Schießstand: Den sicheren Umgang mit der Langwaffe lernen angehende Jäger wie hier Verena Menauer auf dem Schießstand.
Schießstand: Den sicheren Umgang mit der Langwaffe lernen angehende Jäger wie hier Verena Menauer auf dem Schießstand. | Foto: Voigt

Frauen am Gewehr

Jagd ist mehr als auf Tiere schießen

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„Vorder- und Hintergelände frei, sicherer Kugelfang gegeben, Stück steht breit.“ Verena Menauer ist hoch konzentriert, die kurze Checkliste abgearbeitet. Entschlossen krümmt sie den Zeigefinger am Abzug, krachend bricht der Schuss. Volltreffer. Wäre die junge Frau jetzt nicht auf dem Schießstand in Engen nahe Konstanz sondern tatsächlich auf der Jagd – der Bock wäre schmerzfrei gestorben. Lungendurchschuss.

Verena Menauer macht den Jagdschein; nicht weil sie Schusswaffen so cool fände oder weil sie über die Kreatur triumphieren wollte. Eher ist es die Liebe zur Natur und der Blick fürs ökologische Ganze, der in der Journalistin die Leidenschaft für das Waidwerk hat reifen lassen. Nach ihrer Schulzeit in Straubing war sie ehrenamtlich im Nationalpark Bayerischer Wald tätig; seither ist sie fasziniert von der Grenzgängen zwischen Kultur und Natur. Die Jagd, erklärt sie, sei schließlich mehr als auf Tiere zu schießen. „Und ohne die Jagdausübung würden die Wildbestände überhandnehmen.“ Das gilt ganz besonders für die Wildschweinpopulation im Südwesten: Mais-Monokulturen und milde Winter haben die Schwarzkittel-Bestände explodieren lassen. Das und die in Osteuropa grassierende Afrikanische Schweinepest machen hohe Abschussquoten erforderlich. Denn je weniger Wildschweine auf Wiesen und in Wäldern unterwegs sind, umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Seuche eingeschleppt wird und dann auch auf Hausschweinbestände übergreift.

Gleichgewicht von Wild und Wald

Dessen ungeachtet: Jägerinnen und Jäger kümmern sich nicht nur um den Wildbestand. „Es geht um das Gleichgewicht zwischen Wald und Wild und um eine intakte Natur“, erläutert Verena Menauer am Beispiel der Eiche. Ein großer Teil der jungen Schösslinge hat mit Verbissschäden zu kämpfen. Das wiegt umso schwerer angesichts des Umstands, dass gerade die Eiche als klimaresistente Baumart für das künfti-
ge ökologische Gleichgewicht in den Forsten von großer Bedeutung ist. Dass bei der Regulierung der Bestände auch noch Biofleisch in seiner reinsten Art anfällt, ist nicht von Nachteil, findet die junge angehende Jägerin. Wildbret sei massenhaft industriell produziertem Fleisch allemal vorzuziehen. Doch sogleich rückt sie die Verhältnisse zurecht: „Man geht zehnmal ins Revier, und beim elften Mal schießt man vielleicht ein Stück. Vielleicht.“

Frauen auf dem Vormarsch

Rund 39 000 Menschen in Baden-Württemberg sind im Besitz eines Jagdscheins, bundesweit gibt es mehr als 350 000 Waidleute. Lag der Anteil weiblicher Jäger anfangs der 90er Jahre noch bei rund einem Prozent, sind es zwischenzeitlich mehr als zehn Prozent Frauen. Und Frauen sind weiter auf dem Vormarsch: Bei den Vorbereitungskursen zum Jagdschein, dem sogenannten „grünen Abitur“, ist laut dem Deutschen Jagdschutzverband (DJV) bereits jeder fünfte Teilnehmer eine Frau wie Verena Menauer. Wenn sich andere ihres Alters an den Badesee legen oder auf Club-Tour gehen, büffelt die Wahl-Schwäbin Wildbiologie, Waffentechnik, Jagdethik oder auch den sachgerechten Umgang mit dem erlegten Wild. In der Natur zu sein, ist für die junge Frau das Größte. Etwa bei einer Naturexkursion mit Lars Honer, dem Ausbilder der Landesjagdschule Dornsberg im Landkreis Konstanz. Der Jagdexperte und Diplom-Forstingenieur lehrt die Jungjäger, die Natur zu lesen: Wildlosung auf dem Waldboden, Pflanzenverbiss, Vogelstimmen, Baumartenkunde – Verena Menauer ist begeistert. „Die Jagd“, sagt sie, „ist eben weit mehr als nur der Umgang mit der Waffe“.