Unbeliebt: Thanos (Josh Brolin) hat die halbe Welt ausradiert, die Avengers sind nicht gut auf ihn zu sprechen. Aber er wäre ein guter Bass. | Foto: Marvel / Disney

Krasser Kontrast

Abendfüllend: Arien und Avengers

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Kontrast der krassesten Sorte: Nach nur elf Spieltagen hat das neue Superheldenepos „Avengers: Endgame“ an den Kinokassen die „Titanic“ überholt und mit 3,49 Millionen Zuschauern in Deutschland  auch den eigenen Vorgänger „Infinity War“ geknackt. Im Karlsruher IMAX gab es selbst jetzt noch am Ende Applaus. Ich war dabei. Aber vorher saß ich in der Operngala. Auch 3D, aber ohne Brille. Und nur halb so laut. Zu verdanken habe ich sieben Stunden Kontrast der krassesten Sorte meiner Tochter, die am Ende nicht mal mitkam.

Beruf und Familie unter einen Hut zu kriegen, das treibt manchmal spaßige Blüten. Auslöser war diesmal meine bald volljährige Tochter Marie. Für sie ist einer wie Spiderman offenbar schon jetzt das, was er am Ende von „Avengers: Infinity War“ wurde: eine staubige Angelegenheit. Wir sind beim Abendessen wie so oft vom Hundertsten ins Tausendste gekommen. Meinen Mann und meinen Sohn (14) – wenn es um Marvel geht, sind sie Gleichaltrige – trieb dabei auch die Frage um, wann man denn im Filmpalast nun endlich Karten für den neuen „Avengers“ bekommt. Und dann kamen sie, vier neugierige Worte, die man von einem 17-jährigen Stadtkind im Jahr 2019 überhaupt nicht erwartet: „Was sind denn Avengers?“

Vier Karten für das „juchzblöde Geknall“

Während ich noch hin und her gerissen war zwischen Stolz und Verblüffung, planten Stiefvater und Bruder schon den Nachhilfe-Unterricht für Marie: erst ein Avengers-Filmabend mit Folge eins bis drei. Am kommenden Abend dann alle ins Kino zum „Endgame“, für das es inzwischen tatsächlich wieder Karten gab. Vier Stück haben wir online gebucht für das IMAX, Plätze in bester Lage: 76 Euro. Das wäre ein schönes Paar Schuhe, aber naja. Familienzeit ist Gold wert. Muss man schon nutzen, dass die Teenager mitkommen wollen, wenn wir ausgehen. Außerdem wollte ich unbedingt einstimmen können in den Gesang von David Hugendick. Der Kultur-Redakteur der ZEIT hat es in seiner Online-Kritik „Uff!“ so pfiffig auf den Punkt gebracht: ein Film voll „juchzblödem Geknall“.

Zwei Karten für die Rache der Königin

Superböse: Ina Schlingensiepen als Königin Elisabeth I. | Foto: Falk von Traubenberg

Ein Knaller sollten dann nicht nur die Avengers, sondern mein gesamtes Abendprogramm an diesem Samstag werden. Für gewöhnlich treibe ich mich zur Mitternachtsstunde nicht mehr in Kinos herum, doch diesmal kam nur die Spätvorstellung um 23.15 Uhr infrage. Ich musste vorher meinem Beruf nachgehen. Weil ich die jüngste Opernpremiere am Badischen Staatstheater nicht selbst begleiten konnte und daher diese Inszenierung noch nicht kannte, hatte ich mir fest vorgenommen, die Operngala von „Roberto Devereux“ zu besuchen: Königin Elisabeth I. rächt sich im Liebeswahn, komponiert von Gaetano Donizetti, einem Meister des Belcanto. Den Namen des Komponisten kennen sicherlich mehr Menschen als den der Avengers-Regisseure. Trotzdem lassen sich Anthony und Joe Russo aktuell um einiges besser verkaufen.

Statt Muskeln lässt er die Stimmbänder spielen: Eleazar Rodríguez als Roberto Devereux | Foto: Falk von Traubenberg

Ich bekomme immer zwei Karten für die Oper, wenn ich darüber schreibe. „Wer mag mit?“, frage ich ins Wohnzimmer. Schweigen und eine ehrliche Antwort vom 14-Jährigen: „Ich war schon so oft mit dir in der Oper, es hat mir nie gefallen.“ (Mehr über seinen ersten Opernbesuch und meine musikalische Müherziehung: hier). Für Pausenplausch mit einer Begleitung zwischen zwei Akten fühlte sich mein Hirn nicht entspannt genug. Der Platz neben mir blieb also leer. Für mich standen an diesem Samstag – wissend, dass ich tagsdrauf Sonntagsdienst habe – ja zwei Brocken an: große Oper und großes Kino. Sieben Stunden brutto, gute fünf netto: im Sitzen.

Was zieht man da an?

