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„Berechenbar - Unberechenbar“ als Rundgang durch die Medienkunst

ZKM-Ausstellung in der „Digitalen Kunsthalle“ des ZDF: Wo Computer Menschen generieren

Eine künstliche Intelligenz erschafft täuschend echte Porträts, ein Avatar fragt „Wer bist du?“ - das ZKM Karlsruhe bietet gemeinsam mit dem ZDF einen Rundgang durch die Medienkunst.

Wie berechenbar ist der Mensch? In der Videoinstallation „Flick KA AI“ von Daniel Heiss generiert eine künstliche Intelligenz aus rund 50.000 realen Porträts von ZKM-Besuchern künstliche Porträts, deren Gesichter von lebenden Menschen kaum noch zu unterscheiden sind. Foto: ZKM/Daniel Heiss

Da hilft auch mehrfaches Hinschauen nichts: Auf dem Bildschirm erscheinen nebeneinander drei Passfotos. Darüber steht die Frage, welche von den hier abgebildeten Personen tatsächlich geboren und welche im Computer generiert wurde. Und wer sich auf dieses Spiel des Medienkunstwerks „KA Flick AI - Ein Turing-Test“ von Daniel Heiss einlässt, der muss bald feststellen: Der Algorithmus, der hier aus über 50.000 Porträts von ZKM-Besuchern neue Gesichter erschafft, ist in etlichen Fällen bereits ausgefeilt genug, um das menschliche Auge zu überlisten.

Zwischen Zuse-Kiste und Zoom-Konferenz

Diese Arbeit hat einerseits spielerischen Unterhaltungswert, trifft aber andererseits den Kern der Frage, auf der das jüngste Ausstellungsprojekt des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medien (ZKM) beruht: Sind die Realität und der Mensch zu berechnen?

„Berechenbar - Unberechenbar“ heißt die Schau, bei der vier Z zusammentreffen: Kuratiert wurde sie im ZKM. Präsentiert wird sie in der „Digitalen Kunsthalle“ des ZDF.

Und zu ihren Exponaten gehört einerseits die „Z22“ - der älteste noch funktionsfähige und original erhaltene Röhrenrechner der Welt, konstruiert von dem Ingenieur und Erfinder Konrad Zuse, und andererseits eine ganz aktuelle Medienkunstarbeit, die durch eine derzeit stark genutzte Plattform für Videokonferenzen inspiriert worden ist: Zoom.

Mehr als nur Abbilder der Werke

An diesen beiden Exponaten zeigt sich auch der augenfälligste Unterschied zwischen einer digitalen Ausstellung und einer analogen Schau: Dass dieser Computer die Größe einer Schrankwand hat, kann man nur vor Ort in Karlsruhe sehen, wo er als Teil der ZKM-Sammlung ausgestellt ist.

Im virtuellen Raum beschränken sich die Eindrücke auf Fotos und erläuternde Texte - ähnlich wie in anderen Präsentationen der ZDF-Internet-Kunsthalle, etwa einer Ausstellung zu Max Beckmann in einer virtuell nachgebauten Hamburger Kunsthalle oder der Beethoven-Schau „Welt.Büger.Musik“ der Bundeskunsthalle Bonn. Im Fall der Zoom-Arbeit „Hypercam“ von Kim Albrecht hingegen wird online nicht das Abbild eines Werks präsentiert, sondern das Werk selbst.

In der ZKM-Sammlung gibt es viele Kunstwerke, die keine eigene Materialität haben.
Livia Nolasco-Rozsas, Kuratorin und ZKM-Mitarbeiterin

Das war auch ein Impuls bei der Erstellung der Schau, erklärt Livia Nolasco-Rozsas, die mit Teresa Retzer die Ausstellung kuratiert hat und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Hertz-Labor des ZKM ist: „In der ZKM-Sammlung gibt es viele software-basierte Kunstwerke, die im Gegensatz zu Gemälden oder Skulpturen keine eigene Materialität haben und sich daher gut für eine Präsentation im digitalen Raum anbieten.“

Als „Ersatzprogramm“ für die Überbrückung des zweiten Lockdowns sei die Schau nicht geplant gewesen: Die Arbeit daran habe bereits im Sommer begonnen, als die aktuelle Entwicklung nicht absehbar gewesen sei.

