Engpass an der Tafel: Auch an den Haupt- und Werkrealschulen sowie an den Realschulen gibt es einige vakante Stellen. Das reguläre Einstellungsverfahren läuft aber noch bis Ende des Monats. Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) machte die frühere grün-rote Landesregierung (2011 bis 2016) für die Probleme verantwortlich. | Foto: dpa

Lehrermangel trübt Schulstart

„Kein Bildungsnotstand“: Kultusministerin Eisenmann wehrt sich gegen Vorwürfe

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Von Christopher Töngi und Bettina Grachtrup

Trotz vielfältiger Anstrengungen der grün-schwarzen Landesregierung sind zum Schuljahresbeginn noch rund 700 Lehrerstellen in Baden-Württemberg unbesetzt. Betroffen seien vor allem Grundschulen im ländlichen Raum, sagte Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) jetzt in Stuttgart.

Infolgedessen würden dort zum Beispiel etwas größere Klassen gebildet. Insgesamt seien von den rund
5 700 unbefristeten Lehrerstellen an den öffentlichen allgemeinbildenden und beruflichen Schulen rund
5 000 Stellen besetzt worden. An diesem Montag beginnt für rund 1,5 Millionen Kinder das neue Schuljahr. Auch an den Haupt- und Werkrealschulen sowie an den Realschulen gibt es einige vakante Stellen. Das reguläre Einstellungsverfahren läuft aber noch bis Ende September. Zum Vergleich: Vor einem Jahr waren zum Schuljahresbeginn noch 635 Stellen offen.

Pensionierungswelle war absehbar

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hatte am Mittwoch von insgesamt rund 1 500 nicht-besetzten Lehrerstellen zum neuen Schuljahr 2018/19 gesprochen, allerdings war das der Stand vor den Sommerferien. Eisenmann sagte, sie könne die GEW-Zahlen nicht nachvollziehen. Die Kultusministerin machte die frühere grün-rote Landesregierung (2011 bis 2016) für die Probleme verantwortlich. Die Pensionierungswelle von Lehrern sei absehbar gewesen, so dass man die Ausbildungskapazitäten bereits vor fünf bis sechs Jahren hätte ausbauen müssen. Das sei aber nicht passiert.

Vorwurf: Lehrerstellen gestrichen

SPD-Bildungsexperte Stefan Fulst-Blei warf der Ministerin vor, selbst 1 000 Lehrerstellen im Haushalt 2017 gestrichen zu haben. Zudem sei die Verlängerung der Lehramtsstudiengänge, die sich jetzt auf den
Arbeitsmarkt auswirkten, noch von der schwarz-gelben Landesregierung vor 2011 beschlossen worden.

Die Veränderungen der Schülerzahlen an den öffentlichen Schulen im Regierungsbezirk Karlsruhe (Quelle: RP Karlsruhe):
Insgesamt gibt es im Regierungsbezirk Karlsruhe 930 öffentliche Schulen mit rund 325 000 Schülern und 29 000 Lehrern.
An den Grundschulen gibt es mit 87 351 Schülern im Schuljahr 2018/ 2019 rund 1,1 Prozent mehr, als im Vorjahr.
Die Werkreal- und Hauptschulen verzeichnen im kommenden Schuljahr ein Minus von 15 Prozent.
Die Schülerzahlen der Realschulen steigen um 0,3 Prozent, die der Gemeinschaftsschulen um ganze 21 Prozent auf rund 13 000 Schüler.
Bei den Gymnasien bleibt mit rund 66 000 Schülern alles beim Alten.
Die Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren verzeichnen einen Zuwachs von 2,5 Prozent, ohne Inklusion. Diese wurde bei den jeweiligen Schularten bereits gezählt.

 

FDP-Bildungsexperte Timm Kern sagte, der gebetsmühlenartige Verweis von Eisenmann auf die Vorgängerregierung verkomme immer mehr zum Ritual der Hilflosigkeit und ersetze nicht das eigene Handeln. Eisenmann widersprach zudem Bundestags-Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU), der erklärt hatte, Deutschland sei in Gefahr, langsam in einen Bildungsnotstand hineinzulaufen.

Eisenmann: „Es bewegt sich etwas“

„Wir haben keinen Bildungsnotstand“, sagte Eisenmann. Es gebe zwar Handlungsbedarf, und die Zahl der offenen Lehrerstellen sei nicht zufriedenstellend. „Aber Bildungsnotstand ist grundsätzlich etwas anderes.“
GEW-Landeschefin Doro Moritz, hatte der Landesregierung zuvor vorgeworfen, an den Schulen habe sich im Vergleich zum Schuljahresbeginn vor einem Jahr nichts verbessert. Dem widersprach Eisenmann entschieden. „Es bewegt sich an den Schulen etwas.“

Wir haben keinen Bildungsnotstand.

Ohne das Maßnahmenpaket der Landesregierung wäre die Situation weitaus schlimmer. Zudem sei die Situation in Baden-Württemberg bei der Unterrichtsversorgung nicht so gravierend, wie in vielen anderen Bundesländern. Gewerkschaftliche Forderungen nach mehr Lehrerstellen führten nicht weiter. Denn das große Problem bestehe eben darin, dass es einen Lehrermangel gebe.

Städte ziehen, Land unbeliebt

Manche Junglehrer ziehen es laut Eisenmann vor, lieber eine befristete Stelle in Städten wie Freiburg, Stuttgart und Karlsruhe anzunehmen, als eine unbefristete Stelle auf dem Land – wie etwa in Tuttlingen oder Lörrach. Ähnlich sieht es auch Uwe Herzel. „Wir haben hier Städte wie Karlsruhe, Mannheim oder Heidelberg, die ziehen einfach“, erklärt der Sprecher des Regierungspräsidiums Karlsruhe gegenüber den BNN die erneut sehr gute Lehrersituation in seinem zuständigen Bereich.

Angebote in der Not

Zum Teil würden notgedrungen ältere, verbeamtete Lehrer versetzt, um begehrte Stellen freizumachen und dafür junge Lehrer zu gewinnen, die nirgends sonst hinwollten, sagte Eisenmann. Das sei zwar ungerecht. Doch versetzbar seien eben nur Lehrer, die bereits in einem Beschäftigungsverhältnis mit dem Land stünden. Weil es viel mehr Gymnasiallehrer als Stellen für sie gibt, versuchte das Land, sie für einen befristeten Zeitraum an eine Grundschule zu beschäftigen. Im Gegenzug erhalten diese Lehrer die Zusage für eine Verbeamtung und für eine spätere Stelle im gymnasialen Lehramt. Von diesem Angebot machten rund 200 junge Menschen Gebrauch.