Im kleinen Kreis: Die Toten Hosen haben am Samstag in der Gedächtniskirche in Speyer ein Konzert vor 300 Leuten gegeben. | Foto: Niko Neithardt/SWR3

Akustik-Set und Talk mit Fans

Intime Kirchen-Show in Speyer: Warum die Toten Hosen Karlsruhe lieben

Anzeige

Die Toten Hosen füllen Stadien – und manchmal auch Kirchen. In der Gedächtniskirche in Speyer kamen Band und Fans sich am Samstagabend ziemlich nahe. Die Musik rückte gar ein wenig in den Hintergrund. Stattdessen standen die Toten Hosen den Fans Rede und Antwort – und erklärten, warum sie alle Karlsruher lieben.

Dass die Toten Hosen unplugged spielen, ist keine ganz neue Sache: Schon 2005 gaben sie mal ein Akustik-Konzert und brachten es als Album raus. Mit der Platte „Alles ohne Strom“ knüpften sie erst vor ein paar Wochen an diese Tradition an. Verstärkt mit Akkordeon, Klavier und Cello sind sie auf Einladung des SWR für ein Radio-Konzert nach Speyer gekommen – und mit ihnen knapp 300 Fans, die es nicht lange auf den Kirchenbänken hält.

Imposante Kulisse: Der Altarraum der Gedächtniskirche als Bühne. | Foto: Niko Neithardt/SWR3

Tatsächlich gelingt es der Band mit ihren Gastmusikern, einigen altbekannten Songs ein neues Gewand zu verpassen und neue Facetten zu entlocken: „Hier kommt Alex“ kommt als rockende Blues-Nummer daher, das schnelle „Weil du nur einmal lebst“ versprüht mit Akkordeon und Polka-Beat viel Balkan-Folklore.

Ausgiebiger Dialog mit den Fans

Es ist am Samstagabend aber vielleicht gar nicht so sehr die Musik, die im Mittelpunkt steht. Sondern der Dialog, der sich zwischen den Musikern und ihren Fans entwickelt. Per Saalmikrophon können die nämlich zwischen den Songs der Band so ziemlich alle Fragen stellen, die ihnen auf der Zunge liegen. „Wir werden ehrlich antworten, das gebietet ja alleine schon dieser Ort“, erklärt Campino mehr als einmal.

Damit setzt sich der Frontmann direkt ziemlich unter Druck. Die Hosen spielen drei Songs zum Aufwärmen, dann gehörte dem Publikum das Wort. Erste Frage: Was es eigentlich mit dem Ring auf sich habe, der neuerdings dauernd Campinos linken Ringfinger schmücke, will eine Besucherin wissen. Plötzlich verheiratet?

Der Sänger druckst etwas herum: Der Ring sei halt auf einmal dagewesen, merkwürdige Sache. Zum Heiraten sei er (57) ja eigentlich noch zu jung. Jedenfalls wäre es vielleicht besser, den Ring zunächst mal da zu belassen, wo er jetzt ist. Campinos Familienstand bleibt Interpretationssache, die Sache mit der Ehrlichkeit hat, zumindest dieses eine Mal, eine Grenze.

Es zeichnet die Toten Hosen seit jeher aus, Privates weitgehend aus der Öffentlichkeit fernzuhalten – und dennoch eine überaus nahbare Band zu sein. Der weitere Verlauf des Abend belegt das. Schlagfertig, pointiert, manchmal nachdenklich und immer sehr persönlich beziehen die Musiker Stellung zu allen möglichen Themen, die den Fans unter den Nägeln brennen.

„Mehr saufen, weniger saufen“

Was würden die Toten Hosen von 1982 den Toten Hosen von heute raten – und was die Hosen von heute jenen jungen Punks der Anfangstage, will jemand wissen. „Mehr saufen, weniger saufen“, bringt Gitarrist Kuddel die Sache auf den Punkt.

Campino antwortet wie gewohnt ausschweifender, beleuchtet die mittlerweile mehr als dreißig jährige Bandgeschichte. Er hoffe, dass die Toten Hosen von damals die heutige Band okay fänden und in der Entwicklung keine Brüche feststellen würden. „Als Vorband hätten sie uns aber wohl von der Bühne gejagt“, schätzen die Hosen von heute.

Fast ohne Strom: Kuddel und Andi von den Toten Hosen. | Foto: Niko Neithardt/SWR3

In der Tat hat sich viel geändert: Ein Akustik-Set in einer Kirche wäre in den frühen 80ern undenkbar gewesen. Zwar lassen es sich die Hosen nicht nehmen, ihren religionskritischen Hit „Paradies“ zu spielen und zwar macht Campino keinen Hehl daraus, längst aus der Kirche ausgetreten zu sein. Aber er erkennt an: Es seien auch die Kirchen, die kompromisslos Werte hochhielten, die andernorts zunehmend in Bedrängnis geraten.

