Immer am Puls der drängenden Fragen unserer Zeit: Peter Weibel, Vorstand des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medien (ZKM), am Ort seines einflussreichen und wegweisenden Wirkens, dem ZKM.
Immer am Puls der drängenden Fragen unserer Zeit: Peter Weibel, Vorstand des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medien (ZKM), am Ort seines einflussreichen und wegweisenden Wirkens, dem ZKM. | Foto: Uli Deck/Archiv

Kultur

Alles dreht sich um Peter Weibel – große Schau im Karlsruher ZKM

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In Karlsruhe ist er ein Star: Spätestens seit es die Schlosslichtspiele gibt, hat Peter Weibel in der Fächerstadt viele Fans. In der Kunstwelt ist er eine bedeutende Größe. Immer wieder hat er mit Performances, Aktionen oder sprachkritischen Arbeiten radikale Fragen gestellt: zur Geschlechterrolle, zur Wirkung der Medien, zur Stellung des Menschen in einer zunehmend automatisierten Welt. Vielfach hat sich Weibel als Impulsgeber erwiesen.

Er ist als Künstler hervorgetreten, hat zahlreiche theoretische Aufsätze verfasst und hat in Städten wie Graz, Sevilla oder Moskau bedeutende Ausstellungen eingerichtet. Seit 1999 ist der Österreicher künstlerischer und wissenschaftlicher Vorstand des Zentrums für Kunst und Medien (ZKM) Karlsruhe. Dort wird an diesem Freitag eine große Retrospektive auf das Werk Weibels eröffnet.

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Prominente Unterstützer für Verlängerung

Die Veranstaltung wird mit einiger Spannung erwartet. Ist doch als einer der Redner Karlsruhes Oberbürgermeister Frank Mentrup angekündigt. Von ihm wird erwartet, dass er sich für eine deutliche Verlängerung von Weibels Vertrag als ZKM-Chef stark macht.

Bislang haben sich bereits prominente Unterstützer zu Wort gemeldet, darunter der Maler Markus Lüpertz, der Philosoph Slavoj Žižek und die Choreografin Sasha Waltz. Auch der Stiftungsrat des Karlsruher Zentrums hat dafür plädiert, Weibel möglichst lange zu halten. Nach der gegenwärtigen Planung läuft sein Vertrag Ende 2020 aus.

  • Immer am Puls der drängenden Fragen unserer Zeit: Peter Weibel, Vorstand des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medien (ZKM), am Ort seines einflussreichen und wegweisenden Wirkens, dem ZKM.
  • "Beobachtung der Beobachtung: Unbestimmtheit". Eine Szene aus dem Jahr 1973. Kameras und Monitore sind einander so gegenübergestellt, dass der Betrachter sich in den Bildschirmen nie von vorne sehen kann, so sehr er sich auch dreht und wendet.
  • Eine Szene aus dem Jahr 1967: Peter Weibel im Selbstportrait als junger Hund.
  • Frühe Ausrichtung: ZKM-Chef Peter Weibel hat sich schon im Jahr 1974 als Co-Autor mit der Informationstechnologie beschäftigt.
  • "Tritität" (1975) nennt Peter Weibel ein Video, bei dem er Gesichter vermischte.
  • Erinnerung an eine Aktion: Susanne Widl und ihr Lebenspartner 2014 bei der Eröffnung der Ausstellung "Peter Weibel Medienrebell" im 21er-Haus in Wien.
  • ZKM-Chef Peter Weibel im Gespräch mit BNN-Anzeigenverkaufsleiter Udo Kamilli.
  • Peter Weibel ist einer der Köpfe der Schlosslichtspiele. Auf dem Bild drückt er zusammen mit OB Mentrup (links) den Startknopf.
  • Politische Dialoge sind ihm wichtig: Peter Weibel und Winfried Kretschmann im Austausch über aktuelle und zukünftige Formen der Digitalität in der Ausstellung Open Codes.

Peter Weibel hatte einen facettenreichen Lebensweg

Der heute 75-Jährige hatte bereits einen facettenreichen Lebensweg hinter sich, als er nach Karlsruhe kam. 1944 in Odessa geboren, gelangt er noch als Säugling nach Österreich. Seine Mutter ist allein erziehend und muss arbeiten gehen, um für ihn und seinen Bruder zu sorgen.

So verbringt Weibel einen Teil seiner Schulzeit im Internat. Die Beschäftigung mit Büchern wird ihm zum Halt, Wissen zum Lebenselixier. Bald nach dem Abitur geht er zum Studium nach Paris, dann nach Wien. Dort bewegt er sich in Kreisen der literarischen und künstlerischen Avantgarde.

