Das Motorradgespann vom Typ CJ 750, das Jenny Smith in China gekauft hat, gehört zu ihren großen Hobbys. | Foto: pr

Jenny Smith aus Bühl

„Halfpats“ tauchen in Chinas Kultur ein

Irgendwo zwischen blauäugig und Abenteuer beschreibt Jenny Smith ihren Aufbruch nach China. Das ist 14 Jahre her. Ursprünglich wollte die heute 39-jährige Bühlerin nicht lange bleiben. Aber dann wurden zwölf Jahre daraus.

Vom Chinavirus gepackt

Die damaligen Motive waren beinahe trivial. Nach dem Studienabschluss in den USA 2002 fand Jenny Smith weder dort noch in Deutschland einen Job. Spontan entschloss sie sich, für vier Monate als Englischlehrerin nach China zu gehen. „Dann hatte mich der Chinavirus gepackt“, erinnert sie sich. Nach zwei Semestern Wirtschaftssinologie in Konstanz hatte sie genug von der Theorie und nahm 2004 ein Stellenangebot des umstrittenen Anatomen Gunther von Hagens an, der vor allem durch seine Wanderausstellung „Körperwelten“ bekannt wurde.

Job bei Gunther von Hagens

Von Hagens plastinierte damals in China mit dem von ihm entwickelten Verfahren seine Leichen. Er heuerte Jenny Smith zur Betreuung seines Pressearchivs an. Von ihrem Zimmer im Institut konnte sie nachts auf die hell erleuchteten und zum Teil verfremdeten Körper sehen. Ein vom „Plastinator“ bestelltes Yak, das sie gerade noch gefüttert hatte, wurde wenig später getötet und landete ebenfalls in der bizarren Schau.

Jenny Smith besucht einen Züchter Tibetischer Mastiffs. | Foto: pr

Redakteurin bei Zeitschrift

Nach 14 Monaten hatte die junge Designerin genug gesehen und nahm 2006 eine Stelle als Redakteurin bei der gerade von einem israelischen Unternehmer gegründeten Stadtzeitung „Here!“ in Dongguan in Südchina an. Mit mehr als acht Millionen offiziellen Einwohnern (die Wanderarbeiter zählt niemand) wird Dongguan, wo fast alles hergestellt wird, was später in westlichen Läden landet, auch „Weltfabrikstadt“ genannt. Dort gibt es eine große ausländische Gemeinde. „Wir haben über wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung, Kultur und Freizeitangebote berichtet“, sagt Jenny Smith. Ihre Leser waren die zahlreichen ausländischen Geschäftsleute in der Stadt. Das kleine Verlagsteam, das aus nur fünf Mitarbeitern bestand, finanzierte die Zeitschrift in englischer Sprache durch Anzeigen und Werbedienstleistungen.

Politik kein Thema

„Politik war tabu“, berichtet Jenny Smith. „Wir haben Selbstzensur betrieben, um zu überleben.“ Das journalistische Konzept war dennoch erfolgreich. „Die lokalen Medien haben irgendwann angefangen, uns zu kopieren“, erklärt die Bühlerin. Bei ihrer journalistischen Arbeit kam ihr zu Gute, dass sie im Gegensatz zu den meisten internationalen Korrespondenten, die aus China für westliche Medien berichten, die Landessprache beherrschte und nicht in schicken Wohlstandsvierteln, sondern Tür an Tür mit den Einheimischen lebte. Gleich für alle ist nur der Smog.

Auf eigene Faust

Die internationale Gemeinde in China teilt sich in zwei Gruppen. Die von den großen Konzernen für eine begrenzte Zeit nach China entsandten Führungskräfte nennt man „Expats“. Sie haben mit dem Leben der Menschen vor Ort oft weniger am Hut als die „Foreign Local Hires“. Die sind auf eigene Faust nach China gereist und werden von Firmen vor Ort zu wesentlich schlechteren finanziellen Konditionen und ohne Sozialversicherung angeheuert.

