Ein Star auf der Show-Bühne: Der Countertenor Franco Fagioli verkörpert im Karlsruher "Serse" eine Mischung aus Barock-Star und Entertainer in Las Vegas | Foto: Falk von Traubenberg

Oper Serse als grandiose Show

Barock im Night-Fever

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Das hat das Zeug, den letzten Opern-Skeptiker hinterm Ofen vorzulocken: Was Georg Friedrich Händel einst am Hellespont um 480 vor Christus geschehen ließ, verlagert Regisseur Max Emanuel Cencic ins bunte und lasterhafte Treiben von Las Vegas. Die Oper „Serse“ feierte am Freitagabend in der Neuinszenierung durch den österreichischen Sänger und Produzenten umjubelte Premiere und eröffnete zugleich die 42. Internationalen Händel-Festspiele in Karlsruhe. Mit Max Emanuel Cencic als Arsamene und Franco Fagioli in der Titelrolle stehen zwei der weltweit besten Countertenöre auf der Bühne. Das Publikum feierte ihre jeweils sehr einzigartige Sangeskunst, aber auch das gleichermaßen vergnügliche wie intelligent inszenierte Treiben rings um das Spiel um Liebe und Macht mit viel Szenenapplaus und frenetischem Jubel. Cencics Trick: Er verquickt drei historische Figuren und lässt sie im großartigen Countertenor Franco Fagioli aufblühen.

Glamour, Goldkettchen und Dekadenz: Max Emanuel Cencic (Mitte) führt nicht nur Regie in dieser Inszenierung, er singt auch die Rolle des Arsamene. | Foto: Falk von Traubenberg

Vom Perserkönig zum „Glitterman“

Serse (Xerxes) war von 486 bis 465 v. Chr. Persiens Großkönig und hegte eine große Leidenschaft für die Bautätigkeit – und für Frauen. Gaetano Majorano (1710 bis 1783) avancierte unter seinem Künstlernamen Caffarelli als Kastrat in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum berühmtesten Sänger Italiens. Georg Friedrich Händel gewann dieses Stimmwunder 1738 für sein Haymarket Theatre in London, schuf ihm mit den Opern „Faramondo“ und „Serse“ eine Bühne für sein kapriziöses Ego und komponierte ihm nicht nur virtuose Arien, sondern auch den Schlager „Ombra mai fu“, der Jahrhunderte später noch ein Hit ist. Auch noch, als Władziu Valentino Liberace in Las Vegas als Pianist und Entertainer seinem Spitznamen „The Glitterman“ alle Ehre macht, bevor er 1987 an den Folgen von Aids stirbt. Seine Aussage „Zuviel des Guten ist wunderbar“ wurde zum Untertitel der Verfilmung seiner Biografie durch Steven Sonderbergh (2013).

Barock-Hit als Show-Nummer in Las-Vegas

Jetzt kommt Franco Fagioli und erobert die Bühne bei den Händel-Festspielen in Karlsruhe wie eine Reinkarnation von Serse, Caffarelli und Liberace und lässt mit einer fantastischen Darbietung der Titelrolle in Händels Oper „Serse“ deren Glanz und Kapriolen lebendig werden. Gleich zu Beginn setzt sich der argentinische Sänger im Glamour-Anzug an den Flügel mit dem Kerzenleuchter und singt nicht nur ein entrücktes „Ombra mai fu“. Was man so wohl noch nicht auf der Opernbühne hatte: Fagioli begleitet sich selbst dazu am Flügel. Und während das Orchester hier ausnahmsweise zur Nebensache wird, erlebt man den ersten von vielen großartigen Kunstgriffen in dieser modernen, vergnüglichen und gleichermaßen intelligenten Deutung des antiken Stoffes, die ihn nach Las Vegas verlegt.

