an das kanarische Armenhaus, „doch als sie endlich fertig war, gab es keine Bauern mehr, weil Abertausende auf der Suche nach einem besseren Leben nach Kuba und Südamerika ausgewandert waren“, erzählt der gebürtige Niedersachse. Heute zieht es Wanderer in die gigantische Schlucht, wo sich glatt geschliffene Felsen mauerhoch auftürmen und sich Gläubige in der winzigen Ermita de La Peña bekreuzigen. Der Legende nach wurde in der weiß getünchten Kapelle eine Marienfigur aus Alabaster versteckt, die seit dem späten 17. Jahrhundert als offizielle Schutzheilige der Insel gilt. Alljährlich im September pilgern die Einheimischen zu Fuß in das Dörfchen Vega de Río de las Palmas, ob aus Corralejo ganz im Norden Fuerteventuras, oder aus Morro Jable an der Südspitze, um nach ausgiebigem Beten vor dem Gnadenbild eine ausgelassene Fiesta zu feiern. Unnötig zu erwähnen, dass das wichtigste Fest der Inseln gestern wie heute als Heiratsmarkt für die jungen Insulaner dient.

Betancuria auf der Insel Fuerteventura
Liebevoll restaurierte Kolonialhäuser und die dreischiffige Iglesia de Santa Maria künden von der einstigen Bedeutung Betancurias. | Foto: wit

Wer mit seinem Mietwagen durch das Malpaís, das schlechte Land kurvt, wo erkaltete Lava eine Mondlandschaft mit bizarren Gesteinsformationen geschaffen hat, wer am Mirador Morro Velosa seinen Blick über das braune Meer aus Vulkanen und Hügeln schweifen lässt, kann sich kaum vorstellen, dass sich der normannische Eroberer Jean de Bethencourt im 14. Jahrhundert mittels Machete durch den grünen Dschungel Fuerteventuras kämpfen musste. Die dichten Wälder fielen in den folgenden Jahrhunderten rücksichtslosem Raubbau zum Opfer, weil mit den Stämmen der Kanarischen Kiefer Hunderte Kalkbrennöfen beheizt wurden. Bethencourt, der Señor de las Islas Canarias, machte das von hohen Bergen gesäumte Betancuria zur Hauptstadt – angesichts ständig drohender Piratenüberfälle eine verständliche Wahl.

Peter Maffay ist ein Fuerte-Fan

Doch weil die Musik längst an der Küste spielt, wo es Sonne, Sand und türkisfarbenes Meer im Überfluss gibt, ist die unter Denkmalschutz stehende einstige Hauptstadt für viele Touristen nur ein Zwischenstopp auf der Großen Inselrundfahrt. Liebevoll restaurierte Kolonialhäuser und die dreischiffige Iglesia de Santa Maria künden von der einstigen Bedeutung Betancurias, das eine Zeit lang sogar Bischofssitz war. Doch ein hoher Herr ließ sich nie auf der Wüsteninsel blicken, und irgendwann zogen auch die im Convento de San Buenaventura beheimateten Franziskanermönche weiter. Peter Maffay, bekennender Fuerteventura-Fan, der mit seiner Harley Davidson die schmalen, kurvigen Inselsträßchen unsicher macht, nutzte den imposanten Bau kürzlich als Location für eines seiner Musikvideos.

Galbinsel Jandia auf Fuerteventura
Auf der Halbinsel Jandia wechselt sich eine Bucht mit der nächsten ab. Hier gibt es viele Hotels. | Foto: wit

