Trügerische Sommeridylle: Szene aus dem beklemmenden italienischen Wettbewerbsbeitrag "Favolacce". | Foto: Berlinale/Pepito Produzioni

Berlinale zeigt „Favolacce“

Bei diesen Kinobildern wird es trotz Sommerhitze eiskalt

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So kann es nicht weitergehen! Das sagen Kinder und Jugendliche seit Monaten bei den Demonstrationen „Fridays for Future“. Die Kinder in dem italienischen Berlinale-Wettbewerbsfilm „Favolacce – Bad Tales“ stellen sich einer ignoranten Erwachsenenwelt ebenfalls entgegen, aber mit ganz anderem Ende. Um Auswüchse einer nur auf Konsum fixierten Gesellschaft geht es auch in der belgischen Satire „Effacer l’historique“. Dort wird mit wütenden Pointen die allumfassende Digitalisierung aufs Korn genommen.

„Favolacce“ erzählt von den Sommerferien in einer Provinzsiedlung. Die Bilder sind lichtdurchflutet,  gleiten aber über immer unbehaglichere Szenarien schließlich in eine Katastrophe. Dabei sind es eigentlich ganz normale Szenarien, die der Film aber stets ins Beklemmende kippen lässt, bis man trotz der äußerlichen Sommerhitze ins Frösteln gerät.

Abgleiten ins Beklemmende

Da gibt es ein familiäres Abendessen im Garten, bei dem ein Kind sich verschluckt und die Eltern deswegen ausrasten. Da rasieren Eltern einem Mädchen die Haare wegen Kopfläusen, die es aus einem Gartenpool hat. Da kichert ein höchstens zwölfjähriges Paar über den Internetverlauf voller Pornoseiten auf dem Handy eines ahnungslosen Vaters.

Da werden der schüchternste Junge und eines der schönsten Mädchen der Klasse von ihren Eltern zusammengebracht, damit das Mädchen die Masern hinter sich bringt, die der Junge gerade hat. Und das Schulprojekt, für das sich die Kinder immer wieder treffen, entpuppt sich als Bau einer Bombe.

David Lynch lässt grüßen

Als hätte David Lynch einen Film über die Entfremdung zwischen Kindern und Eltern in der Pubertät gedreht, erzeugen die Zwillingsbrüder Damiano und Fabio D’Innocenzo irritierende Spannung durch den Kontrast zwischen aufmerksam schweigenden Kindergesichtern und dauerquasselnden Eltern. Für den Zuschauer ist schwer zu sagen, welche Seite hier kälter wirkt. Dass sich die Kinder schließlich dem Leben ihrer Eltern endgültig entziehen, wirkt bestürzend konsequent.

Belgische Konsumsatire

So kann es nicht weitergehen – das erkennen auch die Protagonisten in der belgischen Satire „Efaccer l’historique“ (übersetzt etwa: Verlauf löschen). Auch hier ist die Szenerie eine Vorortsiedlung, auch hier sind die Figuren gestresste Nachbarn. Doch hier regiert schwarzhumoriger Sarkasmus: Im Pointen-Stakkato haut einem der Film die Absurditäten der schönen neuen Online-Shopping-Welt um die Ohren.

Da schleppt ein nach Luft schnappender Fahrradkurier online bestelltes Mineralwasser in Plastikflaschen-Sechserpacks heran. Da kämpft eine Taxifahrerin verzweifelt gegen ihre miesen Kundenbewertungen im Internet. Da verliebt sich ein hoch verschuldeter Vater in eine Callcenter-Stimme auf Mauritius.

Mit Humor und Joghurtbechern gegen den Digitalisierungswahn: Szene aus der belgischen Satire „Effacer l´historique“. | Foto: Berlinale/Les Films du Worso

Im Ensemble ragt Blanche Gardin hervor, die so urkomisch wie traurig eine überforderte Mutter spielt, die ein peinliches Sextape aus der Cloud löschen möchte. Doch dabei kann ihr nicht mal Gott helfen, der hier als Hacker in einem Windrad haust. Denn gegen die Künstliche Intelligenz der Rechenzentren kommt er nicht an.

Clinton besucht „Hillary“

Diese Filme brachten Themen, aber keine Prominenz nach Berlin. Das gelang dafür der vierstündigen Doku „Hillary“, die als Vierteiler für den US-Streamingdienst Hulu entstanden ist und nun zwei Mal komplett in Berlin gezeigt wurde. Zu dieser Präsentation war die Porträtierte, nämlich Hillary Clinton, an die Spree gekommen und wurde bei ihrem Auftritt vor der Presse natürlich auch auf den aktuellen US-Wahlkampf angesprochen.

Bei der Frage, ob sie sich vorstellen könnte, dass die Demokraten einen Sozialisten aufstellen, weicht sie noch auf die Erklärung aus, den Kandidaten zu unterstützen, für den sich die Partei entscheide. Doch „der jetzige Amtsinhaber“ (den sie nie beim Namen nennt) müsse abgelöst werden. Hier findet auch sie: So kann es nicht weitergehen.