Neue Hobbys

„Im Gegensatz zu den Expats führen Halfpats – also halb Ausländer, halb Einheimische, wie wir uns selbstironisch nannten – ein lokales Leben“, betont Jenny Smith. „Das eröffnet einmalige Möglichkeiten, in die Sprache, Kultur und Gesellschaft Chinas einzutauchen.“ Nur so lernte die Bühlerin ihre beiden Hobbys kennen: das Erhu (chinesische Violine) und die Motorradgespanne vom Typ CJ 750. Diese historischen Militärfahrzeuge haben in China Kultstatus, vielleicht auch wegen ihres Boxer-Motors nach dem Vorbild von BMW. Jenny Smith gehörte einem Motorradclub an und fuhr mit den Einheimischen auf diesen Oldtimern tausende Kilometer kreuz und quer durch das riesige Land. „Das war meine chinesische Familie“, berichtet sie.

Auslandshandelskammer

2009 wechselte die Bühlerin in die Kommunikationsabteilung der deutschen Auslandshandelskammer in Peking. Ähnlich wie die Industrie- und Handelskammern in Deutschland betreut die Auslandshandelskammer die deutschen Unternehmen im Land. „Geleitet wird das Team von einem Delegierten aus der Bundesrepublik“, erklärt Jenny Smith. „Die anderen Mitarbeiter werden zu lokalen Konditionen vor Ort rekrutiert.“ Bei Staatsbesuchen lernte die Bühlerin Größen der deutschen Politik kennen, unter anderem Angela Merkel, Rainer Brüderle und Norbert Röttgen. Natürlich gingen auch die Vorstände der DAX-Unternehmen ein und aus. Jenny Smith hatte den großen Vorteil, dass sie neben der Landesprache Deutsch und Englisch auf Muttersprachen-Niveau beherrscht. „Es war spannend, in diesem interkulturellen Umfeld zu arbeiten“, meint sie.

Master in Peking

Nachdem sie wegen eines Aufbaustudiums zwei Jahre beruflich ausgesetzt hatte, ging die Bühlerin 2013 zum Volkswagen-Konzern. Die Volkswagen Group China hat ihren Sitz in Peking, das Unternehmen hat aber in der nordostchinesischen Sechs-Millionen-Stadt Dalian ein Werk für den Bau von Getrieben und Nockenwellen aufgebaut.

Für den Volkswagen-Konzern arbeitete Jenny Smith in China drei Jahre lang. | Foto: pr

VW und der Abgasskandal

Erneut war Jenny Smith für die Öffentlichkeitsarbeit und die interne Unternehmenskommunikation verantwortlich und wieder wurde sie als „Halfpat“ zu lokalen Konditionen eingestellt. Nach drei Jahren war Schluss. Wegen der Verwicklung des Konzerns in den Abgasskandal wurden Stellen abgebaut. Neue Arbeit fand sich auf die Schnelle nicht, das Visum lief aus und Jenny Smith kehrte zurück nach Deutschland. Aktuell arbeitet sie bei der Bühler Firma GMT Gummi-Metall-Technik.

Alles vergessen

Und wie waren die zwölf Jahre im Reich der Mitte? „Man muss alles vergessen, was man in seinem Leben gewusst und gelernt hat, wenn man nach China kommt“, bilanziert Jenny Smith. „Dort läuft alles anders. Deutsche genießen einen guten Ruf, gleichzeitig behindern deren starre Regeln die nötige Flexibilität.“

Jenny Smith im Kurzporträt

Jenny Smith wurde am 1. Januar 1978 in Bühl als Tochter eines US-Amerikaners und einer Deutschen geboren. Ihr Vater arbeitete als Wissenschaftler bei Dow in Rheinmünster.

Jenny Smith, die beide Staatsbürgerschaften besitzt, wuchs in Bühl auf. Am Berufskolleg Karlsruhe absolvierte sie 1996 bis 1999 eine Ausbildung zur Grafikdesignerin, um anschließend bis 2002 am Simpson College in Indianola im US-Bundesstaat Iowa Grafik-Design zu studieren. Dort erwarb sie einen Bachelor. Nicht weit von der Hochschule entfernt wohnten ihre Großeltern.

Nach mehreren Jahren beruflicher Tätigkeit ging Jenny Smith in den Jahren 2011 bis 2013 erneut an die Uni, dieses Mal in Peking. Mit einem Stipendium der Zentralregierung ausgestattet, erwarb sie an der Beijing Normal University einen Masterabschluss in dem sozialwissenschaftlichen Studiengang „Contemporary Development of China“. „Es war eine Möglichkeit, meine Chinaerfahrung zu formalisieren“, sagt die Bühlerin. „Ohne das Stipendium hätte ich mir das Studium nicht leisten können.“