Fuerteventura brauchte deutlich länger als seine Nachbarn Teneriffa und Gran Canaria, bis es endlich auf der touristischen Landkarte auftauchte. Dabei ist die kargste aller Kanareninsel ein Traum für Sonnenhungrige. Im Süden, auf der Halbinsel Jandía, reiht sich von der Hotelsiedlung Costa Calma bis zum einstigen Fischerdorf Morro Jable ein karibisch anmutender Strand an den nächsten. Ganz im Norden rund um den hippen Ferienort Corralejo, wo es einen Katzensprung hinüber nach Lanzarote ist, türmen sich bis zu zehn Meter hohe Dünen wie in der Sahara auf. Und dazwischen wechseln sich schroffe Steilküsten, schwarze Lavastrände und winzige Orte ab, die nur über kurvige Pisten zu erreichen sind. Der ausdauernd wehende Passatwind, wegen dem Segler, Windsurfer und Wellenreiter an die Ostküste kommen, wirkt dabei wie ein Baumeister: Mal streichelt er zärtlich die goldgelben Sandberge, mal fegt er wie Schleifpapier über die breiten Strände und häuft weiße Hügel an, die immer in Bewegung sind. Der puderzuckerfeine Sand stammt übrigens nicht aus der Sahara – auch wenn der heiße Wüstenwind Calima mit seinen Staubpartikeln gelegentlich sogar den Flugverkehr auf den Kanaren lahm legt –, sondern ist das Ergebnis Jahrmillionen dauernder Erosion.

Der atemberaubende Westen

So herrlich die Sandkisten von Jandía, Morro Jable und Corralejo auch sind: Der Westen Fuerteventuras, wo sich ein paar vergessene Dörfer verlieren, ist noch um ein Vielfaches atemberaubender. Nicht umsonst gilt er als einer der schönsten Küstenstreifen Europas, mit kilometerlangen menschenleeren Stränden – weil sich nur Lebensmüde in die meterhohe Brandung mit ihren gefährlichen Strömungen wagen würden. Mit ungeheurer Wucht brandet der Atlantik gegen steil aufragende Klippen, bricht sich wütend an vorgelagerten Felsen und hobelt gigantische Höhlen aus dem harten Stein, wo – wie in Ajuy – Piraten einst ihre Beute versteckt haben sollen. So wild, einsam und wunderschön ist dieser Landstrich, dass sich die seltsamsten Geschichten um ihn ranken – wie um die sagenhafte Villa Winter in Cofete, wo der Wind mit der Geräuschkulisse eines Orkans um die Südwestspitze pfeift, als gelte es allzu neugierige Eindringlinge durch pures Donnern zu vertreiben.

Die Villa Winter auf Fuerteventura
Am legendenumwobenen Herrenhaus des Gustav Winter an der Westküste Fuerteventuras nagt der Zahn der Zeit . | Foto: wit

Schon die Fahrt zu dem gottverlassenen Dorf, das es eigentlich gar nicht gibt, weil es schon vor Jahrzehnten aus dem offiziellen Inselregister gestrichen wurde, ist ein einziges Abenteuer. Das schmale Asphaltband geht schon bald in einen holprigen Schotterweg über, der sich 20 Kilometer lang durchs totale Nichts quält – weshalb Autovermieter bei diesem Off-Road-Spektakel den Versicherungsschutz vorsorglich ausklammern. Doch die Aussicht von der Passhöhe Degollada de Cofete entschädigt für jedes Schlagloch: eine rostbraune Bergkette, die zum Meer hin ausläuft, ein unberührter Strand, ein paar wenige Häuser und eine Handvoll solarbetriebener Straßenlaternen. Auf halber Höhe liegt das legendenumwobene Herrenhaus des Gustav Winter, an dem heute der Zahn der Zeit nagt. Was wird über den zweigeschossigen Bau mit dem weißen Türmchen und seinen im Schwarzwald geborenen Bauherren nicht alles erzählt! „Don Gustavo“, wie ihn die Einheimischen nannten, sei ein enger Vertrauter Adolf Hitlers gewesen, habe in dieser Einöde auf Führers Befehl einen U-Boot-Stützpunkt errichten sollen, mit einem Rollfeld für Flugzeuge. Doch all die Gerüchte und Mysterien lassen sich nicht verifizieren, und der 1971 gestorbene Winter hat nie dazu beigetragen, der Wahrheit näher zu kommen.

