WELTBERÜHMTER KOMPONIST UND DIRIGENT: Pierre Boulez lebte einige Jahrzehnte in Baden-Baden. Nach seinem Tod ist ein Streit um seine Villa entbrannt. | Foto: Haid

Streit um Haus des Komponisten

Wird Baden-Badener Villa von Pierre Boulez zur Akademie?

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Was wird aus dem persönlichen Nachlass und kulturellen Erbe von Pierre Boulez? Diese Frage treibt Musiker, Kultur Schaffende, aber auch die Politik um. Grund: Die Baden-Badner Villa, in der der vor einem Jahr gestorbene Komponist und Dirigent mehrere Jahrzehnte gelebt hat, steht zum Verkauf.

Künstler lebte seit Ende der 50er-Jahre in der Bäderstadt

Boulez mietete Ende der 50er-Jahre, als sich die Zusammenarbeit mit dem Orchester des damaligen Südwestfunks intensivierte, zunächst das Erdgeschoss. Er erwarb dann Zug um Zug die Gründerzeit-Villa mit 20 Zimmern auf einem parkähnlichen Grundstück in der Kapuzinerstraße und stattete sie mit Möbeln und Bildern unter anderem des von ihm hoch geschätzten Paul Klee und weiterer Künstler aus. In dem repräsentativen Haus aus dem 19. Jahrhundert hat der Komponist wichtige Teile seines Werk wie „Eclat“ oder „Répons“ geschaffen.

Erbengemeinschaft möchte Immobilie verkaufen

Nach Boulez’ Tod ging die Villa an eine Erbengemeinschaft seiner französischen Familie. Sie möchte die Immobilie, in der einer bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts Musikgeschichte geschrieben hat, nun verkaufen. Dem Vernehmen soll das Objekt etwa 2,8 Millionen Euro kosten.

Initiative wirbt für kulturelle Nutzung des Gebäudes

Mittlerweile hat sich ein Initiativkreis gegründet, der sich dafür einsetzt, dass das Boulez-Haus nicht in private Hände kommt, sondern für die Öffentlichkeit erhalten bleibt, um es künftig kulturell zu nutzen. Nach Auskunft der Sprecherin gehören neben einigen engen Freunden von Boulez die Stiftung Berliner Philharmoniker und Musiker des früheren SWF-Orchesters zu den Initiatoren. Aber auch Peter Weibel, Leiter des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) Karlsruhe, unterstützt dieses Vorhaben.

Idee ist ein Künstler- oder Stipendiatenhaus

„Wir wollen aus der Villa kein Museum machen“, betont die Sprecherin, „das wäre nicht im Sinne von Pierre Boulez.“ Ziel sei es, das Gebäude in ein lebendiges Künstler- oder Stipendiatenhaus umzuwandeln, in dem junge Komponisten und Wissenschaftler sich mit zeitgenössischer Musik beschäftigen. Die Initiative plädiert weiter dafür, dort eine „Akademie Boulez“ einzurichten, die in Kooperation etwa mit dem ZKM oder dem Festspielhaus Baden-Baden, das in unmittelbarer Nähe des Anwesens liegt, ein Forum für Kammerkonzerte und Forschung zu schaffen. Andreas Mölich-Zebhauser, Intendant des Festspielhauses, wollte sich auf BNN-Anfrage zu diesen Plänen des Initiativkreises nicht äußern.

AUF DEM IMMOBILIENMARKT: Die Baden-Badener Villa des im Vorjahr gestorbenen Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez steht zum Verkauf. Eine Initiative wirbt dafür, daraus ein Stipendiaten- oder Künstlerhaus zu machen.
AUF DEM IMMOBILIENMARKT: Die Baden-Badener Villa des im Vorjahr gestorbenen Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez steht zum Verkauf. Eine Initiative wirbt dafür, daraus ein Stipendiaten- oder Künstlerhaus zu machen. | Foto: Rudolphi

Die Gruppe sucht weitere Mitglieder und Förderer

Die Gruppe ist derzeit dabei, bundesweit weitere Mitglieder und Förderer zu finden. Eines ist klar: Um ihre Ideen umzusetzen, ist es erforderlich, die Boulez-Villa zu erwerben. Das lässt sich ohne Mäzene oder eine Stiftung wohl nicht bewerkstelligen. Denn die öffentliche Hand winkt ab. Baden-Badens Oberbürgermeisterin Margret Mergen hat zwar Verständnis für die Bewunderer, die das Haus des Komponisten lieber in öffentlichem als privatem Besitz sähen.

Stadt Baden-Baden lehnt Kauf der Villa ab

Ein Kauf durch die Stadt kommt für sie allerdings nicht infrage. Angesichts drängender anderer Probleme sei zwischen Kosten und Nutzen abzuwägen. Und da kommt die OB zu dem Schluss: Die Zahl derer, die von dem Haus in städtischem Besitz profitierten, sei sehr begrenzt. Zeitgenössische Musik spreche eben nicht die breite Masse an. Auch das Land möchte dem Initiativkreis zufolge das Gebäude nicht kaufen. Es habe jedoch signalisiert, sich an den Kosten für den Betrieb einer „Akademie Boulez“ zu beteiligen.

Büste von Boulez soll das Rathaus schmücken

Für Oberbürgermeisterin Margret Mergen trägt das internationale Renommee des Ehrenbürgers Pierre Boulez erheblich dazu bei, den Ruf Baden-Badens als Kulturstadt zu bereichern. Um das Gedenken an den berühmten Komponisten, der auf dem Baden-Badener Hauptfriedhof beigesetzt ist, zu bewahren, möchte die Stadt eine Büste im Rathaus aufstellen und einige Exponate aus seinem Nachlass für das Stadtmuseum erwerben.