Fit für die Fußball-WM in Russland sind Florian Kehl und seine Mutter nach einem Einkauf im russischen Supermarkt auf dem Haidach. Der große Hype ist dort aber ausgeblieben. | Foto: Herbert Ehmann

Fußball-WM

Heim-WM? Nicht im Pforzheimer Stadtteil Haidach

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So richtig anlaufen will das WM-Geschäft bei Viktor Gaus nicht – trotz des Turniers, das an diesem Donnerstag in Russland beginnt. Gaus führt den Mix Markt, den russischen Supermarkt im Herzen des stark von Russland-Deutschen besiedelten Pforzheimer Stadtteils Haidach. Nur wenige Produkte zur Fußball-WM befinden sich im Sortiment. „Wir importieren nur, was uns auch Geld bringt“, erklärt er.

Rund 5000 Menschen mit russischen Wurzeln leben im Haidach

Im Stadtteil Buckenberg, zu dem der Haidach zählt, lebten Ende 2017 laut Stadt Pforzheim 5 008 Menschen mit russischen Wurzeln. Ihr Anteil beträgt 36,7 Prozent, nur 200 von ihnen haben einzig den russischen Pass. Das Gros sind sogenannte Spätaussiedler. Deren Vorfahren sind vor Jahrhunderten von Deutschland gen Wolga und Schwarzmeer ausgewandert. Während des Zweiten Weltkriegs wurden viele Nachfahren dieser Siedler nach Zentralasien umgesiedelt, von dort zogen wiederum viele nach 1990 ins Land ihrer Ahnen.

„Die Menschen hier sind zwar an den politischen Ereignissen in Russland interessiert. Aber ich habe den Eindruck, sie sind nicht wirklich fußballinteressiert“, beschreibt der Pfarrer der evangelischen Gemeinde im Haidach, Alexander Kunick, eine „eigenartige“ Zurückhaltung.

Bürgerhaus Buckenberg-Haidach zeigt WM-Spiele im kleineren Rahmen

WM-Spiele werden etwa im Bürgerhaus Buckenberg-Haidach gezeigt – in abgespeckter Form. „Wir zeigen die Russland- und Deutschlandspiele im Jugendbereich“, sagt Geschäftsführerin Barbara Baron-Cipold. Grund sei das zurückgehende Interesse im Vergleich zur WM 2014. Erst beim Endspiel werde es ein Public Viewing geben. Ob die WM im Geburtsland vieler Haidacher eine besondere sei? Das habe sie in Gesprächen nicht wahrgenommen. „Keine Ahnung, warum nicht“, sagt sie. Die Pforzheimer Vorsitzende der Landsmannschaft der Deutschen in Russland, Lilli Gessler, vermutet: „Man schaut die Spiele eher zuhause im kleinen Kreis.“

WM-Interesse beim FSV Buckenberg etwas höher

Etwas mehr los ist bei den Fußballern des FSV Buckenberg. Eine Leinwand werde aufgebaut, sämtliche Spiele gezeigt, sagt der Sportliche Leiter Alexander Abram. Das liege aber nicht an Russland, sondern am allgemeinen Hype. „Die WM könnte auch in Afrika sein, ich merke keinen Unterschied.“

Einen möglichen Grund für das Desinteresse an Russland beschreibt Waldemar Meser, der zugleich der Elterninitiative im Haidach und dem FSV Buckenberg angehört. „Mein Zuhause ist Pforzheim, vor meinem Haus weht die deutsche Flagge“, sagt er. „Ich wurde als Deutscher in Irkutsk geboren. Wir stehen zu unserer Nationalmannschaft.“ Politische Ereignisse wie die Krim-Annexion hätten zudem eine „Distanz“ zu Russland geschaffen. Dennoch hoffe er, „dass der Fußball einen Auftrieb bekommt“.

Russland-Deutsche Eishockey-Fans fiebern bei Fußball-WM mit

Den Russen etwas mehr die Daumen drückt Jurij Geringer aus Würm, kommissarischer Eishockey-Abteilungsleiter des 1. CfR Pforzheim. Bei seinen Bisons spielen viele Russland-Deutsche mit. „Wir fiebern genauso mit der deutschen wie mit der russischen Mannschaft.“ In der St.-Maur-Halle wolle man sich zusammen einzelne Spiele anschauen. Welche, das sei noch offen. Und doch sagt auch Geringer: „Mir wäre lieber, wenn in Deutschland die Eishockey-WM stattfindet.“

Bei der Erwähnung des russischen Volkssports leuchten dann auch die Augen von Viktor Gaus. „Im Hockey haben bei Olympia unsere gegen unsere gespielt. Das war boom!“ Nun solle man erst einmal den Turnierstart abwarten. „Es wird noch explodieren“, glaubt Gaus.