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Gala in Berlin

„Anatomie eines Falls“ räumt beim Europäischen Filmpreis ab

Das Gerichtsdrama „Anatomie eines Falls“ ist der große Gewinner beim Europäischen Filmpreis. Hauptdarstellerin Sandra Hüller wird als beste Schauspielerin geehrt. Bei ihrer Dankesrede hat die 45-Jährige eine besondere Bitte.

Für sie hat sich der Abend gelohnt: Schauspielerin Sandra Hüller (l) und Regisseurin und Drehbuchautorin Justine Triet können sich über ihre Trophäen für „Anatomie eines Falls“ freuen.
Für sie hat sich der Abend gelohnt: Schauspielerin Sandra Hüller (l) und Regisseurin und Drehbuchautorin Justine Triet können sich über ihre Trophäen für „Anatomie eines Falls“ freuen. Foto: Christoph Soeder/dpa

Es ist durchaus keine leichte Frage, die sich wie ein roter Faden durch „Anatomie eines Falls“ zieht: War es ein Unfall, ein Suizid – oder doch Mord? Der komplexe Justizthriller von Justine Triet über eine selbstbestimmte Autorin unter Mordverdacht hat bei dem Europäischen Filmpreis am Samstagabend in Berlin gleich in fünf Kategorien abgeräumt. Der Film wurde als bester europäischer Film des Jahres geehrt, zudem erhielt er Trophäen für die Regie, das Drehbuch und den Schnitt.

Zu den großen Gewinnerinnen des Abends zählte dabei auch die deutsche Schauspielerin Sandra Hüller (45), die in „Anatomie eines Falls“ die Hauptrolle verkörpert und dafür den Preis als beste Darstellerin gewann. In ihrer Rede bedankte sich die in Suhl (Thüringen) geborene Schauspielerin – und rief das Publikum zu Schweigesekunden für Frieden in der Welt auf. „Da wir heute Abend so viele sind (...), würde ich gerne ein paar Augenblicke mit euch schweigen“, sagte Hüller. Im Saal wurde es ganz still, danach gab es viel Applaus.

Die 45-Jährige, die in Leipzig lebt, war in der Kategorie gleich zweimal nominiert (auch für das Drama „The Zone of Interest). Sie setzte sich unter anderem gegen ihre deutsche Kollegin Leonie Benesch („Das Lehrerzimmer“) und die Finnin Alma Pöysti aus der Tragikomödie „Fallende Blätter“ durch. Hüller hatte bereits 2016 die Trophäe als beste Darstellerin für die Tragikomödie „Toni Erdmann“ bekommen.

In „Anatomie eines Falls“ geht es um die Schriftstellerin Sandra, die mit ihrem Mann Samuel und ihrem fast blinden Sohn Daniel in den französischen Alpen lebt. Als Samuel tot vor dem Chalet gefunden wird, sieht alles nach einem üblen Sturz aus. Doch es dauert nicht lange, bis Sandra verdächtigt wird, ihren Mann umgebracht zu haben und sich dafür vor Gericht verantworten muss. Hüller spielt eine undurchsichtige Frau, die die Zuschauer bis zum Schluss über ihre Beweggründe rätseln lässt.

Das komplexe Drama thematisiert dabei auch die Konflikte des Paars und lässt einen immer wieder an seiner Einschätzung zweifeln, ob Sandra nun schuldig ist oder nicht. Bei den Filmfestspielen in Cannes hatte der Film, der im November in die deutschen Kinos kam, die Goldene Palme gewonnen. Das Team ist zudem im Gespräch für das Oscar-Rennen – auch Hüller als Hauptdarstellerin. Das Branchenmagazin „The Hollywood Reporter“ stellte Anfang September sogar schon die Frage: „Sandra Hüller, Schauspielerin des Jahres?“

Als den besten europäischen Darsteller kürten die Mitglieder der Europäischen Filmakademie den Dänen Mads Mikkelsen für seine Rolle im Film „Bastarden“. Der 58-Jährige bedankte sich per Video für den Preis. In der Kategorie war unter anderem auch der deutsche Schauspieler Christian Friedel (44) vorgeschlagen, der in „The Zone of Interest“ den Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß darstellt.

Als bester Dokumentarfilm setzte sich „Smoke Sauna Sisterhood“ durch, der mehrere Frauen in einer Rauchsauna in Estland porträtiert. Statt einer Dankesrede wollte Regisseurin Anna Hints ein Lied singen, nachdem sie den Preis in Berlin entgegengenommen hatte.

Der Europäische Filmpreis zählt zu den renommiertesten Auszeichnungen der Branche. Die rund 4600 Mitglieder der Filmakademie konnten in etlichen Kategorien über Preisträgerinnen und Preisträger abstimmen, ähnlich wie bei den Oscars in den USA. Im vergangenen Jahr wurde die Satire „Triangle of Sadness“ über eine Luxuskreuzfahrt als bester europäischer Film prämiert.

Die britische Schauspielerin Vanessa Redgrave („Blow Up“) wurde für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Der ungarische Filmregisseur Béla Tarr („Sátántangó“) erhielt einen Ehrenpreis des Präsidenten und des Vorstands der Akademie. Der Auftritt des 68-Jährigen auf der Bühne sorgte im Publikum für Begeisterung.

Die spanische Regisseurin Isabel Coixet („Das geheime Leben der Worte“) wurde für ihre Verdienste um das Weltkino prämiert, den Preis nahm sie sichtlich gerührt entgegen. Einige Gewinner standen schon vor der mehrstündigen Gala fest: „The Zone of Interest“ von Jonathan Glazer bekam etwa einen Preis für den besten Sound. Der Europäische Filmpreis wird in der Regel abwechselnd in Berlin und einer anderen europäischen Stadt verliehen.

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