Stephen Hawking
Als "Meister des Universums“ war der Brite Stephen Hawking weltweit bekannt. | Foto: Stefan Zaklin

Zum Tod des Physik-Popstars

Hawkings ruheloser Geist legte Lichtjahre zurück

Es ist die Frage aller Fragen: Wo kommt alles her, wo ist unser Platz im All, wie wurde das Universum geboren? Das Weltbild der Menschen war einfach, als Galilei und Kepler 1609 mit den ersten Vermessungen des Himmels ihre Sicht des Kosmos radikal veränderten. Dreieinhalb Jahrhunderte später hatten jedoch 99 Prozent der Weltbevölkerung keine Ahnung mehr, warum die Rotverschiebung wichtig war und was der Singularitätsbegriff im All beschrieb. Es brauchte einen an den Rollstuhl gefesselten Mann mit einem mächtigen Geist, um das Chaos in den Köpfen vieler Erdbewohner ein wenig zu lichten. Dieser Mann, Stephen Hawking, ist am Mittwoch im Alter von 76 Jahren gestorben.

Als wichtigster Astrophysiker des 20. Jahrhunderts hat der Brite unsere Vorstellungen vom Wesen des Weltraums und der Zeit revolutioniert. Der „Popstar der Physik“ zeigte Millionen Menschen auch, dass Kosmologie talkshow-tauglich sein kann. Während seine Kollegen bei der Erklärung des „Big Bang“ noch im Formeldschungel umherirrten, erfand Hawking im gleichnamigen Wissenschafts-Bestseller von 1988 (der in 35 Sprachen übersetzt und mehr als zehn Millionen Mal verkauft wurde) eine „kurze Geschichte der Zeit“, die sich für interessierte Laien fast so leicht liest wie ein Liebesroman.

Diese Leistungen sind umso bemerkenswerter, als sich der schwer kranke Forscher den größten Teil seines Lebens in einem dramatischen Wettlauf mit der Zeit befand. Laut den Medizinern hätte Hawking bereits 1964 an der unheilbaren Nervenkrankheit ALS sterben müssen. Doch der Mann mit der Roboterstimme, dessen Verstand „scharf genug war, um Gottes Geist zu befragen“ (Times) trotzte noch jahrzehntelang dem körperlichen Verfall und erlaubte sich die Ironie, 2008 eine „zeitfressende“ Uhr an einem Gebäude in der Universität Cambridge einzuweihen. Mit 72 Jahren war Hawking noch fit genug, um seine verfilmte und mit einem Oscar gekrönte Lebensgeschichte („Die Entdeckung der Unendlichkeit“, 2014) öffentlich feiern zu können, die weltweit 123 Millionen Dollar eingespielt hat. Jetzt ist die Welt allerdings um eine Legende ärmer geworden.

Seit Einstein hat kein anderer Wissenschaftler so sehr den Star-Status genießen dürfen wie Hawking. Dabei nannte sich der bescheidene Professor selbst ein „neugieriges Kind“. Er erklärte seine Popularität mit dem „Kontrast zwischen meinem physischen Unvermögen und der gewaltigen Natur der Dinge, mit denen ich mich beschäftige“. Die Welt sehe in ihm eine „Urgestalt eines behinderten Genies“, sagte einmal Hawking und fügte hinzu: „Behindert ja, aber genial? Das ist fraglich“. Den Reportern, die ihn auf seine Krankheit ansprachen, antwortete der „Herr der schwarzen Löcher“ unbekümmert: „Die Menschheit ist mickrig, verglichen mit dem Universum, so dass mein Leiden für mich keine kosmische Bedeutung haben kann“.

Hawking wusste mit 22 Jahren, dass er an der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS) sterben würde. Sein Arzt gab ihm 18 Monate Zeit – zu wenig, um selbst das Studium in Oxford zu beenden. Doch der ehrgeizige Physiker beschloss, trotz der fortschreitenden Lähmung der Bewegungsmuskulatur die Diagnose zu ignorieren und sich mit der Kosmologie, speziell mit den Schwarzen Löchern, zu beschäftigen. Anfang der 1970er-Jahre bewies Hawking, dass die unsichtbaren, unfassbar schweren Materieklumpen im All thermische Strahlung emittieren, die nach ihm benannt wurde.

