Gefragt bei den Autogrammjägern am roten Teppich: Sigourney Weaver, Star des Berlinale-Eröffnungsfilms "My Salinger Year". | Foto: dpa

Eröffnungsfilm „Salinger Year“

Berlinale-Start mit beschaulicher Literatur-Hommage

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Was inspiriert Menschen zum Filmemachen? Bei der deutschen Produzentin Bettina Brokemper, die in diesem Jahr zur Berlinale-Jury gehört, war es ein Kindheitserlebnis. Sie sah Disneys „Bambi“-Film im Kino. Die Publikumsreaktionen haben sich ihr eingebrannt. „Ich hatte noch nie weinende Väter gesehen. Etwas, das so starke Emotionen hervorrufen kann – das wollte ich auch machen“, sagte Brokemper bei der Jury-Pressekonferenz vor der feierlichen Eröffnung der 70. Berlinale.

Ihr Statement passt in gewisser Weise zum Eröffnungsfilm des Festivals: Für „My Salinger Year“ hat der Frankokanadier Philippe Falardeau einen autobiografischen Roman der Autorin Joanna Rakoff adaptiert. Auch hier geht es um den Drang, selbst künstlerisch tätig zu werden. Erzählt wird, wie die junge Joanna im Herbst 1995 das Collegestudium schmeißt, um in New York Autorin zu werden.

Als Assistentin einer Literaturagentin wird sie konfrontiert mit den starken Emotionen, die Kunst freisetzen kann. Denn die Agentur betreut das wohl berühmteste Phantom der Weltliteratur. J. D. Salinger hat sich zwar schon 30 Jahre zuvor vollständig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.

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Phantom der Weltliteratur

Doch sein sensationelles Debüt „Der Fänger im Roggen“ von 1951 trifft immer noch so viele Leserinnen und Leser ins Herz, dass täglich jede Menge Fanpost bei der Agentur ankommt. Um diese Post muss sich Joanna kümmern, denn „Jerry“, wie der Autor hier genannt wird, soll auf gar keinen Fall damit behelligt werden.

Karriere im Hintergrund: Joanna (Margaret Qualley) macht sich für ihre Chefin (Sigourney Weaver) unverzichtbar. | Foto: dpa

Der Film sei „ein Liebesbrief an die vergangene New Yorker Literaturszene“, befand Sigourney Weaver bei der Pressekonferenz in Berlin. Die einst mit der „Alien“-Reihe bekannt gewordene Schauspielerin gibt als altmodisch-spröde Agenturchefin Margaret den emotionalen Gegenpol zur sehr empathischen Joanna. Deren Darstellerin Margaret Qualley zeigt mit dem inneren Leuchten des jugendlichen Tatendrangs, wie schwer es Joanna fällt, auf die offengelegten Gefühle der Salinger-Leser stets mit abweisenden Formbriefen zu antworten.

Gut gelaunt in Berlin: Margaret Qualley und Sigourney Weaver, die beiden Stars des Eröffnungsfilms „My Salinger Year“.

Doch weder daraus noch aus dem ungewohnten Sujet einer weiblichen Mentorin-Schülerin-Beziehung schlägt der Film Kapital. Der Konflikt zwischen literarischer Kunst und dem Zwang zur Vermarktung wird ebenso nur angerissen wie die Umwälzungen durch die Mitte der 90er Jahre beginnende Digitalisierung (wobei die Verachtung, mit der Weavers Margaret auf einen neu angeschafften Computer blickt, von großartiger Komik ist).

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Leider nur „unterwältigend“

Vom Zauber des geschriebenen Wortes schließlich, das ja eigentlich im Zentrum des Films stehen soll, kommt rein gar nichts rüber. Höflich ließe sich „My Salinger Year“ als „unterwältigend“ bezeichnen, weniger höflich als noch langweiliger als der ebenfalls in New York spielende Eröffnungsfilm der vergangenen Berlinale, „The Kindness of Strangers“.

Rätselhafte Entscheidung

Rätselhaft ist, welches Zeichen die neue Berlinale-Direktion mit der Eröffnung durch diesen arg betulichen Film setzen will. Im Programmheft verspricht der künstlerische Leiter Carlo Chatrian eine „Mischung aus Filmen, die die Welt erforschen“.

In „My Salinger Year“ wird freilich nur eine Postkartenwelt erforscht. Selbst Joannas Überwindung herkömmlicher Geschlechtsrollenbilder, von denen ihre Beziehung mit einem egozentrischen Jungautor geprägt ist, macht diesen Film nicht zum aktuellen Debattenbeitrag.

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Debatten um Jeremy Irons

Debatten gab es im Vorfeld hingegen um den Jury-Präsidenten. Als der britische Schauspielstar Jeremy Irons für dieses Amt ernannt wurde, kam Kritik auf wegen früherer Interview-Aussagen von Irons zu den Themen sexuelle Belästigung, gleichgeschlechtliche Ehe und Abtreibung.

Die Jury stellt sich der Presse – auch das gehört zu den Ritualen des Berlinale-Eröffnungstages. | Foto: dpa

Um diese Diskussion nicht über dem Festival schwelen zu lassen, verlas Irons zu Beginn der Jury-Pressekonferenz ein Statement, in dem er betonte, er unterstütze mit ganzem Herzen den Kampf für die Frauenrechte sowie die Rechte auf gleichgeschlechtliche Ehe und auf Abtreibung, wenn sie von der Frau gewünscht sei. Diese Menschenrechte seien Grundlagen eines zivilisierten Zusammenlebens. Von den zehn Festivaltagen erhoffe er sich Filme, die „unsere Denkweisen herausfordern und neue Perspektiven eröffnen“.