Kunst erkundet virtuelle Räume

Vielmehr zielt die Ausstellung darauf, das Potenzial virtueller Räume zu erkunden. So verwandelt das Video „perpetual browse_r_2“ von Sandra Crisp (2019) Fragmente aus TV-Nachrichten in räumliche Elemente, die sich wie Steine einer atmenden Mauer vor und zurück schieben, anwachsen und zusammenschrumpfen.

In Rafaël Rozendaals Arbeit „Neo Geo City“ von 2014 wird die Neo-Geo-Malerei der 1980er Jahre, die von bunten geometrischen Formen geprägt war, zu einer sich ins Unendliche ausdehnenden Wolkenkratzer-Stadt, die der Betrachter überfliegt. Und mit Kim Albrechts „Hypercam“ schließlich kann man die Bilder der eigenen Computerkamera zu entkörperlichten Objekten machen.

Flug über eine virtuelle Stadt: Das Online-Kunstwerk Werk „Neo Geo City“ von Rafaël Rozendaal verbindet die Ästhetik von Malerei aus den 1980er Jahren mit der Unendlichkeit künstlicher Welten im Internet. Foto: ZKM/Rafaël Rozendaal

Inspiriert hierzu wurde der Künstler durch die irreale Situation von Zoom-Konferenzen. in denen die Teilnehmer einander körperlos als „talking heads“ begegnen.

Das Universum als großer Computer

Warum aber wird zum Einstieg in eine Ausstellung solcher Arbeiten auch die Zuse-Schrankwand aus den 1950er Jahren präsentiert? Livia Nolasco-Rozsas erklärt, der inhaltliche Impuls für die Ausstellung entstamme Zuses Buch „Der rechnende Raum“. Zuse hatte darin das Universum selbst als großen Computer gedeutet, zusammengesetzt aus zellularen Automaten. Als solche sieht der Ausstellungsbesucher die Werke nun in einem virtuellen ZKM-Lichthof: Zwischen weißen Wänden ragen zehn farbige Formen wie Algen oder DNA-Ketten nach oben.

Jede davon repräsentiert eines der Kunstwerke, die einen Bogen von der frühen Medienkunst bis in die Gegenwart schlagen. So haben Margit Rosen und Daniel Heiss vom ZKM mit „Tape Mark I“ eine historische Arbeit aus dem Jahr 1961 rekonstruiert.

Damals entwickelte der italienische Dichter Nanni Balestrini einen Algorithmus, um Sätze und Verse anderer Autorinnen und Autoren immer neu zu kombinieren. Nicht alles, was diese potenziell unerschöpfliche Gedichtmaschine nun von sich gibt, hat tatsächlich lyrische Wirkung - aber der Effekt, den das „Remixen“ von Worten ergibt, bleibt erstaunlich.

Pionierarbeit durch Medienkunst

Als Video zu sehen ist die von Vladimir Bonačić 1969/1970 konzipierte interaktive Lichtskulptur „GF E 32 – NS“, die wechselnde visuelle Muster in einem vom Betrachter beeinflussten Rhythmus zeigt. Von vornherein als Video konzipiert ist Kirsten Geislers Installation „Who Are You?“ von 1996.

Hier treffen eine filmisch reproduzierte und eine computergenerierte Version einer jungen Frau aufeinander und fragen: „Wer bist du?“ Angesichts dessen, wie schnell ein knappes Vierteljahrhundert später sich mit Smartpone-Apps digitale Avatare basteln lassen, wirken diese frühen computergenerierten Bilder schon fast rührend antiquiert, erinnern aber zugleich daran, dass vieles, was mittlerweile alltäglich ist, in der Pionierarbeit der Medienkunst wurzelt.

Service



Zu sehen ist die virtuelle Schau »Berechenbar – Unberechenbar« bis Oktober 2021 unter digitalekunsthalle.zdf.de .

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