Johnny Depp mit der Autorin Aileen Mioko Smith, der Witwe des von ihm dargestellten US-Fotografen W. Eugene Smith, auf dem roten Teppich vor der Berlinale-Premiere des Films "Minamata". | Foto: dpa

Berlinale 2020: Der zweite Tag

Johnny Depp zeigt bei der Berlinale seine Rückkehr als Schauspieler

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Johnny Depp ist keine Quasselstrippe. Bei der Pressekonferenz zu dem Berlinale-Beitrag „Minamata“ gehen fast alle Fragen an ihn, als Hauptdarsteller, Produzent und größten Star dieses Films. Und stets äußert er sich sehr bedächtig. Was wohl auch am Thema des Films liegen mag: „Minamata“ beruht auf der bedrückenden Geschichte eines Umweltskandals, der viele Menschenleben gekostet hat und bis heute andauert.

Der Film erzählt, wie der gealterte Fotoreporter W. Eugene Smith, der durch seine Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg zum Star der Branche wurde, Anfang der 70er Jahre für das „Life“-Magazin nach Japan reist. Im japanischen Fischerdorf Minamata dokumentiert er die dramatischen Folgen von Quecksilbervergiftung durch die Abwässer des Chemiekonzerns Chisso.

Erschütternde Reportagefotos

Berühmt sind Smiths Aufnahmen der Kinder, die dort mit Missbildungen zur Welt gekommen sind. Das erschütternde Foto „Tokomoto Uemura in ihrem Bad“, auf dem zu sehen ist, wie eine schwerstbehinderte und körperlich deformierte Zwölfjährige von ihrer Mutter gebadet wird, gilt als eines der wichtigsten Reportagefotos der Geschichte.

Auftritt als saufender Zyniker

Leicht könnte man Parallelen ziehen zwischen Johnny Depp und seiner Rolle: W. Eugene Smith begegnet dem Zuschauer zunächst als saufender Zyniker, der sich von der Welt fern hält. Ähnlich wurde Johnny Depp seit seiner von Gewaltvorwürfen begleiteten Scheidung 2016 in den Klatschspalten dargestellt.

In Berlin fragt eine Journalistin, ob er etwas dazu sagen könne, wie es für ihn gewesen sei, einen Vater zu spielen, der keinen Kontakt zu seinen Kindern hat. Depp antwortet, bedächtig wie bei allen Fragen, man habe in den Filme einige Details der Biografie von W. Eugene Smith mit aufgenommen, um die Figur plastischer zu machen, sich aber vor allem auf das wichtige Thema der Minamata-Krankheit konzentriert.

Filmszene aus „Minamata“ mit Johnny Depp als W. Eugene Smith und Minami als Smiths spätere Frau Aileen. | Foto: Berlinale/Horricks

Das ist dem Film überzeugend gelungen. Und will man nach Parallelen zwischen Depp und Smith suchen, dann wäre auch zu sagen: So wie Smith seinerzeit in Minamata nach einer tiefen Krise seine wohl wirkmächtigste Arbeit gelungen ist, so könnte auch „Minamata“ einen Wendepunkt in der Karriere von Johnny Depp werden. Nachdem er auf der Kinoleinwand lange vor allem als Piratenclown zu sehen war, zeigt er mit „Minamata“ seine Rückkehr als Schauspieler.

Wendepunkt in der Karriere?

Darstellerisch ist es beeindruckend, wie sich der einstige Teenie-Schwarm in einen versoffenes Wrack verwandelt und dann zeigt, wie Smith in der Konfrontation mit fremdem Leiden neue Energie und auch neue Demut findet. Inhaltlich gelingt es dem von Andrew Levitas inszenierten Film, eine erschütternde wahre Geschichte schlüssig und schnörkellos zu erzählen, ohne in simple Klischee-Dramaturgie zu flüchten.

Die meisterliche Kameraarbeit von Benoît Delhomme (Depp spricht von einem „organischen Tanz zwischen dem Schauspieler und der Kamera“) leistet ebenso ihren Beitrag wie der Einsatz des Ensembles, das auch in Berlin überzeugend das gemeinsame Engagement in dieser Sache bekundet.

Dicht bedrängt von den Fans: Bei der Autogrammrunde nach der Pressekonferenz gaben zwei Bodyguards auf Johnny Depp acht. | Foto: dpa

Und mit einer ausgiebigen Autogrammrunde an den Absperrgittern vor der Ausfahrt des Hyatt-Hotels befriedigt Depp nach der Pressekonferenz auch seine langjährigen, immer noch laut kreischenden Fans – zwei Unterschriften gibt er sogar noch aus dem geöffneten Fenster des fahrenden Autos.

Glanzlicht von „Pixar“

Ein weiteres Glanzlicht hat die neue Pixar-Produktion „Onward“ gesetzt. Die Oberfläche ist zwar so bunt und unterhaltsam wie man es von Animationsfilmen gewohnt ist. Aber ungewohnt deutlich geht es hier um den Schmerz des Verlustes und den Umgang damit.

Zwei Halbwaisen auf Vatersuche: Ian und Barney erleben im Animationsfilm „Onward“ ein Abenteuer, das man als Zuschauer zwischen Weinen und Lachen miterlebt. | Foto: dpa

Die Hauptfiguren sind der 16-jährige Ian und sein 18-jähriger Bruder Barney, deren Vater kurz nach Ians Geburt gestorben ist. Unerwartet erhalten sie die Gelegenheit, ihn für einen Tag zurückzuholen. Daraus entsteht ein furioses Chaos, in dem Lachen und Weinen nah beieinander liegen (Kinostart: 5. März).

Kandidat für Darsteller-Bär

Mit „Minamata“ und „Onward“ hat die Sektion „Berlinale Special“ bereits zwei Hochkaräter präsentiert, der Wettbewerb muss noch Fahrt aufnehmen. Mit Elio Germano aus dem italienischen Beitrag „Volevo Nascondermi – Hidden Away“ gibt es aber schon einen Kandidaten für den Darsteller-Bären: Mit enormer Hingabe und Verwandlungskunst porträtiert er den körperlich und geistig beeinträchtigten Künstler Antonio Ligabue (1899-1965).

Beeindruckende Verwandlungskunst: Elio Germano in der Rolle des Art-Brut-Künstlers Antonio Ligabue. | Foto: Berlinale/Luigi

Dieser gilt als bedeutender Vertreter der „Art Brut“. Doch vor seiner Entdeckung lebte er lange in bitterer Armut. Regisseur Giorgio Diritti erzählt davon ebenso stimmig wie er Bilder und Szenen findet, die Ligabues künstlerischen Drang vermitteln. Kein Massenfilm, aber ein Kinoerlebnis.