In der Abteikirche Schwarzach verwirklichte Arnold Tschira seine Vorstellung von spätromanischer Sakralarchitektur in der Nachfolge der Hirsauer Bauschule. | Foto: Ulrich Coenen

Arnold Tschira

Facetten eines Wissenschaftlerlebens

Ein halbes Jahrhundert nach ihrem Tod sind die meisten Wissenschaftler vergessen. Dass Arnold Tschira dieses Schicksal nicht teilt, ist ein Verdienst seiner Schüler, die ein ungewöhnlich vertrauensvolles Verhältnis zu dem früheren Ordinarius für Baugeschichte des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) hatten. Anlässlich seines 100. Geburtstags 2011 veranstalteten die ehemaligen Mitarbeiter ein Kolloquium an der Architekturfakultät. Jetzt sind die Vorträge von damals als Band 23 der Veröffentlichungsreihe des Fachgebiets Baugeschichte erschienen, das Tschira von 1950, als er an die Technische Hochschule (TH) Karlsruhe (einem der Vorläufer des KIT) berufen wurde, bis zu seinem frühen Tod 1969 geleitet hat. Herausgegeben wird die Schrift von Johann Josef Böker, einem der Nachfolger Tschiras auf diesem Lehrstuhl, und von Karlfriedrich Ohr, der als Oberkonservator der Landesdenkmalpflege viele Jahre den Landkreis Rastatt und Baden-Baden betreut hat.

Im Schatten Eiermanns

Der kleine Band ist mehr als ein Porträt Tschiras. Er zeichnet ein Bild der baugeschichtlichen Lehre und Forschung in Karlsruhe über zwei Jahrzehnte und gibt dank des spannenden Beitrags von Immo Boyken, ehemaliger Professor für Baugeschichte an der Hochschule Konstanz, ein facettenreiches Bild der Architekturfakultät der 1960er Jahre. Dort studierte Boyken seinerzeit und er erlebte diese Einrichtung, die vollkommen von Egon Eiermann „überstrahlt“ wurde, auch wenn die Studenten ihn „selten zu Gesicht bekamen“. Bei Tschira, der seine Studenten mitunter überforderte, fiel Boyken im Grundstudium durch die Baugeschichte-Prüfung, völlig zu Recht, wie er heute meint, völlig zu Unrecht, wie Boyken damals kritisierte. Dennoch fand er, auch dank Tschira, zur Baugeschichte und wurde schließlich selbst Professor.

Umstrittene SS-Mitgliedschaft

Der Schwerpunkt von Tschiras Forschung lag in der Antike und so bildet der Aufsatz des 2015 verstorbenen Jürgen Rasch, außerplanmäßiger Professor für Baugeschichte am KIT, einen Schwerpunkt des Bandes. Tschira war Vertreter seines Fachs bei der Zentraldirektion des Deutschen Archäologischen Instituts und seine Forschungen zu den spätantiken Zentralbauten bildeten einen Schwerpunkt.
Das Leben des 1910 in Freiburg geborenen Tschira skizzieren Ohr und Adolf Hoffmann, später Professor für Baugeschichte an der TU Cottbus. Sie sparen auch die umstrittene SS-Mitgliedschaft Tschiras nicht aus, über die sich der Leser aber noch mehr Informationen gewünscht hätte.

Weinbrenners Stadtplanung

Dass sich ein Karlsruher Baugeschichte-Professor mit Friedrich Weinbrenner beschäftigt, ist beinahe Pflicht. Gottfried Leiber, früherer stellvertretender Leiter des Karlsruher Stadtplanungsamtes, erinnert in seinem Aufsatz an die Zuschreibung des so genannten Tulla-Plans zur Stadterweiterung an Friedrich Weinbrenner, mit dem Tschira 1959 die Fachwelt überraschte.

Abteikirche in Schwarzach

Peter Marzolff, später als Wissenschaftler an der Universität Heidelberg tätig, beschreibt Tschiras Beiträge zur Mittelalter-Archäologie, die neben seinem Schwerpunkt Antike weniger bedeutend erscheinen. Im Mittelpunkt stehen Ausgrabung und Bauforschung im Schwarzacher Münster ab 1964, die in die damals gelobte und vor allem seit den Veröffentlichungen von Eckart Rüsch seit 1991 umstrittene Rekonstruktion der spätromanischen Abteikirche mündeten. Diese Kontroverse spielt im Buch leider keine Rolle, vielleicht auch, weil die Autoren damals größtenteils beteiligt waren und der schmerzlichen und zum Teil polemischen Kritik aus dem Weg gehen wollen.

Hohe Ästhetik

Tschira sollte die Fertigstellung seines Werks im heutigen Rheinmünsteraner Ortsteil Schwarzach im Jahr 1969 nicht mehr erleben. Er starb kurz vorher im Alter von nur 58 Jahren. Auch wenn man die wenig rücksichtsvolle Zerstörung barocker und neugotischer Bausubstanz in Schwarzach kritisch sehen muss, so ist Tschira mit der Rekonstruktion der Abteikirche ein Kunstwerk gelungen, das aus heutiger Sicht ein Kapitel der Denkmalpflege und hohe ästhetische Ansprüche vereint. Es wäre ein Frevel, dieses anzutasten.

Johann Josef Böker, Karlfriedrich Ohr (Hrsg.): Der Bauforscher Arnold Tschira (1910 – 1969), Gedenkschrift seiner Schüler zum 100. Geburtstag, KIT Scientific Publishing. 94 Seiten, 32 Euro.

Das Buch ist als PDF unter diesem Link beim Verlag barrierefrei online verfügbar.