Protest der Einheimischen: Die Bürger des pfälzischen Kandel haben es satt, dass rechte und linke Demonstranten ihr Städtchen immer wieder heimsuchen. | Foto: Kuld

Regelmäßig Demos in Kandel

Kratzer am Idyll

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Es ist ein südpfälzisches Idyll. Richtung Rhein liegen die Spargeläcker, im Westen die Weinberge. Die Straßen in Kandel sind blitzblank sauber, und in der Hauptstraße des 9 000 Einwohner starken Ortes gibt es einen lebendigen Einzelhandel, den sich manche auch deutlich größere Stadt wünschen würde. Doch das Idyll hat einen Kratzer bekommen, seit Ende 2017 das Mädchen Mia getötet wurde. Gegen den mutmaßlichen Täter, einen jugendlichen Flüchtling aus Afghanistan, hat die Staatsanwaltschaft Anklage wegen Mordes erhoben.

1000 Polizeibeamte

Seit diesem Ereignis kommt es in der kleinen Stadt immer wieder zu Aufzügen rechter Gruppen und entsprechender Gegenkundgebungen. 1 000 Polizeibeamte waren kürzlich an einem Samstag im Einsatz, um die Gruppen voreinander zu schützen. Für die örtliche Verwaltung haben diese Demonstrationen eine finanziell spürbare Dimension angenommen. Zwei Mitarbeiter mussten zusätzlich eingestellt werden, um die Auflagen an die Sicherheit durch Absperrungen gewährleisten zu können.

Öffentliches Leben beeinträchtigt

Die Demonstrationen in Kandel werden weitergehen. Die Rechten wollen Kandel als Dauerhotspot für ihre Kundgebungen etablieren. Das hat Folgen am Ort. Jeden ersten Samstag im Monat steht ab dem Mittag das öffentliche Leben still. Die Händler schließen ihre Geschäfte früher als sonst üblich, denn die genehmigte Route des Aufzuges führt mitten durch den Ort. An „normalen“ Samstagen haben manche Geschäfte bis 16 Uhr offen – doch dann ist am 5. Mai etwa das „Frauenbündnis Kandel“ schon unterwegs. Mitten in der Stadt. Hinter „Kandel ist überall“ oder eben dem „Frauenbündnis Kandel“ stecken rechtspopulistische Gruppen.

Mitfahrerplatz für 22 Euro

Der örtliche Bürgermeister Thielebörger hat wenig Einheimische bei diesen Aufzügen gesehen: „Kandeler laufen da nicht mit“. Auch wenn es in Kandel zuletzt genau so viele Rechtswähler als im bundesweiten Durchschnitt gegeben habe. Dafür kommen Auswärtige. Über Facebook kann man sich für einen Mitfahrerplatz aus dem Raum Düren zur Demo in der Südpfalz bewerben – 54 Plätze a 22 Euro. Die Aktion kommende Woche hat dazu geführt, dass die örtliche Musikschule ein geplantes Fest abgesagt hat. Der „Tag der offenen Ohren“ entfällt.

„Wir sind Kandel“

Für Günther Thielebörger ist der angekündigte Aufzug der Hauptgrund für die Absage. Überhaupt sieht er die Einwohnerschaft von den Aktionen stark betroffen. Man sei „gefangen im eigenen Haus“ durch die Demos, wenn die Straßen über Stunden gesperrt seien. Doch Kandel wehrt sich, will nicht als Hotspot insbesondere der rechten Demoszene gelten.
An allen Ortseinfahrten prangen Transparente „Wir sind Kandel – vielfältig, tolerant, offen“. Im handlicheren Format findet sich das Plakat in vielen Geschäften entlang der Hauptstraße. Beim Goldschmied, beim Modehaus – das bunte Logo ist oft zu sehen.

140 Flüchtlinge am Ort

Der Bürgermeister sieht eine liberale Grundhaltung am Ort. Trotz des Mords an Mia und der Persönlichkeit des mutmaßlichen Täters macht er auf die Gefahr pauschaler Verurteilung aufmerksam – in Kandel leben etwa 140 Flüchtlinge. Die Bürger der Stadt seien auch um deren Integration bemüht, weshalb es am 1. Mai ein „kunterbuntes Maifest“ gebe. Veranstalter ist die Initiative „Wir sind Kandel“.

Neue Demos

Doch dann folgt der erste Mai-Samstag. Erneut sind drei Demonstrationen angemeldet. Tags darauf, am Sonntag, ist in der Kreisstadt Germersheim eine Kundgebung von „Kandel ist überall“ angekündigt. Günther Tielebörger setzt darauf, dass die Aufzüge enden. Das schließt den Protest von linker Seite ein, der im März Kritik der Polizei hervorgerufen hat – im Mittelpunkt stand dabei die „Aggressivität, die von der Antifa ausgegangen ist“.

Ministerpräsidentin in Kandel

Die Hoffnung auf ein Ende dieser stark zu sichernden Kundgebungen bedeute nicht, dass man über bestimmte politische Themen nicht diskutieren könne. Aber es könne nicht sein, so Tielebörger sinngemäß, dass in Kandel deswegen regelmäßig das öffentliche Leben still stehe. Unterstützung erfuhr die Stadt durch Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD), die „mit fast dem gesamten Kabinett“ im März in die Südpfalz gekommen war und dort klar gemacht hatte, dass „Kandel keine Kulisse für Rechte“ sei.