Spektaktuläre Mischung aus Artistik und Livemusik: die diesjährige Eröffnungsshow "Extreme Night Fever". | Foto: pr

Atoll-Festival in Karlsruhe

Zirkus mal ganz anders

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Es war durchaus ein Risiko, als das Karlsruher Kulturzentrum Tollhaus vor zwei Jahren kurzfristig ein neues Festival aus der Taufe hob: „Atoll“ hieß das fünftägige Ereignis, bei dem ein geballtes Programm mit internationalen Künstlern des „Neuen Zirkus“ aufgefahren wurde. Würde sich angesichts des ohnehin schon dicht gepackten Kulturprogramm des Spätsommers noch ein Publikum finden für diese eher spezielle Formen von Artistik und Akrobatik?

Faszinierende Balanceakte wie hier von der britischen Formation Ockham’s Razor gehören zum Markenzeichen des Atoll-Festivals. | Foto: pr

Der große Zuspruch gab erste Hoffnung – und bereits bei der nun eröffneten dritten Auflage, die noch bis Sonntag, 23. September, ein volles Programm bietet, ist das Festival offenbar bestens etabliert. Mit Spannung erwartet wurde die Auftaktshow: Im vergangenen Jahr hatte das französische Kollektiv „Compagnie XY“ kaum zu toppende Perfektionsmaßstäbe in Artistik und Choreografie gesetzt. Eine deutlich schrägere und wildere Mischung servierte nun die ebenfalls aus Frankreich stammende Truppe „Cirque Inextremiste“ mit „Extreme Night Fever“.

Und extrem ging es in der Tat zu – wobei die rund 100-minütige Performance vor allem ein wuchtiges Livekonzert war, das von düsteren Mörderballaden à la Nick Cave über pumpende Balkanbeats, ansteckenden Tex-Mex-Groove und sogar Walzer und Tarantella (samt Tanzanleitung fürs Publikum) bis zur hedonistischen 80er-Jahre-Disco alles auffuhr, was Atmosphäre und Stimmung macht.

Mit Zwangsjacke aufs Trampolin

Wer wegen Artistik gekommen war, der musste sich etwas gedulden. Doch was dann vor allem auf dem Trampolin aufgetischt wurde, war durchaus zum Kinnladenrunterklappen: Einer der beteiligten Herren legte bei permanenten Salti einen Strip von der Zwangsjacke bis zur Unterhose hin, zwei Messerwerfer balancierten erst auf einem Balken und zielten dann während wilder Ballonsprünge auf einen roten Ballon, eine der wohl größten (und frivolsten) Schlangenfrauen der Zirkusszene ließ sich in einer Kiste mehrfach durchbohren, um zum Finale der Show auf einer riesigen Discokugel über dem Publikum zu schweben, während die Band verkündete: „You can do whatever you want.“

Polarisierende Performance

Die Zeile passt perfekt zu dieser wilden Truppe, die sich herausnimmt, zu tun was immer sie will – und die das auch kann. Ob man diese knallige Performance, die das Publikum durchaus polarisierte, nun noch unter das Label Zirkus fällt oder eher eine Rockkonzert mit zirzensischer Show ist, liegt im Auge des Betrachters – wobei diese Frage auch herzlich egal ist, wenn man bereit ist, sich auf diese kollektive Party einzulassen. Irritierend war allerdings die Altersangabe „ab acht Jahren“ angesichts der musikalisch wie szenisch eher erwachsen ausgerichteten Show.

Kleinere Stücke als Gegengewicht

Nicht zuletzt zeigt die Produktion, wie enorm breit gefächert dieses Genre daherkommt, was sich auch in den nächsten Tagen des Festivals zeigen wird, wenn acht kleinere und eher poetisch leise Stücke ein Gegengewicht setzen. Alle der neun eingeladenen Produktionen werden mehrfach gezeigt. Das spanische Duo Escarlata Circus spielt seine außergewöhnliche Koch- und Gemüseshow „Devoris Causa“ sogar acht Mal – denn ins kleine Zelt, das im Tollhaus-Innenhof aufgebaut wird, passen nur 50 Besucher.

Das kleine Zelt des spanischen „Circus Escarlata“ ist einer der sechs Spielorte, an die Bernd Belschner, Britta Velhagen und Stefan Schönfeld (vorne von links) neun Produktionen eingeladen haben. | Foto: Fink

Eine Verlagerung in eine größere Spielstätte ist keine Option. Denn die Atmosphäre der mitunter skurrilen Zelte, die von den Truppen selbst mitgebracht werden, gehört untrennbar zu den Stücken – ebenso wie die Performance „Barstool Bound“ unter beengten Verhältnissen in einer Bar stattfinden muss. Mit dieser Produktion erweitert das Festival sein Areal über das Tollhaus-Gelände hinaus auf den Kreativpark Alter Schlachthof und macht auch die benachbarte Punkkneipe „Alte Hackerei“ zum Atoll-Schauplatz.

Revue für den Nachwuchs

Aber natürlich gibt es auch Vorstellungen mit viel Platz: Im großen Saal, wo „Extreme Night Fever“ noch  am  21. und 22. September jeweils ab 21 Uhr zu sehen ist,  wird auch die Revue „Atoll Surprise“ gezeigt (20. September, 20 Uhr; 23. September, 17 Uhr). „Das ist ein Forum für junge Artisten, die gerade ihre Ausbildung beendet haben oder an ihrer ersten Show arbeiten und sich hier vor Publikum präsentieren können“, erklärt Stefan Schönfeld vom Festivalteam. Für alle Vorstellungen im großen Saal gibt es noch Karten, ansonsten ist das Festival weitgehend ausverkauft.

Ausnahmekünstler aus Beglien: Danny Ronaldo spielt mit seinem „Circus Ronaldo“ ein Solostück. | Foto: pr

Chancen auf einen Platz hat man noch in dem verhältnismäßig großen Zelt, in dem der Circus Ronaldo vom 20. bis 23. September im Otto-Dullenkopf-Park aufspielt. Danny Ronaldo, Spross einer belgischen Zirkusdynastie in der siebten Generation, gilt als virtuoser Clown und berührender Schauspieler. Sein Stück „Fidelis Fortibus“ ist in einem ausgestorbenen Zirkus angesiedelt und erinnert auf melancholische Weise an vergangene Größen dieser Kunst. Sein eigenwilliger Spielstil macht die Show erst für Besucher ab zwölf Jahren empfehlenswert, wohingegen der Kanadier Jamie Adkins sich mit seinem Kampf gegen die Tücken der Objekte am 23. September (16 und 19.30 Uhr) an alle richtet. Stefan Schönfeld: „Über Jamie Adkins sagt man in der Szene bewundernd: Das ist einer, der alles kann – und das auch noch richtig gut.“

Hier geht’s zur Homepage des Festivals.