Alle hängen an seinen Lippen: Franco Fagioli bietet in der Titelrolle der Oper „Serse“ musikalisch und darstellerisch eine Glanzleistung | Foto: Falk vonTraubenberg

Fantastisches Podium für Fagioli

Der Countertenor Max Emanuel Cencic hat Franco Fagioli ein fantastisches Podium geschaffen, auf dem der argentinische Sänger einmal mehr deutlich macht, warum er ganz oben rangiert unter den Countertenören der Welt. Fagioli bietet als egozentrischer und launischer Star ebenso wie mit seiner einzigartigen Stimme eine umwerfende Show. Cencic verkörpert mit viel Witz und seiner samtenen Stimme Serses Bruder Arsamene, der die Frau hat, die Serse begehrt, aber nicht haben kann. Und um dieses Spiel um Macht und Liebe hat Cencic spritzige und extrem witzige drei Akte konzipiert.

Showbusiness und Todsünden

Er setzt an der Idee des venezianischen „dramma giocoso“ an, in dem sich lächerlich macht, wer seine vom Schicksal zugewiesene Rolle nicht annimmt. Das lasterhafte Treiben im Las Vegas der 70er Jahre ist der perfekte Ort für die sieben Todsünden. Zwischen der Showbühne, Serses Villa und dem Imbiss „The frustrated Lovers“ (Bühne: Rafail Ajdarpasic, Kostüme: Sarah Rolke, Wicke Naujocks) entspinnt sich ein flottes Geschehen, in dem Serse versucht, seinem Bruder Romilda, die Tochter seines Produzenten, auszuspannen. Das siebenköpfige Ensemble ist musikalisch wie darstellerisch großartig und gibt ebenso wie der Händel-Festspielchor und die Deutschen Händel-Solisten unter der Leitung von George Petrou mit sichtlicher Freude an der Sache alles, um Cencics Inszenierung Hochglanz zu verleihen.

Headbangen zu Händel: Dass zwei Arien als Live-Konzert im XS Nightclub umgedeutet werden, ist nur eine von vielen witzigen Einfällen der Regie | Foto: Falk von Traubenberg

Headbangen zu Händel

Man erlebt Yan Xu als gewitzten Elviro, der sein Publikum im „XS Nightclub“ als Rocksänger zum Headbangen bringt. Ariana Lucas, wie Xu aus dem Karlsruher Ensemble, als Haushälterin ist die perfekte frustrierte Geliebte. Lauren Snouffer als Romilda ist eine Traumpartie – nicht nur für Arsamene. Katherine Manley mimt köstlich ihre trampelige Schwester Atalanta mit etlichen Ticks und viel Hüftgold. Und Pavel Kudinov ist der schmierige Produzent Ariodate. Man kommt in diesen drei Stunden gar nicht erst in Versuchung, gedanklich abzuschweifen. Das liegt nicht nur daran, dass Händel in seiner vorletzten Oper das strenge Gerüst aus Rezitativ und ausladender Da-Capo-Arie der italienischen opera seria parodiert. Es liegt auch an den vergnüglichen Nebenhandlungen, die Cencic aufklappt.

Koloratur und Koksrausch

Während zum Beispiel Romilda auf dem Bett ihren Frust von der Seele singt („E’ Gelosia“) wird man Zeuge, wie sich Serse nebenan im Bad übermütig entkleidet, kokst und das Volumen seiner Blumenunterhose mit den verknoteten Socken vergrößert, um dann im Koksrausch unverrichteter Dinge aufs Bett zu fallen. Oper war zu Zeiten Händels große Unterhaltung. Dass das auch heute noch klappt, beweist Cencic mit dieser Produktion und der großartigen Besetzung. Die beste Show, die man seit „Radamisto“ in Karlsruhe bei den Händel-Festspielen erlebt hat – man würde jederzeit Netflix kündigen, um das öfter zu erleben. Auf die bemühten Übertitel im Jugendslang darf gerne verzichtet werden. Aber der blinkenden Tafel über der Bühnen-Bühne folgt man jubelnd: „Applause“ for Serse!