KLEINE FRAU GANZ GROSS: Die 1,58-Meter-Power-Lady Helene Fischer beendete in Stuttgart ihre in Leipzig begonnene Stadion-Tour mit insgesamt 14 Konzerten vor über einer halben Million Menschen. Die Bühne baute die Firma Megaforce aus Weingarten für sie. | Foto: dpa

Open-Air-Konzert in Stuttgart

Helene Fischer: Im poppigen Papa-Mobil zu ihren Fischer-Chören

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Das pfeilförmige Laufsteg-Ende, Teil von Helene Fischers gigantischer Bühne, spießt Jürgen schier auf. Ob der Star ihm dort später ganz nah kommen wird? „Ja, das macht sie schon“, schwärmt der 52-Jährige aus Erfahrung. Fünfmal war der Mann aus Niefern-Öschelbronn schon bei Helene Fischer. Das ist aber nichts für seine Sitznachbarin: Beate (38) aus Klagenfurt, Kärnten, hat über 20-mal Helene in die Augen geschaut. Sie ist jetzt an diesem Sonntagabend in die Mercedes-Benz-Arena nach Stuttgart gekommen, zum Abschluss der Stadion-Tour mit 14 Shows vor über einer halben Million Menschen. Allein 43 000 Fisherman’s, sorry, Fisherwoman’s Friends warten hier in der Arena auf ihren Star.

Helene Fischer-Fans aus Irland und Kärnten in Stuttgart

Oder sie stehen noch an. 30, ach was mindestens 35 Frauen in der Männertoilette (!), weil’s dort kurz vor Konzertbeginn ein bisschen schneller geht. „Alles für die Helene“, zwinkert eine Brünette einem irritiert guckenden Mann zu. Neben der Schlange englische Wortfetzen von Lillian aus Irland. „She’s amazing“, sie sei erstaunlich, schwärmt sie über Europas aktuell erfolgreichsten Star.

Romy und Emma, beide zehn Jahre alt und drei Stunden lang von Wolfach angereist, können die Show kaum abwarten. Noch schnell ein Helene-T-Shirt kaufen; viele gibt es zum Tourende nicht mehr davon. Liebevoll Helene nennen Fans ihren Star. Von HF sprechen alle, die am Business um diesen Liebling der Nation mitverdienen. So wie die Leute von Kimmig-Entertainment aus Oberkirch, die die „Helene-Fischer-Show“ für die Weihnachtsfeiertage produzieren. Oder die Mannschaft von Megaforce aus Weingarten: Sie hat nur für die HF-Tour gleich drei Giga-Bühnen gebaut, die mit 60 Lkw-Zügen durch Deutschland gekarrt werden. 27 Meter hoch, mit Aufzug, Hebebühnen, Schlitten und allem erdenklichen Schnickschnack, der das 1,58 Meter kleine Stimm- und Show-Wunder spektakulär groß raus bringt.

Obwohl, spektakulär, das ist wohl untertrieben: Um 20.42 Uhr beginnt das Konzert mit Glitter, Glanz und Gloria. In den nächsten zweieinhalb Stunden lässt die schöne Helene Konfetti aus Kanonen knallen, Flammen fauchen, Feuerwerks-Zauber ins Firmament schießen. Die Fußball-Arena wird zur Party-Zone. Zu einer regennassen.

Die Fans werden nicht allein im Regen stehen gelassen

Denn nach dem dritten Lied, als Miss Fischer – in sündhaften blauen Overknees, in Jeans-Hot-Pants und im Glitzer-Bustier – auf einem Pick-up durch die Menschenmasse fährt, schüttet es los. Dieser Einzug in die Manege ist ein bisschen wie Kamelle-Werfen zu Kölle am Rhein und wie eine Massen-Segnung aus einem poppigen Papa-Mobil heraus.

Sexy Hexy im Wet Look begeistert Generationen

Helene Fischer ist ein Phänomen: Sie seufzt und stöhnt, rekelt sich beim Covern von Matthias Reims „Verdammt ich lieb dich“ auf der Bühnen-Rotlichtzone im Catsuit, dass gesetzten Männern im Stadion die Kinnlade runterfällt. Was für eine heiße Helene, diese sexy Hexy im Wet Look. Und dennoch bleibt sie auch für Frauen der Schwiegertochter-und-Beste-Freundin-Traum. Ganz nah ans Wasser gebaut, heult eine gerührte Helene Fischer auch noch mehrfach in diesem vorerst letzten ihrer Open-Air-Konzerte los. Sie tanzt tapfer in Pumps durch Pfützen und lässt ihre treuen Fans nicht allein im Regen stehen, wie zickige Show-Diven, die sich beim ersten Tröpfchen unter den überdachten Teil ihrer Bühne verziehen.

Was für ein Wunder, wie schnell sie die Klamotten immer wieder von der klatschnassen Haut bekommt. Die 33-Jährige zeigt sich im Glitzer-Mini samt Slip-Blitzer, im nicht viel züchtigeren Paillettenkleidchen, in dem sie sich an einer Pole-Dance-Stange windet. Und zu ihrem Party-Kracher „Herzbeben“ reitet sie wie beim Rodeo mit Fransenkleid und roten Lackstiefeln auf einem glitzernden Herzen.

Langhaarmädchen und Querscheitler

Die Fischer vereint auch hier im Stadion viele Generationen: pubertierende Langhaarmädchen genauso wie, nennen wir sie Best Ager mit Querscheitel. Clever streift sie musikalisch die Jahrzehnte, mixt ihre (Schlager-)Musik mit Pop, Techno, Latino-Rhythmen, Jazz, ja sogar mit Hip-Hop. Ein Medley mit „Move It“, „Sing Hallelujah“ und „What Is Love“ ist Fischers Flashback in die 90er. Dazu eine Prise Romantik pur beim Duett mit Ben Zucker – „Freiheit“, gecovert von Marius Müller-Westernhagen kennen hier alle und singen mit. Bei „Atemlos“ sowieso. Das muss es sein, das Revival der schwäbischen Fischer-Chöre – bei Helene aber auf Party-Art. 43 000 schmettern mit, so dass der Klangteppich vielleicht sogar rüber auf die anderen Seite des Stuttgarter Talkessels getragen wird. Gotthilf Fischer würde staunen.

Sommersause auf Stilettos

Irgendwann ist auch mit ihrer Sommersause auf Stilettos Schluss. Barfuß im Regen pflügt Fischer im roten Latex-Höschen über die Bühne. Sie lässt das Publikum mit ihr musikalisch „Achterbahn“, noch so ein Hit, fahren. Die Leute von Megaforce haben ihr sogar ein Schwimmbecken auf die Bühne gezaubert. Helene tobt und tollt darin mit ihren 16 Tänzern. Was für ein Spaß-Bad. Ihr blondes Köpfchen eingetaucht und dann per Headbanging das Wasser auf die Fans vor ihr gespritzt – Hardcore-Fan Beate aus Kärnten hat ihn jetzt wieder, diesen Fischer-Glücksmoment.