Geschenk aus den 80er Jahren: Mit neun Jahren erhielt Joachim Arrasz einen C64. Der beliebte Computer steht heute im „Wohnzimmer“ bei Synyx. | Foto: Tanja Mori Monteiro

IT-Punk Joachim Arrasz

Von Kindern, Kudo-Karten und Kreativräumen

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Joachim Arrasz ist Geschäftsführer sowie Software- und Systemarchitekt bei Synyx. Viel bekannter ist er allerdings in der Branche als IT-Punk. „Der Ausdruck ist inzwischen zu meiner Marke geworden“, sagt der Gründer und Geschäftsführer, der oft auch als Redner eingeladen wird und vorsichtig gegenüber Trends ist. Im Jahr 2002 hat er mit seinen beiden Geschäftspartnern – alles komplett konträre Charaktere, die er im Studium kennengelernt hat – die Open-Source-Firma gegründet. Heute arbeiten 55 Mitarbeiter dort. Hauptaufgabe des IT-Dienstleisters ist es, gemeinsam mit Kunden IT-Probleme zu lösen und vorhandene Software zu reparieren.

Informatiker mit Matheschwäche

Trotz einer latenten Mathematikschwäche hat der in Wellendingen bei Rottweil geborene Entwickler in Karlsruhe Informatik studiert. Mathe war dann auch die einzige Klausur, die er zwei Mal schreiben musste. Durch dieses Fach hat er gelernt, Ausdauer zu beweisen.

Sein Herz schlägt für den FC St. Pauli

Kondition in anderer Form zeigte er früher als Libero beim Fußball und als Linksaußen beim Handball. Heute sind es nicht alltägliche Koordinationssportarten, wie Slacklinen, Bouldern, Klettern, Surfen oder Skifahren, bei denen der Unternehmer die Natur erleben kann und intensiv gefordert wird. So läuft er beim Skifahren inzwischen den Berg selbst hinauf, um dann abseits der Pisten wieder hinunter zu fahren. Auch Dinge wie Trampolinspringen, Diabolo spielen oder Jonglieren, bei denen man sich auf den Punkt konzentrieren muss und der Rest ausgeschaltet wird, sind beliebte Beschäftigungen von Arrasz. Nicht überraschend für einen Punk ist zudem, dass sein Herz für den FC St. Pauli schlägt. Als Vereinsmitglied und früherer Dauerkartenbesitzer hat er bis zu zehn Heimspiele pro Saison in Hamburg besucht.

Der Diplom-Informatiker hat aus erster Ehe eine 21-jährige Tochter und einen 17-jährigen Sohn, dazu noch eine angeheiratete Tochter, die mitten in der Pubertät ist. Die große Tochter ist mittlerweile eher eine Freundin, sagt er. Mit seiner Ex-Frau, die er seit seinem 18. Lebensjahr kennt, arbeitet er weiterhin im gleichen Unternehmen. Und das funktioniert auch zwischenmenschlich sehr gut. „Die Idee zur Firmengründung hatten wir damals gemeinsam.“

Chefs sind Teil des Großraumbüros

Beim Umzug des Unternehmens von der Karlstraße in die Gartenstraße hat er auf die Nähe zum Bahnhof geachtet. Ein Wunsch der Mitarbeiter war, dass dieser nur 15 Minuten entfernt sein sollte. Neben dem Zug nutzen die Mitarbeiter des immer ökologischer werdenden Unternehmens Firmenfahrräder oder Stadtmobil. Arrasz hat selbst kein Auto und fährt nur, wenn es unbedingt sein muss. Wichtig beim Umzug war außerdem, dass alle Räume auf einem Stockwerk liegen, um eine „Zwei-Klassen-Gesellschaft“ zu vermeiden. Darunter sind auch etwa zehn Besprechungsräume, damit sich die Kollegen aus dem Großraumbüro auch in Kreativ- oder Besprechungsräume zurückziehen können. Ungewöhnlich: Auch die Chefs, die keine Vorgesetzten im eigentlichen Sinn sind, sitzen nicht in eigenen Zimmern, sondern im Großraumbüro. „Wir wollen miteinander gut arbeiten und leben“, so der Gründer.

Der IT-Punk glaubt an Nachhaltigkeit, Ehrlichkeit und Transparenz

Nicht alltäglich ist auch die Art, wie man sich bei dem Unternehmen bewerben kann: Kurz und knapp mit einer „Human Resources-Postkarte“, einer Bewerbungspostkarte. „In Karlsruhe gibt es gefühlt ein Hauen und Stechen um Talente“, so der Gründer, der glücklicherweise viele Initiativ-Bewerbungen erhält. Für ihn ist es völlig irrelevant, was jemand zuvor gemacht hat und ob jemand studiert hat. „Das Soziale ist hier sehr wichtig“, so der Geschäftsführer, der auch schon autistische Azubis eingestellt hat. Statt einer Weihnachtsfeier wird übrigens eine Winterfeier veranstaltet. „Wir können nicht annehmen, dass jeder die christlichen Werte vertritt.“ Kinder dürfen außerdem jederzeit ins Büro mitgebracht werden. Der Geschäftsführer glaubt ganz fest an Nachhaltigkeit. So halten viele Kunden wie etwa BMW, Contargo, Filiadata, Bardusch und auch Mitarbeiter dem Unternehmen schon seit Jahren die Treue. „Das liegt sicher auch an der Transparenz und der Ehrlichkeit, die wir hier leben“, so der 44-Jährige, der Zeit- und Finanzvorgaben stets einhält.

Joachim Arrasz legt sehr großen Wert auf Nachhaltigkeit und Ökologie. | Foto: Tanja Mori Monteiro

„Wir wollen regional arbeiten.“ Das Unternehmen hat auch schon Kunden abgelehnt, weil sie mit Waffen oder Pornografie zu tun hatten – Werte, die sie nicht unterstützen können.
Außerdem würde der Geschäftsführer nie wegen eines Projektes auf einen Schlag zehn oder 15 Mitarbeiter einstellen. Er weiß: „Nur wachsen, das macht einen nicht besser.“ Deshalb sieht er die Obergrenze der Firma bei 60 bis 70 Mitarbeitern. Bei der jetzigen Größe sind familiäre Dinge wie Koch-, Grill- und Salatgruppen oder das Freitagsfrühstück noch möglich. Freitags gibt es ein Frühstück mit einer Fragerunde, um Flurfunkfragen zu beantworten und eine „Freitagsschule“ zur Weiterbildung, die eigenständig von den Mitarbeitern organisiert wird. Ebenfalls freitags werden die sogenannten Kudo-Karten vorgelesen bei denen die Mitarbeiter die Woche über Anerkennung, Lob und Kritik äußern können. Darüber hinaus erhält jeder Mitarbeiter ein Budget von 2 000 Euro für Weiterbildung. Im Gegenzug muss der Angestellte dafür Urlaub nehmen. „Dadurch sehen wir, ob ihm wirklich etwas daran liegt“, erklärt der Informatiker.