In der WM-Kolumne "Privet Rossija!" (Hallo Russland!) stellt der gebürtige Russe Alexei Makartsev sein früheres Heimatland, dessen Kultur, Bräuche und Menschen aus verschiedenen Blickwinkeln vor – mal ernst, mal augenzwinkernd.
In der WM-Kolumne "Privet Rossija!" (Hallo Russland!) stellt der gebürtige Russe Alexei Makartsev sein früheres Heimatland, dessen Kultur, Bräuche und Menschen aus verschiedenen Blickwinkeln vor – mal ernst, mal augenzwinkernd. | Foto: Bodamer/Zemlianichenko/dpa/Montage: BNN

Privet Rossija!

„Gegen Knast und Elend ist niemand gefeit“

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Der Ausdruck „mit beiden Beinen im Leben stehen“ gilt nicht für Russland, wo viele Menschen gewissermaßen im schwebenden Zustand leben. Es gibt für sie keine Stabilität und wenige Sicherheiten: Jederzeit kann der Sturz kommen, nach dem man vielleicht nicht mehr auf die Beine kommt.

Russland ist kein Rechtsstaat. Seine Bürger sind der Willkür der Behörden, Polizei und Gerichte ausgeliefert, der man entgehen kann, wenn man „die richtigen Leute“ kennt – oder schmiert.

Wer das nicht kann, vertraut auf sein Glück und vergisst besser nicht ein russisches Sprichwort: „Gegen Knast und Elend ist niemand gefeit“. Um die Jahrtausendwende saßen von den 146 Millionen Einwohnern fast eine Million in den 748 Gefängnissen und Arbeitslagern des Landes. Seitdem ist diese Zahl auf 630.000 Häftlinge gesunken. Eine „Humanisierung der Bestrafung“ nennt das die Regierung. Tatsächlich gibt es nichts Humanes in einem Justizvollzug, der die Menschen in den engen Zellen in Schichten schlafen lässt.

Der Knast ist nie weit weg

Ich habe einmal ein Straflager besucht: 1.120 Menschen, gefangen auf einem Gelände so groß wie 15 Fußballfelder. In den Baracken war viel Schmerz und Leid. Für acht Stunden Arbeit zahlte der Staat den Männern 1,30 Euro. Der Knast ist in Russland nie weit weg. Seine Subkultur hat sich überall ausgebreitet. Der Gefängnis-Slang, die Regeln von Unterwerfung und Dominanz, die Lieder, der „Ehrenkodex“ hinter Gittern – all dies ist im russischen Alltag allgegenwärtig und erinnert die Menschen daran, wie trügerisch alle Sicherheiten sind.
Privet Rossija: In der vorherigen Kolumne ging es um kalte Duschen