Auch interessant: Kardinal erklärt, Fan der Toten Hosen zu sein

Innehalten auf den Kirchenbänken

In ihrer Setlist knüpfen die Hosen mit zwei Liedern an diese Werte an: Das ruhige, bedrückte „Europa“ thematisiert das Schicksal von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer. Und „Schwerelos“ erzählt, leise und getragen von Klavierklängen, aus dem Leben einer Auschwitz-Überlebenden.

Campino ringt mit den Worten, als er das Stück anmoderiert. Er hoffe, sein Text, seine Perspektive würde von den noch lebenden Insassen der Konzentrationslager nicht als Anmaßung empfunden. Dann setzt die Musik ein, der Gesang und ein dreiminütiges Innehalten auf den Kirchenbänken.

Zum Thema: Die Toten Hosen spielen bei Anti-Pegida-Kundgebung 

Es spricht für die Integrität der Band, dass dieses Thema nicht deplatziert wirkt in einer Setlist, in der auch die Straßenschlachten von einst besungen werden („Liebeslied“) und massentaugliche Partyhits auftauchen („Feiern im Regen“).

Vielleicht würden die Hosen von einst jenen von heute tatsächlich attestieren, sich ohne einen Bruch entwickelt zu haben. Viele Fans jedenfalls sind den Weg der Band mitgegangen.

Weiterlesen: Die Toten Hosen werden für Engagement gegen Rassismus ausgezeichnet 

Über Karlsruhe nach Südamerika

Irgendwann im Laufe des Abends trägt eine Frau aus dem Publikum einen kurzen Text vor. Sie würdigt die Bedeutung der Band für ihr eigenes Leben. Kurze, knappe Sätze, passend zur Umgebung beinahe im Stile einer Fürbitte. Es gibt tosenden Applaus, die Band ist gerührt und Campino weiß nicht so recht, was er sagen soll.

Die Einheit von Fans und Band ist sicherlich bemerkenswert und wohl eher nicht der musikalischen Exzellenz der Hosen geschuldet, sondern der bodenständigen Art und dem Teamgeist, den sie auf und abseits der Bühne vermitteln.

So läuft im Hosen-Kosmos alles recht unkompliziert: Campino beklagt sich auf der Bühne über arg wässrig gemischte Weinschorle in seinem Glas, offenbar zeichnet Tourmanager Robert Köhler dafür verantwortlich.

Was also machen? Klar, den Typ auf die Bühne rufen und zur Rede stellen. Der kommt dann auch tatsächlich nach vorn und hört sich Campinos Klagen mit einer gewissen Belustigung an. Das nächste Weinglas jedenfalls trägt er dem Sänger höchstselbst auf die Bühne – es ist zumindest mal gut gefüllt.

Ihm schmeckt´s nicht: Das Mischverhältnis in der Weinschorle passt nicht – Zeit also, den Tourmanager auf die Bühne zu zitieren. | Foto: Niko Neithardt/SWR3

Vielleicht auch deswegen lässt sich Campino zu einer Liebeserklärung an alle Karlsruher hinreißen, als sich ein Besucher von da zu Wort meldet. Es sei ein aus Karlsruhe ausgewanderter Fan, sagt Campino, der den Hosen ihre ersten Gigs in Argentinien besorgt habe.

Das südamerikanische Land ist seitdem zur zweiten Heimat der Band geworden, die dort die Stadien genauso füllt wie in Deutschland. „Daher kann ich eigentlich sagen, wir lieben alle Karlsruher grundsätzlich erst mal“, erklärt Campino.

Campino klettert über Bänke – die Kirche freut´s

Weit über zwei Stunden bestreiten die Hosen am Ende in Speyer. Irgendwann hält es Campino nicht mehr vorn vor dem Altar: Zu den Klängen von „Wünsch dir was“ klettert er über Kirchenbänke, verschwindet irgendwo im Publikum, als sei das hier nicht die Gedächtniskirche, sondern ein kleiner Punk-Club. Das sei ganz grandios gewesen, erklärt die Evangelische Landeskirche der Pfalz am nächsten Tag über Facebook.


Die Fußball-Hymne „You´ll never walk alone“ markiert am Samstagabend dann den letzten Akt in der Gedächtniskirche.

Hinterher fangen einige Fans die Band auf dem Weg ins Gemeindehaus ab, wo sich der Backstage-Bereich befindet. Die Musiker lassen sich darauf ein, machen Fotos, geben Autogramme, scherzen herum. Die Hosen mögen heute in Kirchen spielen und Millionäre sein und dennoch: Sie sind irgendwie doch immer die alten geblieben.

Auch interessant: Campino grübelt über die Zukunft der Toten Hosen