Zeitweise schließt sich Weibel den Wiener Aktionisten an, von denen er sich aber zunehmend löst, um eigene Ausdrucksformen zu entwickeln. Später wird er sagen: „Manchen ist der Anzug zu eng, manchen manchmal die Wohnung, mir ist immer die Welt zu eng.“

Punk-Band und Film-Analysen

Zusammen mit seiner ehemaligen Partnerin Valie Export thematisiert der Künstler und Theoretiker etwa das Geschlechterverhältnis oder die Auswirkungen der Konsumgesellschaft. In zahlreichen eigenen Arbeiten nimmt er die Sprache beim Wort oder den Einfluss der Medien auf die menschliche Wahrnehmung.

Mit Lloys Egg gründet er die Punk-Band „Hotel Morphila Orchestra“, vereinzelt tritt er als Filmschauspieler auf. Dem Kino widmet er eine Fülle von Analysen, wobei er stets die aktuellsten Tendenzen im Blick hat. So geht er schon früh auf die Bedeutung von Musik-Videos ein und stellt bereits 1982 fest: „Das neue Heim segelt souverän in die digitale Zukunft.“

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Reiche akademische Erfahrung

Weibels analytisches Gespür findet bald Widerhall in der akademischen Welt. Von 1984 bis 1989 lehrt er an der State University of New York, parallel dazu nimmt er eine Professur für Fotografie an der Gesamthochschule Kasel wahr.

1989 gründet er das Institut für Neue Medien an der Städelschule in Frankfurt am Main, dessen Leiter er bis 1995 bleibt. Seit 2017 ist er Direktor des Peter Weibel Forschungsinstituts für digitale Kulturen an der Universität für angewandte Kunst Wien, wo er er von 1984 bis 2017 als Professor für Mediengestaltung, später Medientheorie tätig war.

Aktuelle Themen im ZKM

Am ZKM hat Weibel von Anfang an konsequent auf Internationalität gesetzt. Der französische Philosoph Alain Finkielkraut erhielt dort ebenso ein Forum wie der Literat Michel Houellebecq oder der US-amerikanische Linguist und Systemkritiker Noam Chomsky.

Mit großen Ausstellungen griff Weibel brisante Themen der Gegenwart auf: „Der anagrammatische Körper“ (2000) untersuchte, wie weit das moderne Körperverständnis von den Massenmedien geprägt wird, „Iconoclash“ (2002) rückte die vielfältigen Formen historischer Bilderstürme in den Fokus – erst im Jahr zuvor hatten radikalislamistische Taliban die monumentalen Buddha-Statuen von Bamiyan gesprengt und war in New York die Terror-Attacke auf die Twin-Towers verübt worden.

Ob die Rolle der Presse oder der Einfluss der Elektrizität auf die Kunstproduktion, ob Globalisierung der Künste oder Mechanismen der Überwachung: Unter Weibels Ägide wurden immer wieder Fragen aufgegriffen, die gerade besonders akut waren oder deren Tragweite sich noch erweisen sollte.

Eindruck machte er auch mit der Ausstellung „Open Codes“, die Zuschauer mit freiem Eintritt und kostenlosem Kaffee lockte.

Zahlreiche Ehrungen

Anerkennung und Dank für seine Leistungen erhielt Weibel vor allem in Österreich: 1992 gab es den Preis der Stadt Wien für Bildende Kunst, zehn Jahre später das Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich.

Es folgten das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse (2010), der Oskar-Kokoschka-Preis (2014) und der Österreichischen Kunstpreis für Medienkunst (2017).

Aber auch in Deutschland und anderswo fand Wiebels Wirken Beachtung: Zu seinen weiteren Auszeichnungen zählen etwa die Aufnahme in den Ordre des Arts et des Lettres (2008) und Ehrendoktorwürden der University of Art and Design Helsinki (2007) und der Universität Pécs (2013).

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Bescheiden geblieben

Trotz seiner internationalen Vernetzung und seine selbstverständlichen Umgangs mit Philosophen, Künstlern, Wissenschaftlern ist Peter Weibel bescheiden geblieben. Wenn er im Ausland als Kurator tätig ist oder an als Redner bei Fachtagungen teilnimmt, wählt er vergleichsweise einfache Hotelkategorien.

Begegnet er beim Gang durch die Stadt einem Bettler, kommt es nicht selten vor, dass er sich bückt, um ihm Geld zu geben. Und auch sein Konzept, in Karlsruhe Schlosslichtspiele zu veranstalten, resultiert aus dem Bedürfnis, nicht abgehoben zu sein, sondern etwas für die Bürgerinnen und Bürger zu tun.