DAS IST FAST LANDESWEIT VERBOTEN: Die Grundschrift, die sich eng an Druckbuchstaben orientiert, darf nur an den wenigen Modellschulen weiter gelehrt werden. Alle anderen Kinder müssen eine der beiden „flüssigen“ Schreibschriften (links) lernen. | Foto: dpa/BNN

Kultusministerin sagt Nein

Grundschrift-Versuch gescheitert

Hitzige Diskussionen tobten zwischen Lehrern, Eltern und Politikern über das Experiment mit der sogenannten Grundschrift. „Sauklaue“ und Schnörkel-Buchstaben sollten gleichermaßen verschwinden, sauber und leserlich sollten Kinder von Anfang an schreiben lernen – so lautete die Verheißung. 17 Schulen in Baden-Württemberg erproben die druckschriftähnliche Grundschrift seit 2011, einige sprangen noch 2016 auf diesen Zug auf – doch die Träume von einer großen Reform sind nun geplatzt: Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) will die Grundschrift an keiner weiteren Schule zulassen.

Kinder sollen „fließend und unverkrampft“ schreiben

„Nach Abwägung unterschiedlicher Argumente habe ich nun entschieden, den Grundschulen weiterhin ausschließlich die Wahl zwischen Lateinischer Ausgangsschrift und Vereinfachter Ausgangsschrift zu überlassen“, erklärte Ministerin Eisenmann – ohne die umstrittene Grundschrift überhaupt namentlich zu erwähnen. Die Absage an das Schreib-Experiment erreichte die Grundschulen fast beiläufig – in hinteren Passagen jenes Briefes, in dem die Ministerin unkonventionelle Lernmethoden wie das Schreiben nach Hören verbot und ein besseres Rechtschreibtraining einforderte.  Eisenmann sieht zwischen Handschrift und korrektem Inhalt einen engen Zusammenhang: „Nur wenn Kinder fließend und unverkrampft schreiben können, können sie leserlich schreiben und das Augenmerk auf die Rechtschreibung und Fehlersensibilität lenken.“ Auf BNN-Anfrage erklärt die Kultusministerin, die Befunde des Grundschrift-Versuchs „sprechen nicht für eine flächendeckende Einführung“. Empörung ruft diese Erklärung bei Doro Moritz, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), hervor.

Moritz kritisiert Eisenmanns „unglaubliche“ Entscheidung

„Es ist unglaublich, wie Kultusministerin Eisenmann ohne Berücksichtigung wissenschaftlicher Grundlagen und rechtlicher Vorgaben die Grundschrift vom Tisch wischt“, sagt sie im BNN-Gespräch. Moritz verweist darauf, dass es nun mal Kinder gebe, die motorische Schwierigkeiten haben, wenn sie eine schnörkelreiche Handschrift lernen müssen: „Die Grundschrift hilft da sehr.“
Moritz sieht sogar Vorzüge mit Blick auf die Rechtschreibung: „Man braucht keine weitere Zeit für eine verbundene Schreibschrift und kann sich umso früher und stärker um die Rechtschreibung kümmern.“ Auch Rektor Thomas Altrieth aus Dettenheim-Liedolsheim betont: „Unsere Erfahrungen sind überwiegend positiv.“ Seine Pestalozzischule hat sich einst dem Grundschrift-Versuch angeschlossen, weil die Schüler mit der Vereinfachten Ausgangsschrift zum Gekrakel neigten. „Ziel ist es, dass die Kinder eine leserliche Schrift lernen“, betont Altrieth. Ein Nebeneffekt sei, dass die Kinder mit der Grundschrift schneller schreiben lernen: „Dadurch hat man mehr
Zeit für den Leselernprozess.“ Und Klassenlehrerin Edith Reger betont: „Wer will, kann trotzdem Schnörkel schreiben. Ich habe Kinder, die mit der Grundschrift ganz früh gebunden schreiben.“ Jedes Kind solle seine persönliche Handschrift entwickeln.

Liedolsheimer Rektor: „Wir machen weiter“

Für die Lehrkräfte bedeutete der Grundschrift-Versuch (der anfangs nur bis 2014/15 geplant war) deutlich mehr Zeitaufwand, denn sie mussten auch Unterrichtsmaterial entwickeln. Dieses Engagement soll nun nicht versickern: „Wir machen weiter“, sagt Altrieth. Die Schulkonferenz habe bereits zugestimmt, dass die Grundschrift auch in Zukunft unterrichtet wird. Dies sei ihnen „vorläufig unbenommen“, hat Eisenmann den Modellschulen zugesagt.

Bruchsaler Schule noch unentschlossen

An der Bruchsaler Konrad-Adenauer-Schule steht die Grundschrift dennoch auf der Kippe: „Wir sind am überlegen, wie es weitergeht“, sagt Schulleiterin Elke Schlechter. Die dritte Erprobungsschule im Verbreitungsgebiet dieser Zeitung, die Kirsten-Boie-Schule in Ölbronn-Dürrn, will sich momentan überhaupt nicht öffentlich äußern.
Beifall erhält Kultusministerin Eisenmann für ihr Nein zur Grundschrift vom Verband Bildung und Erziehung. „Man kann Schülern nicht alle Steine aus dem Weg räumen“, meint Sprecher Michael Gomolzig – sonst müsse man ja alles Unangenehme aus dem Lehrplan streichen. Gomolzig ist ein Fan der Lateinischen Schreibschrift: „Die Grundschrift ist nichts anderes als Druckbuchstaben mit ein paar Häkchen dran – da fehlt der Schreibfluss.“