Nicht dass ich das nicht kenne. Den Spagat zwischen Beruf und Familie kapriziere ich seit 17 Jahren und meistens elegant. Wer schaukelnde, sandige Kinder nach Feierabend auf dem Spielplatz overdressed anschubst, setzt sich auch im kleinen Schwarzen in einen Blockbuster. Aber die Haare: Ich ziehe eine Spülung aus dem Schrank, die großspurig „Inner Power“ verspricht. Genau das Richtige für sieben Stunden Abendprogramm denke ich mir, und passt ja irgendwie auch zu den Avengers. Dieser „schwerelose Protein-Conditioner“ soll angeblich entwirren, macht das Haar aber klebrig statt fluffig. Nicht zum ersten Mal, ich hätte ihn längst ausrangieren sollen. Als ich das erneut feststellte, hatte ich nur noch eine Stunde für den rettenden Waschgang. Also nochmal waschen, nochmal fönen. Ich wünschte mir Dr. Strange und den Zeitstein. Den Conditioner hab ich entsorgt, er entwirrt jetzt unseren Abfluss.

Einer hat gespoilert

Schlimmer noch als klebrige Haare ist ein Spoiler. Und darunter litt mein Sohn, der plötzlich maulend neben mir erschien. Ein Klassenkamerad „hat total viel gespoilert vom neuen Avengers“, greint er. „Und lacht auch noch drüber! Ich hasse das. Es gibt für mich nichts Schlimmeres als gespoilert zu werden. Nur körperliche Gewalt ist schlimmer.“ Dann blinkt mein Handy auf. Die Tochter, die den pädagogischen Filmabend natürlich geschwänzt hatte, um sich die Haare zu tönen und daher immer noch nicht weiß, wer die Avengers sind, schreibt mir aus ihrem Zimmer:

„wie viel hat die kinokarte gekostet“
„18 euro oder?“
„oder im internet steht 12,50“
„?????“
„ich will doch nicht mit habe 17 euro bar da“

Maries Sinn für Orthografie funktioniert nur hinter der Schulpforte. Sie war also lieber mit Freunden im Aposto, als ich zurückkomme aus der Oper, um die Männer ins Kino abzuholen. Mein Sohn hingegen hat an diesem Abend nicht mal gezockt. In seiner Vorfreude zeichnete er das Avengers-Logo. Mit Bleistift und sicherlich noch mehr Hingabe als die stickende Sara auf der Opernbühne.

„Wie geil!“

Für Handarbeit hat natürlich keiner Zeit im „Endgame“. Als eine der Jüngsten verließ ich die Operngala, als eine der Ältesten setze ich mich in Reihe E und versuche die abgetragene 3D-Brille zu polieren. Meine Jungs links und rechts von mir haben sie schon während der 2D-Werbung auf der Nase. Gleich geht sie los, die große Rache. Wie bei „Roberto Devereux“. Gerettet werden muss aber nicht irgendein charismatischer Graf wie Robert von Essex vor dem Henker, sondern die halbe Menschheit vor Thanos‘ stumpfsinnigem Auslöschmanöver. Da geht es etwas flotter zu. Auch zählen nicht Stimmbänder und der gute Ton, sondern in guter Haudrauf-Manier geht es darum, wer den größeren Hammer hat. Und nicht nur ich frage mich: Wo sind die langen Haare von Captain Marvel geblieben? Und wo bleibt sie selbst? Als sie endlich zurückkommt von welcher Mission auch immer und mit ihr unter glorreichem Orchestertutti weitere schmerzlich Vermisste auftauchen, da passiert, was in der Oper wohl eher selten geschieht, wenn alle Sänger samt Chor auf die Bühne kommen: Hinter mir schreit einer: „Wie geil!“

Gespannt wie der Blitz: Thor (Chris Hemsworth) setzt alle Hoffnung in seine neue Hammeraxt, die auf den Namen „Stormbreaker“ hört. | Foto: Marvel Studios 2019

Superheldinnen sind auch nur Menschen

Wirklich geil fand ich die beiden Solisten der Operngala. In meiner Rezension hab ich das natürlich anders formuliert. Die Spannung, die Joyce El-Khoury und Franco Vasallo mit ihrem Gesang erzeugen, kann mit Thors Blitzen jedenfalls locker mithalten, und das ganz ohne Spezialeffekte. Aber dafür allemal mit heroischen Anwandlungen. Der Reiz einer solchen Gala besteht ja darin, dass statt der üblichen Besetzung dieses eine Mal so eine Art Superhelden des Gesangs die Hauptrollen übernehmen. Und von der darstellerischen Vielseitigkeit der libanesischen Sängerin kann sich die grün bemalte Zoe Saldana alias Gamora, die nur den immer gleichen Ich-heul-gleich-Blick auf Lager hat, ein paar Scheiben abschneiden. Joyce El-Khoury möchte man jedenfalls nicht zur Feindin, solange sie unter der Perücke der wie die Hölle tobenden eifersüchtigen Königin steckt. Und Franco Vasallo als Herzog von Nottingham erreicht mit seiner Stimme dasselbe wie Thor: den Schmelzpunkt.

Kontraste über Kontraste. Vor 4 Uhr konnte ich nicht einschlafen. Geträumt habe ich von Superheldinnen, die mit mir an der Kasse im Drogeriemarkt stehen. Vielleicht hatten sie ja auch die falsche Spülung im Schrank. Superheldinnen sind eben auch nur Menschen.