Er warnt vor der "Granularisierung": Theologe Peter Dabrock. Foto: Makartsev

Freiheit und Digitalisierung

„Irgendwann fehlt die Kraft zum Atmen“

Die Künstliche Intelligenz (KI) entwickelt sich rasant und ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Maschinen nehmen immer größeren Einfluss auf Alltag, Arbeit, Freizeit und die Kommunikation in der Gesellschaft. Wie aber kann im digitalen Zeitalter, wenn jeder vernetzte Mensch eine „Datenwolke“ erzeugt, die Selbstbestimmung des Einzelnen verteidigt und, wenn nötig, von den unersättlichen Datensammlern im Netz zurückerobert werden? Es ist nicht ungewöhnlich, dass diese hochaktuelle Frage ausgerechnet in der Hightech-Stadt Karlsruhe gestellt wird. Überraschend ist jedoch vielleicht, dass sich jetzt die Kirche darüber verstärkt Gedanken macht.

Das Spannungsverhältnis von Digitalisierung und Menschenwürde stand im Mittelpunkt des Jahresempfangs der katholischen und der evangelischen Kirche für die Bundesanwaltschaft, die Bundesgerichte und die Rechtsanwaltschaft. Die Gäste wurden begrüßt vom Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh und dem Freiburger Erzbischof Stephan Burger.

Dass die „alltäglich fühlbare Realität“ der KI auch die höchste Rechtsinstanz des Landes beschäftigt, machte zu Beginn des Abends Andreas Voßkuhle, Präsident des Bundesverfassungsgerichts, klar. Die selbstfahrenden Autos mit „ungewisser Entscheidungsmacht“, die Auslesbarkeit der privaten Daten und daraus errechnete Profile wie auch die „Big-Data-Diktatur“ mit Punkten für Wohlverhalten – all dies fordere die Menschenwürde heraus. „Sie muss sich in diesen Voraussetzungen neu behaupten. Sie fordert von uns festzustellen, dass die Technik dem Menschen dient und nicht der Mensch der Technik“, so Voßkuhle.

Auf die schleichende Gefahr der digitalen „Granularisierung“ der „dauerüberwachten und zu Datenpunkten zerriebenen“ Menschen wies beim Jahresempfang der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock, hin. Selbstlernende und hocheffiziente Maschinen seien mittlerweile in der Lage, auf Grundlage der statistischen Mustererkennung „Verhaltensprognosen zu erstellen und uns in eine bestimmte Richtung zu stupsen“, sagte der Erlanger Theologe.

So trage die Digitalisierung in sich die reale Gefahr, den Handlungsspielraum der Menschen und ihre Kreativität einzuschränken. „Irgendwann, so befürchte ich, merkt man – möglicherweise zu spät – dass die Kraft zum Atmen fehlt, uns selbstbestimmt und freiverantwortlich zu entwickeln“, warnte Dabrock die Zuhörer. Ein Gegenmittel sei es, „sich nicht einschläfern zu lassen von Normalitätsvorstellungen, die uns große Internetplattformen aufzwingen“. Der renommierte Ethikexperte plädiert zudem, das „Außerordentliche, das Abweichende und das Verletzliche als zentrale Momente von Individualität“ zu fördern und vor der Konformität zu verteidigen.

Wenig überraschend fordert Dabrock schließlich einen verantwortungsvolleren Umgang mit persönlichen Daten im Netz. Als Hilfe für die Nutzer schlägt er das Konzept der maschinellen „Datenagenten“ und „Datentreuhänder“ vor, die die Interessen der Menschen „im unendlichen Datenstrom“ vertreten und unter anderem einen Missbrauch von Informationen verhindern sollen. Technisch sei das bereits möglich, so Dabrock. Allerdings bedarf die Lösung noch einer politischen und rechtlichen Gestaltung.

Als unerlässlich im „Big-Data-Zeitalter“ sieht der Theologe zudem weiterhin die klassische Bildung an: „Ich empfehle: die Bibel, den ,Faust’, Mathematik, ein bis zwei Fremdsprachen – ach ja, und ein Freund rief mir zu: ,Musik, Peter, das spricht Kognition und Emotion an’“.