Später suchte er nach einer Universaltheorie, die alles um uns herum erklären könnte. Immer wieder fragte sich Hawking, wie die Welt begonnen hatte. Laut einer seiner Hypothesen hat die Zeit kein Ende, was ein ewiges Universum ohne Urknall und einen zukünftigen Kollaps möglich macht.

Ist es wichtig zu wissen, dass alles in 26 Dimensionen existiert und dass der Kosmos voller Wurmlöcher ist, die ihm eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Schweizer Käse verleihen? Vielleicht helfen diese Erkenntnisse nicht im Alltag. Doch Hawkings Theorien haben das Leben vieler Menschen aufregender gemacht, weil sie sie in die Grenzbereiche des Denkens geführt haben. Während sein unermüdlicher Geist viele Lichtjahre entfernt das Universum auf der Jagd nach den großen Geheimnissen unserer Zeit durchkämmte, ließ der verkrümmte Körper das kranke Genie zu-nehmend im Stich. Mit 32 Jahren konnte Hawking nicht mehr selbstständig vom Bett aufstehen. Ein Luftröhrenschnitt bei einer Notoperation 1986 hatte ihn seiner Stimme beraubt. Der zur Bewegungslosigkeit verdammte Physiker konnte danach nur noch durch die Bewegungen eines Wangenmuskels mit der Außenwelt Kontakt halten.

Dennoch verzagte er nicht. Ein Sprachcomputer erlaubte es Hawking, durch Vorlesungen weltweit Millionen für die Wissenschaft zu begeistern. Der Kosmologe behielt bis 2009 seine Stelle am Lucasischen Lehrstuhl für Mathematik der Uni Cambridge, an dem einst Isaac Newton unterrichtet hatte. Der „Master of the Universe“ (BBC) konzentrierte sich nach der Jahrtausendwende auf die Wissenschaftsbücher für Kinder, die er mit seiner Tochter Lucy schrieb. Hawking setzte sich für die embryonale Stammzellenforschung ein, er machte seine Mitmenschen auf die „tödliche Gefahr“ des Klimawandels aufmerksam. 2010 verärgerte er weltweit Millionen Gläubige mit der provokanten These, Gott sei überflüssig: Denn die Welt brauche ihn nicht, um selbst spontan aus dem Nichts entstehen zu können.

Hawking führte nach eigener Aussage ein „glückliches Privatleben“, in dem auch Popkonzerte nicht fehlen durften. 2006 hatte sich der dreifache Vater von seiner zweiten Frau Elaine getrennt. Hawkings Ehe sei „in ein Schwarzes Loch gefallen“, spottete die Sun. Die Löcher seien nicht schlimm, parierte der Wissenschaftler: „Es führt immer ein Weg heraus, darum darf man nicht verzagen“. Er selbst bereute nichts, was ihm je zugestoßen war. Nur eines: Hawkings Krankheit hinderte ihn daran, ins All zu reisen. Das gelang ihm letztlich nur in der Weltraumserie „Star Trek“. In einer Filmfolge durfte der Professor eine Pokerpartie gegen die Hologramme von Einstein und Newton spielen.

2007 erfüllte die Nasa Hawking einen Herzenswunsch: Die US-Raumfahrtbehörde nahm ihn auf einen Parabelflug mit. In 7 000 Meter Höhe über Florida schwebte der gelähmte Professor schwerelos in einer umgebauten Boeing 727. Ein Fotograf fing mit seiner Kamera ein glückliches Grinsen eines Mannes ein, der in den 40 Jahren davor seinen Rollstuhl kaum verlassen hatte. „Weltraum, ich komme“, sagte der Brite, als er gelandet war.