Friedhof unter Massen von Sand

So bleiben nur die Geschichten über den womöglich einsamsten Ort Fuerteventuras. Und die Erinnerung an einen Friedhof, dessen Handvoll Gräber Jahr für Jahr mehr unter Massen von Sand verschwinden. Schon bald solle die Straße nach Cofete asphaltiert werden, erzählt der Fahrer des öffentlichen Busses, eines Unimogs mit mannshohen Reifen, der zweimal am Tag von Morro Jable ans Ende der Welt tuckert. Dann wäre es vorbei mit der göttlichen Stille, die nur vom Heulen des Windes, dem Krächzen der Möwen und dem Meckern der Ziegen unterbrochen wird. Vorbei mit dem freien Platz auf der Terrasse des einzigen Restaurants. Vorbei mit stundenlangen Wanderungen am menschenleeren Strand. Und dabei war man gerade dabei, sich in dieses karge Land zu verlieben.

Anreise: Sowohl Condor als auch TUIfly fliegen ab Stuttgart in rund vier Stunden nach Fuerteventura. Hin und Rückflug gibt es ab 150 Euro.

Mietwagen: Wer die Insel erkunden möchte, sollte einen Mietwagen buchen. Bei Auto Europe gibt es einen Kleinwagen für eine Woche ab 100 Euro, ein Wagen der Kompaktklasse kostet rund 150 Euro.

Unterwegs: Für die Tour nach Cofete empfiehlt sich der öffentliche Bus. Zweimal täglich, um 10 und 14 Uhr, fährt er von Morro Jable in das Dorf an der Westküste. Die einfache Fahrt kostet 8,70 Euro.

Unterkunft: Die meisten Touristen auf Fuerteventura buchen eine Pauschalreise. Die spanische Hotelkette Barceló unterhält mehrere Häuser auf der Insel, darunter das Barceló Fuerteventura Thalasso Spa, das Corralejo Bay nur für Erwachsene sowie das Occidental Jandía Mar, das etwas oberhalb des kilometerlangen Strandes bei Morro Jable liegt. Das Vier-Sterne-Haus punktet mit einem spektakulären Pool-Areal, einem großen Wellness-Center und ist besonders familienfreundlich. Trumpfkarten sind ein neu konzipiertes Animationsprogramm, ein renovierter Kinderklub sowie neugestaltete Familienzimmer. Gemeinsam mit Psychologen entwickelte das Hotel das Animationsprogramm „Happy Minds“. Ob Schauspieler, Umweltschützer, Magier oder Wissenschaftler: Bei unterschiedlich ausgerichteten Workshops erweitern Kinder ihre Interessen und entdecken neue Talente. Im „Barcy Club“ gibt es viele Spielmöglichkeiten, Hüpfburgen und eine Kletterwand. Eine Übernachtung mit All-inclusive-Verpflegung gibt es für zwei Erwachsene und zwei Kinder bereits ab 169 Euro, im Oktober ab 184 Euro.

Wanderungen: Das Unternehmen „Time for Nature“ organisiert mehrmals die Woche mehrstündige Wanderungen. So geht es montags beispielsweise in den abgelegenen Teil des Naturparks Jandía mit dem „kleinsten Leuchtturm“ Europas, mittwochs führt die Tour rund um Betancuria, sonntags steht das Gran Valle mit der Ville Winter auf dem Programm. Teilnehmer werden von Wanderführer Wolfgang direkt am Hotel abgeholt. Kosten der Touren 44 Euro.

Literaturtipp: Der Baedeker „Fuerteventura“ listet auf 260 Seiten die schönsten Ziele auf der Insel auf. Zum Buch gehört auch eine große Reisekarte sowie ein hilfreiches Extra mit spanischen Redewendungen. ISBN 978-3-8297-1373-3, 19.90 Euro.